24.04.2018

Unkrautvernichtungsmittel Gründe für das Glyphosat-Verbot & woran es bislang scheitert

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Es gibt viele Gründe für ein Glyphosat-Verbot, doch die Politik und Agrarindustrie winken bislang ab. Alles halb so schlimm? Wohl eher nicht! Lesen Sie, warum ein Verbot des Unkrautvernichtungsmittels längst überfällig ist.

Foto: iStock/CactuSoup

Es gibt viele Gründe für ein Glyphosat-Verbot, doch die Politik und Agrarindustrie winken bislang ab. Alles halb so schlimm? Wohl eher nicht! Lesen Sie, warum ein Verbot des Unkrautvernichtungsmittels längst überfällig ist.

Die Glyphosat-Trecker rollen wieder. Wer mit dem Unkrautgift in Kontakt kommt, soll Schutzanzug und Handschuhe tragen. Feldhamster, Wildbienen, Rehkitze und all die anderen Feldbewohner können das nicht...

Der Trecker rollt im sanften Sonnenlicht langsam übers riesige Feld, versprüht dabei einen feinen Nebel – fast sieht diese Szene nach Landidylle aus. Aber das ist kein Wasser, das hier den Boden benetzt – das ist Glyphosat, das umstrittenste Unkrautvernichtungsmittel unserer Zeit. Lesen Sie, warum ein Glyphosat-Verbot eingeführt werden sollte, die Anwendung des Unkrautvernichters so umstritten und problematisch ist, und welche Gemeinden und Marken sich bereits gegen das Gift aussprechen.

Unkrautvernichter Glyphosat: Ein Verbot ist längst überfällig

Gerade hat das Mittel wieder Hochsaison, das die Forschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation als "wahrscheinlich krebserregend" für den Menschen eingestuft hat. Natur- und Tierschützer forderten vehement ein Glyphosat-Verbot. Ohne Erfolg: Erst vor kurzem hat die EU-Kommission für fünf weitere Jahre den Einsatz von Glyphosat erlaubt – auch Deutschland war dafür. "Eine Katastrophe für Natur und Tiere", nennt das Magnus Wessel vom Bund für Umwelt und Naturschutz, "Glyphosat bringt nicht nur Unkraut schnell und gründlich um – es schadet auch anderen Pflanzen und den Tieren."

Bedenken, die sogar das Bundesumweltamt teilt: Laut der Behörde werden durch Glyphosat Kräuter und Gräser auf Ackerflächen vernichtet – und damit Insekten und Feldvögeln die Lebensgrundlage entzogen. "Auch Hummeln und Wildbienen sind stark betroffen", sagt Wessel. Worunter, so der Experte, auch wieder die Bauern leiden: "Gerade Wildbienen sorgen durch die Bestäubung für fantastische Erdbeeren und Himbeeren."

Glyphosat zerstört Leben, es bedroht von Feldhamster bis Feldhasen alle Tiere, die in Monokulturen eh kaum noch Schutz und Deckung finden. Die tierische Liste ist zum Heulen lang: Wachteln, Rebhühner, Fasane, Wildschweine, Rehe – sie alle fressen glyphosatgetränktes Futter. Inzwischen schlagen sogar die Jäger Alarm. "Dabei besteht zwischen Bauern und Jägern eigentlich eine alte Allianz", erklärt BUND-Fachmann Magnus Wessel, "doch die bröckelt." Vor allem von April bis Juni starben im letzten Jahr viele tragende Ricken und Kitze an Tumoren, Leber- und Nierenerkrankungen – das "passt ins Bild für Folgen nach Aufnahme von Glyphosat", befürchten selbst Jäger.

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Wird die Gefahr von Glyphosat in Politik und Agrarindustrie nicht erkannt?

Nur die Agrarindustrie und die große Politik winken ab. Martin May (50), Pressesprecher beim Industrieverband Agrar, wittert gar Panikmache: "Glyphosat wurde teilweise als 'Super-Gift' dargestellt. Aber schauen Sie mal auf den Messwert, mit dem Giftigkeit beschrieben wird: Glyphosat ist weniger giftig als Kochsalz!"

