08.05.2018

Meinung Braucht Deutschland auch eine Ministerin für Einsamkeit?

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Sollte es bei uns auch eine/n MinisterIn für Einsamkeit geben? Kann solch ein Amt wirklich einsamen Menschen helfen?

Foto: iStock/Martin Dimitrov

Sollte es bei uns auch eine/n MinisterIn für Einsamkeit geben? Kann solch ein Amt wirklich einsamen Menschen helfen?

Könnte es auch in Deutschland bald ein Ministerium für Einsamkeit geben – ganz nach britischem Vorbild? Brauchen wir das hier überhaupt? Dazu schreibt hier die GOLDENE BILD der FRAU-Preisträgerin Dr. Christine Wichert (53) – sie versucht mit ihrem Verein "Wahlverwandtschaften" seit Jahren, Menschen aus der Isolation zu holen.

Tracey Crouch (42) soll als Ministerin der Einsamkeit in Großbritannien gegen die "traurige Realität des modernen Lebens" kämpfen. Auch bei uns fühlt sich mindestens jeder Zehnte einsam – und dass ständiges Alleinsein krank macht, bestätigen viele Experten. Sollte Einsamkeit also auch bei uns zur Regierungssache werden?

Ministerin für Einsamkeit: Kann solch ein Amt auch bei uns helfen?

Ein Ministerium für Einsamkeit – was für ein mutiger Schritt! Unsere Politiker zeigen bisher wenig Interesse an diesem Thema: Einsamkeit ist ein Tabu, uncool, ein gesellschaftlicher Makel. "Mit dem kann ja was nicht stimmen, wenn der keine Freunde hat" ist das vorherrschende Gefühl. Darüber redet man nicht, deshalb ziehen sich die Menschen noch mehr zurück. Hier müsste die Politik tatsächlich etwas tun.

Niemand sollte sich schämen, sondern offen auf andere zugehen können und sagen dürfen: Ich fühle mich einsam, ich suche neue Freunde, Anschluss, möchte reden, etwas unternehmen! Was wir brauchen, sind öffentliche Kampagnen gegen die Stigmatisierung und Tabuisierung von Einsamkeit. Damit Menschen sich trauen, darüber zu reden und etwas zu ändern. Dafür muss die Politik sorgen!

Einsamkeitsministerium als falsches Signal

Aber ein ganzes Ministerium gegen Einsamkeit könnte auch ein falsches Signal sein: Weil so ein Amt die Anspruchshaltung der Menschen verstärkt, die Erwartung, dass man sich um sie kümmern müsste. Aber so funktioniert das nicht! Jeder muss selbst etwas dazu beitragen, wenn er nicht allein sein möchte. Nur klagen, das hilft nicht. Man muss sich selbst fragen, was man tun kann, um nicht einsam zu sein. Jeder hat Qualitäten, jeder kann anderen etwas geben. Klar, es kostet auch Mühe und Anstrengungen, Kontakt aufzubauen und zu pflegen. Aber es lohnt sich!

Das menschliche Miteinander muss gelernt werden

Besser als ein Ministerium wäre das Schulfach "Menschliches Miteinander". Denn wir werden immer schlechter darin, Beziehungen aufzubauen. Früher lebte man in Großfamilien. Heute gibt es immer mehr Singles, Alleinerziehende, Einzelkinder. Deshalb sollte auf den Lehrplan: Wie pflege ich Freundschaften, wie reagiere ich auf andere, wie verhalte ich mich in Gruppen.

In einer Zeit, in der Jugendliche nur noch per Handy-Nachrichten kommunizieren, sehe ich da einen großen Bedarf. Wir müssen wieder lernen, dass es normal ist, auch mal Ablehnung zu erfahren. Und nicht immer so kritisch und perfektionistisch zu sein! In Deutschland wird viel gemotzt und gemeckert. Das überträgt sich auch ins Privatleben. Daran kann auch ein Ministerium nichts ändern – nur wir selbst.

Einsamkeit kann weitere psychische Folgen haben. Entdecken Sie Ratgeber zum Thema Depression, die unterschiedlich verursacht sein und sich zudem unterschiedlich zeigen kann.

Einsamkeit und Rückzug gibt es in alles Altersgruppen

Das Ministerium in England soll sich hauptsächlich um Senioren, pflegende Angehörige und Trauernde kümmern. Ein guter Ansatz, aber er geht nicht weit genug. Auch viele Jüngere haben immer weniger Freunde und Menschen, die ihnen nahestehen. Der Job frisst sie auf, lässt kaum noch Energie übrig, sich mit anderen zu treffen.

