09.04.2018 - 15:01

Interview mit Trauerbegleiterin "Trauer verjährt nicht, sie verändert sich nur"

Wie geht man mit der Trauer um, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist? Trauerbegleiter können Hinterbliebenen in diesen schweren Zeiten helfen.

Foto: iStock/patat

Wie geht man mit der Trauer um, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist? Trauerbegleiter können Hinterbliebenen in diesen schweren Zeiten helfen.

Der Tod ist ein Thema über das die meisten Menschen nicht gerne sprechen. Aber er gehört einfach zum Leben dazu. Wenn ein geliebter Mensch geht, ist das sehr schwer für die Hinterbliebenen. Speziell ausgebildete Trauerbegleiter versuchen ihnen in dieser schweren Zeit Halt zu geben.

Der Tod gehört zum Leben dazu. Aber trotzdem macht er uns Angst. Er hat etwas Endgültiges, das schwer zu begreifen ist. Für immer Abschied nehmen von einem geliebten Menschen – eine Situation, die viele Hinterbliebene vor große Probleme stellt. Die gewohnte Ordnung im Leben ist von einem auf den anderen Tag weg. In diesen schweren Phasen können speziell ausgebildete Trauerbegleiter Halt geben. Sie helfen Trauernden mit ihren Gefühlen und der neuen Lebenssituation umzugehen – und sie versuchen den Tod greifbar zu machen.

Aber was bedeutet es eigentlich, fremde Menschen bei ihrer Trauer zu unterstützen? Und wie ist es für Trauerbegleiter, ständig mit dem Tod konfrontiert zu sein? bildderfrau.de hat mit Christa Gundt gesprochen, die ehrenamtlich in der ambulanten Hospizgruppe Billerbeck e. V. als Trauerbegleiterin tätig ist. Seit 2007 liegt ihr Arbeitsschwerpunkt bei der Kindertrauerbegleitung. Sie bietet zudem Seminare für Erzieherinnen, Lehrerkollegien und Pflegekräfte zum Thema "Begleitung von Kindern in Abschieds- und Trauersituationen" an. Im Interview berichtet Frau Gundt über ihre Erfahrungen mit dem Tod, über die Trauer der Hinterbliebenen und wie sich ihr Leben durch die Arbeit verändert hat.

Christa Gundt über ihre Arbeit als Trauerbegleiterin

bildderfrau.de: Warum haben Sie sich dazu entschieden, Trauerbegleiterin zu werden?

Christa Gundt: Ich habe viele Jahre als Grundschullehrerin gearbeitet. In dieser Zeit sind mehrfach Familienmitglieder eines Kindes meiner jeweiligen Klasse gestorben. Damals habe ich festgestellt, dass es kaum Hilfe für die Familien gab, offen mit Tod und Trauer umzugehen. Es gab viel Hilflosigkeit im Umgang mit Tod und Trauer. Die Thematik Sterben und Tod war tabu. Das war schlimm, und ich wollte das ändern.

Also habe ich mich mit dem Thema beschäftigt. In Billerbeck gab es eine ambulante Hospizgruppe, wo Menschen so dachten wie ich. In vielen Fortbildungen habe ich dann gelernt, Kinder und Erwachsene auf ihren Trauerwegen zu begleiten.

Was genau machen Sie da?

Ich helfe Menschen dabei, ihren eigenen Weg im Umgang mit ihrer Trauer zu finden und zu gehen. Häufig kommen Erwachsenen in die Räume unserer Hospizgruppe und bitten um ein Gespräch. Ich bin dann da und höre zu. Viele kommen einige Male, andere über Jahre. Trauer verjährt nicht, sie verändert sich nur.

Ich gehe auch zu Familien, wenn jemand nach einem plötzlichen Todesfall Hilfe sucht. Darüber hinaus gestalten wir Gedenkfeiern, z. B. für verstorbene Kinder. Oder wir laden ein zu Informationsabenden, um Tod und Trauer als einen Teil des Lebens zu den Menschen zurückzubringen.

Wie helfen Sie und Ihre Kollegen den Kindern oder den Familien?

Mir ist es wichtig, genau hinzusehen, welche Hilfe gewünscht ist. Manchmal unterstützen wir mit mehreren Trauerbegleiterinnen eine ganze Familie in den Tagen zwischen Tod und Beerdigung eines Familienmitglieds. Dabei haben wir einen besonderen Blick auf die Kinder, die wir in die Geschehnisse miteinbeziehen.

Mit den Kindern gestalten wir Sarg- oder Urnentücher, eine Kerze für eine Grablaterne oder wir verzieren und füllen eine Erinnerungskiste (Schatzkiste). Gern unterstütze ich die Kinder auch dabei, ein Kissen aus einem Hemd des verstorbenen Vaters, einer Bluse der verstorbenen Mutter zu nähen, um einen nächtlichen Ankerplatz zu schaffen.

Zudem bieten wir Gruppen für trauernde Kinder an. Die Kinder im Alter von etwa fünf bis ungefähr dreizehn Jahren kommen zu uns in die Räume der Hospizgruppe. Der Austausch mit anderen trauernden Kindern entlastet, hier müssen sie niemanden schonen oder Rücksicht nehmen.

