13.04.2018 - 14:57

Lebensmittelskandal DLG prämiert gepanschte Wurst mit Silbermedaille

Sieht aus wie Wurst, schmeckt wie Wurst – ist aber keine. Das Team von Frontal 21 hat aufgedeckt, wie eine gepanschte Wurst, die zu einem Großteil aus Fleischabfällen besteht, DLG-prämiert werden kann.

Foto: iStock/Edith64

Sieht aus wie Wurst, schmeckt wie Wurst – ist aber keine. Das Team von Frontal 21 hat aufgedeckt, wie eine gepanschte Wurst, die zu einem Großteil aus Fleischabfällen besteht, DLG-prämiert werden kann.

Die ZDF-Recherchereihe Frontal 21 gründet eine Scheinfirma, entwickelt eine Wurst mit nur 9 Prozent Fleischanteil und setzt sie anschließend der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft zur Prüfung vor. Ergebnis: Die DLG prämiert die gepanschte Wurst mit einer Silbermedaille.

Wie schafft man es, aus Fleischabfällen und Wasser ein DLG-prämiertes Produkt herzustellen? Man nehme eine kleine Portion Geflügelfleisch, strecke es mit viel Wasser und füge einen großen Teil Separatorenfleisch, also vom Knochen gelöste Fleischabfälle, hinzu. Noch ein paar Geschmacksverstärker dazu – fertig ist die gepanschte Wurst.

Danach legt man das zusammengepresste Gemisch den Prüfern der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) vor. Das erstaunliche Ergebnis: eine Silbermedaille, die zweitbeste DLG-Auszeichnung.

Gepanschte Wurst besteht nur zu 9 Prozent aus Fleisch

Unglaublich, aber so geschehen in den vergangenen Wochen, initiiert vom Rechercheteam der ZDF-Sendung Frontal 21. Für ihren Test gründete das Team eine Scheinfirma, für die der Metzgermeister Franz Josef Voll ein Produkt zusammenpanschte, das nach deutschen Lebensmittelstandards eigentlich nur schwerlich noch als Wurst bezeichnet werden kann.

Das Produkt besteht zu 9 Prozent aus Geflügelfleisch, zu 27 Prozent aus Wasser und zu 46 Prozent aus Separatorenfleisch. Der hohe Wasseranteil wurde anschließend durch die Zugabe von Schlachtblutplasma kaschiert. Besonders pikant ist aber nicht nur der hohe Wasseranteil, mit der die Wurst gestreckt wurde. Aufmerken lässt vor allem der hohe Anteil von beigemischtem Separatorenfleisch.

Was ist Separatorenfleisch?

Als Separatorenfleisch bezeichnet man die letzten noch verwertbaren Reste von Schlachtabfällen. Sprich: Proteine, Knochenstruktur und Knochenmark. Diese werden vom Knochen abgeschabt und zu einem Brei zusammengepresst. Dieses sogenannte Separatorenfleisch muss gesondert gekennzeichnet werden und darf laut deutscher Lebensmittelverordnung nicht mehr als Fleisch bezeichnet werden.

Das Separatorenfleisch vom Rind ist bereits wegen seiner gesundheitsgefährdenden Wirkung, die mit der BSE-Krise bekannt wurde, verboten. Doch auch das Separatorenfleisch vom Schwein, von Geflügel und von anderen Tieren birgt gesundheitliche Risiken.

Der Mediziner Georg Krupp, Facharzt für Innere Medizin am Krankenhaus Plettenberg, erklärte gegenüber dem Focus, dass Separatorenfleisch im Verdacht steht, aufgrund seiner Nähe zu Rückenmark, Nerven und hirnähnlichen Strukturen, gefährliche Erkrankungen des Hirns hervorzurufen. Auch hygienische Bedenken spielten eine Rolle: So sei die Oberflächenstruktur von Separatorenfleisch anfälliger für Bakterien, als ein herkömmliches, unbehandeltes Stück Fleisch.

"Ich gehe davon aus, dass die meisten Betriebe nicht nennen wollen, wo Separatorenfleisch drin ist"

Wie also ist es möglich, dass eine gepanschte Wurst, die nach deutschen Lebensmittelstandards durch jede Qualitätskontrolle durchfallen müsste, von der angesehenen DLG-Qualitätsprüfung die zweitbeste Auszeichnung erhält?

Gerade bei deutschen Verbrauchern lautet die Devise oft genug: Hauptsache billig. Deutsche geben im EU-Vergleich deutlich weniger Geld für Lebensmittel aus als ihre Nachbarn. Die Beimischung von großen Mengen Wasser und Separatorenfleisch ermöglicht es den Herstellern, billige Produkte herzustellen und trotzdem einen hohen Gewinn zu erzielen. Rund 130.000 Tonnen Separatorenfleisch sind laut EU-Kommission jährlich im Umlauf, fast die Hälfte davon wird in Deutschland verarbeitet.

Und das landet wahrscheinlich auch unbemerkt auf deutschen Tellern. Luise Molling von Foodwatch äußerte gegenüber dem Fokus ihre Bedenken. Sie geht davon aus, dass Separatorenfleisch in vielen billigen Wurstwaren zum Einsatz kommt, ohne deklariert zu werden. Auch der verbraucherschutzpolitische Sprecher der CSU im Bundestag, Volker Ullrich, erklärt gegenüber dem Fokus: "Ich gehe davon aus, dass die meisten Betriebe nicht nennen wollen, wo Separatorenfleisch drin ist."

Mangelhaftes Prüfverfahren der DLG

Das spiegelt sich auch in dem mangelhaften Prüfergebnis der DLG wieder. Produkte mit Separatorenfleisch seien zwar von vorneherein von einer Prüfung ausgeschlossen, gibt der DLG-Sprecher nach dem Frontal 21-Bericht bekannt. Jedoch verlässt sich die DLG hier nur auf die Herstellerangaben.

Doch eine sorgfältige Qualitätsprüfung liegt scheinbar auch gar nicht im Interesse der DLG. Ihr Prüfverfahren basiert vor allem auf Geschmacks-, Konsistenz- und Geruchstests. Insider kritisieren eine laxe Vergabe der Gold-, Silber- und Bronze-Gütenachweise. Nur 5 bis 20 Prozent der getesteten Lebensmittel erhalten kein Qualitätssiegel. Schließlich ist das Vergabeverfahren ein durchaus lukratives Geschäft. 30.000 Lebensmittel werden pro Jahr von der DLG getestet. Für die Prüfung ihres Produktes zahlen Hersteller bis zu 698 Euro.

Bessere Prüfverfahren sind nötig

Volker Ullrich fordert gegenüber Frontal 21 eine strengere Vergabe von Gütesiegeln: "Der Verbraucher muss klar und deutlich erkennen können, was denn tatsächlich in der Wurst ist. Wir brauchen andere und bessere Siegel."

Dafür ist jedoch auch ein Umdenken in Politik und bei deutschen Verbrauchern nötig. Fleisch von guter Qualität und artgerechter Tierhaltung erfordert seinen Preis. Für die Produktion von einem Kilo der gepanschten Wurst hat Metzgermeister Voll 59 Cent hingeblättert. Im Handel hätte das Produkt laut Fachleuten für mehr als sieben Euro über die Theke gehen können.

In der ZDF-Mediathek können Sie die Frontal 21-Sendung und den Beitrag "Wurstpanschen leicht gemacht" vom 10. April nachträglich ansehen.

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