Auch das Bundeslandwirtschaftsministerium ist für ein sofortiges Glyphosat-Verbot weiter nicht zu haben: "Der Einsatz von Glyphosat hat sich durch restriktive Anwendungsregelungen in den vergangenen fünf Jahren schon um ein Drittel reduziert", beschönigt ein Sprecher des Ministeriums auf BILD der FRAU-Anfrage. Namentlich will er nicht zitiert werden. Aber: "Diese konsequente Reduktionsstrategie wird fortgeführt." Viel Polit-Sprech also aus dem Julia-Klöckner-Ministerium, keine konkrete Ansage.

Und so sprühen Landwirte wohl weiter jedes Jahr 5 000 Tonnen Glyphosat auf ihre Felder. 40 Prozent aller landwirtschaftlichen Flächen behandeln sie mit dem Unkrautvernichter, bei Wintergerste oder Winterweizen sind es bis zu 70 Prozent, bei Raps sogar bis zu 90 Prozent.

Erste Erfolge im Glyphosat-Verbot

Doch zum Glück es gibt erste Gemeinden und Kommunalpolitiker, die sich wehren! In Miesbach, Oberbayern, zum Beispiel ist das Unkrautgift verboten: "Wir haben hier naturnahen Tourismus", erklärt Landrat Wolfgang Rzehak. "Dazu gehört für uns auch, dass wir ein glyphosatfreier Landkreis sind."

Die Samtgemeinde Artland bei Osnabrück hat ebenfalls entschieden, dass auf den verpachteten Flächen, die landwirtschaftlich betrieben werden, kein Glyphosat mehr verwendet werden darf. "Die neuen Pachtverträge sehen ein Glyphosat-Verbot vor" erklärt Frank Wuller (49) vom Samtgemeinderat Artland. Betroffen sind zirka 60 Hektar Fläche, auf der Getreide, Mais und Raps angebaut werden. "Die Grünen hatten den Verbotsantrag gestellt. Der wurde diskutiert, am Ende hat sich der Großteil des Gemeinderats dafür entschieden – auch nachdem ein Ratsmitglied, ein Mediziner, sich klar für ein Verbot ausgesprochen hatte."

Und auch die ersten Supermärkte reagieren! "Wir sprechen uns strikt gegen den Einsatz von Glyphosat in der Vorerntebehandlung sowie in der privaten Anwendung aus", sagt Kristina Schütz, Pressesprecherin der REWE Group. "Seit 2015 verkaufen wir in unseren toom Baumärkten kein Glyphosat mehr." Die bayerische Molkereigenossenschaft Milchwerke Berchtesgadener Land Chiemgau hat als erste große Molkerei für ihre Lieferanten ein Anwendungsverbot von Glyphosat erlassen.

Es tut sich also doch was?! Magnus Wessel jedenfalls machen diese Aktionen Mut. "So kann wenigstens jeder Verbraucher helfen, Felder und Tiere zu retten." Wenn schon die große Politik stur bleibt.

Auch diese Stoffe belasten unsere Felder

  • Neonicotionide: Damit wollen Bauern und Hobbygärtner Obst, Gemüse, Raps und Zuckerrüben vor Insekten schützen. Magnus Wessel vom BUND: "Nicht nur die sogenannten Schädlinge, sondern auch Insekten wie Honigbienen und Wildbienen werden durch sie getötet oder geschädigt. Neonicotinoide schwächen das Immunsystem der Bienen, stören ihre Orientierung, beeinträchtigen die Fortpflanzung."
  • Gülle: "Alltäglich, aber ebenfalls gefährlich", warnt der BUND-Mann. "Durch die Massentierhaltung haben wir immer mehr Gülle und immer weniger Felder. Dadurch landet zu viel auf den Feldern, die Böden versauern, die Gewässer kippen um."

Dieser Artikel über die Gründe für ein Glyphosat-Verbot erschien zuerst in der BILD der FRAU Nr. 16.

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