Wir ermutigen sie, ihren Gefühlen von Ohnmacht, Wut, Trauer, Verzweiflung und Schmerz Ausdruck zu geben. Und das tun sie auch, verbal oder in der kreativen Gestaltung oder auch am Boxsack. Inzwischen gibt es zudem viele gute Kinder- und Bilderbücher, die wir mit den Kindern betrachten. Wir reden über die Geschichte, stellen das Buchgeschehen szenisch oder auch kreativ dar.

Außerdem biete ich für Jugendliche "Kreatives Schreiben auf Trauerwegen“ an. Hierbei biete ich Schreibspiele an, die den Jugendlichen helfen, ihren Gefühlen Ausdruck und Form zu geben.

Einstellung zum Tod

Hat sich durch die Arbeit Ihre Einstellung zum Tod geändert?

Ja, mir ist immer mehr bewusst, dass wir den Tod wieder ins Leben zurückholen müssen. Sterben gehört zum Leben. So habe ich es als Kind auf unserem Bauernhof erlebt. Mein Vater starb zu Hause, er war zu Hause aufgebahrt. Das war "normal“ und auch in gewisser Weise schön. Es ist gut, wenn liebe Menschen in einer vertrauten Umgebung das Sterben begleiten. Das macht die Angst kleiner.

Was bedeutet der Tod für Sie?

Natürlich hat der Tod auch für mich eine ungeheure Wucht in seiner Unausweichlichkeit. Ich bin überzeugt von einem Weiterleben im Licht, das so ganz anders sein wird als wir es uns vorstellen können.

Was war Ihr schönster Moment als Trauerbegleiterin?

Als eine junge Mutter zu mir sagte: "Ich glaube, ich schaffe es jetzt, meinen Weg zu gehen. Danke!"

Wenn Kinder trauern

Trauern Kinder anders als Erwachsene?

Ja, Kinder leben im Hier und Jetzt. Da weinen sie voll Trauer und Hilflosigkeit, im nächsten Augenblick hüpfen sie ausgelassen umher. Sie springen sozusagen von Emotion zu Emotion. Auf Erwachsene kann das befremdlich wirken und zu Missverständnissen führen. Kinder haben zudem eigene Erklärungsmuster für den Tod. Oft übernehmen sie Schuld oder Schuldanteile. (Wäre ich früher zu Hause gewesen, wäre meine … nicht gestorben). Da hilft genaues Hinsehen und Hinhören, darüber zu reden kann die Last zumindest mildern. Wie bei den Erwachsenen geben wir auch den Kindern keine Lösungen vor, wir helfen ihnen vielmehr, ihren eigenen Trauerweg zu finden.

Was ist für Sie das Schwerste an Ihrer Tätigkeit?

Es ist für mich wirklich schwer, Kinder zu begleiten, die ihre Mutter oder ihren Vater verloren haben. Auch die Geschwistertrauer ist eine schwere Bürde. Das gilt besonders, wenn Gewalt, Suizid oder extrem tragische Umstände eine Rolle spielen. Manchmal möchte man den Kindern Trauer und Verzweiflung nehmen, aber das geht nicht. Und wäre auch nicht richtig. Vordergründiger Trost und Vertrösten sind verboten. Wir können nur mitgehen und ihnen Wege anbieten, ihren Gefühlen Ausdruck geben zu können, durch Bewegung, Musik, rituales Gestalten und kreatives Schreiben.

"Ich lebe bewusster"

Nehmen Sie, seitdem Sie als Trauerbegleiterin arbeiten, das Leben anders wahr?

Ja, ich lebe bewusster. Jeder Tag ist für mich Geschenk und Herausforderung. Das Leben in seiner Endlichkeit hat Botschaften für uns: Genieße das Leben, die Familie und die Freundschaften. Mach was daraus oder "Carpe diem".

Viele Menschen, die zu uns kommen, melden zurück, wie überrascht sie sind, uns in unserer Arbeit als Sterbe- und Trauerbegleiter als fröhliche Menschen zu erleben. "Ich habe 'Trauervögel' erwartet, habe aber gelernt, dass wir bei aller Trauer das Leben genießen dürfen. Lachen und Weinen – beides ist erlaubt", so ein älterer Herr. "Das hat mich verändert." Und uns auch!

Viele Menschen haben Angst vor dem Tod. Hast du etwas Mut machendes über den Tod für andere?

Ich habe auch Angst, natürlich. Wenn ich Verstorbene sehe, staune ich häufig über die stille Würde der Toten. Es ist fast so, als sei ihnen im Tod etwas Großartiges begegnet. Ein slawisches Sprichwort sagt: Die Lebenden schließen den Toten die Augen, die Toten öffnen den Lebenden die Augen.

Gehen wir also mit achtsam geöffneten Augen durch unser Leben!

Mehr zum Thema: In Würde sterben: Das Hospiz als letzte Station für Paare.

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Weitere Informationen über die Hospizgruppe Billerbeck können Sie auf der Website www.hospizgruppe-billerbeck.de erfahren. Die Angebote der Einrichtung sind für jeden Menschen da, unabhängig von Nationalität, Konfession und Alter. Wer die ehrenamtliche Arbeit der Hospizgruppe unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende tun.

  • Volksbank Baumberge, IBAN: DE40 4006 9408 0024 8188 00
  • Sparkasse Westmünsterland, IBAN: DE62 4015 4530 0034 5030 03

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