Die moderne Gesellschaft ist voll von Einsamkeits-Betäubungsmitteln: 24-Stunden-TV-Programm, Computerspiele, Lieferdienste, Onlineshopping. Ein Beispiel: Früher ist man auch mal mit einer Freundin einkaufen gegangen – heute bestellt man im Internet. Unser modernes Leben wird bequemer – und einsamer. Aber wer nur noch zu Hause bleibt, vereinsamt. Und wer sich zurückzieht, der fehlt auch anderen. Wir sollten alle mal viel öfter unsere Komfortzonen verlassen. Auch darüber könnte die Regierung aufklären.

Ein Ministerium könnte auch erklären, dass Social Media die Wirklichkeit verzerrt: Hunderte Freunde, immer gut gelaunt in der Welt unterwegs und immer auf Achse. So was blendet, lässt andere frustriert zurück. Dabei zeigen Facebook & Co. nur den Schein und nicht den Schatten. Das baut Druck auf, den man nicht an sich heranlassen darf. Drei gute Freundinnen sind viel mehr wert als 300 coole Fotos bei Facebook!

Wir dürfen nicht auf eine/n MinisterIn Ministerium der Einsamkeit warten!

Wir von "Wahlverwandtschaften" haben vor ein paar Jahren in einer repräsentativen Studie herausgefunden, dass sich 70 Prozent der Befragten manchmal einsam fühlen. Die Mehrheit! Wir haben die Ergebnisse auch an die Familienministerin geschickt. Keine Reaktion. Deshalb ist mein Rat: Wartet nicht auf ein Ministerium, auf ein Zaubermittel gegen Einsamkeit. Unternehmt selbst etwas dagegen. Mit Mut und Energie ist das einfacher, als man denkt!

So finden Sie leichter Freunde:

  • Wie kann ich neue Menschen kennenlernen? Überlegen Sie, was Ihnen Spaß bereitet. Sie singen gern? Dann ist vielleicht ein Chor das Richtige. Sie tanzen gern? Auf in den Tanzkurs. Oder suchen Sie einen Verein, in dem Sie sich gern – und gemeinsam mit anderen – engagieren. Es fällt leichter, über Hobbys oder Interessen neue Kontakte zu knüpfen, denn man hat gleich gemeinsame Gesprächsthemen.
  • Welche Profis helfen bei Einsamkeit? Gerade ältere Menschen sollten sich einen Ansprechpartner suchen: Man kann sich an den Pastor, Hausarzt oder auch den Nachbarn wenden. Insbesondere kirchliche Seelsorger sind prima Anlaufstellen, die sicher ein offenes Ohr haben.
  • Und wenn es mir schwerfällt, auf andere zuzugehen? Das liegt nicht jedem, das stimmt. Und heute kann man Kontakte ja leicht in die virtuelle Welt verlegen. Die ist aber überhaupt kein Ersatz für echten, direkten Austausch und gemeinsame Unternehmungen. Da hilft nur eins: rausgehen, auf Menschen zugehen. Und sich einen Ruck geben. Fragen Sie Ihre nette Kollegin, ob sie mal gemeinsam nach Feierabend etwas unternehmen wollen. Oder sprechen Sie Ihren Sitznachbarn im Theater oder Kino an. Schlimmstenfalls bekommt man eine Absage – die sollte man aber in keinem Fall persönlich nehmen. Wahrscheinlich hat derjenige schon etwas anderes vor. Fragen Sie einfach nach einem konkreten Termin oder bitten um einen Terminvorschlag.
  • Hier gibt's Anschluss: Der Verein "Silbernetz" (www.silbernetz.org) hat ein kostenfreies Hilfetelefon: 0800-470 80 90. "Freunde alter Menschen e. V."(www. famev.de) vermittelt Kontakte in Berlin und Hamburg. Auf Internetportalen wie www.ahano.de und www.lebensfreude50.de kann man sich zu gemeinsamen Ausflügen und Treffen verabreden. Über www.schuechterne.org organisieren sich Selbsthilfegruppen für introvertierte Menschen.

Dieser Kommentar von der GOLDENE BILD der FRAU-Preisträgerin Dr. Christine Wichert zur Ministerin für Einsamkeit erschien zuerst in der BILD der FRAU Nr. 14.

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Es gibt übrigens auch ein paar Tipps, das eigene Selbstvertrauen zu stärken. Mut gehört dazu – aber auch einfach ein bisschen Training. Geben Sie nicht auf!

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