18.01.2018

Physisch und psychisch Kindesmisshandlung: So erkennen und handeln Sie richtig

Kindesmisshandlung ist in Deutschland gängiger als Viele wohl annehmen. Das Kindeswohl kann auf verschiedene Weisen gefährdet sein. Erfahren Sie, wie Sie Kindesmisshandlungen erkennen und was Sie aktiv dagegen tun können.

Foto: iStock/SinanAyhan

Kindesmisshandlung ist in Deutschland gängiger als Viele wohl annehmen. Das Kindeswohl kann auf verschiedene Weisen gefährdet sein. Erfahren Sie, wie Sie Kindesmisshandlungen erkennen und was Sie aktiv dagegen tun können.

Fälle von Kindesmisshandlung und -missbrauch sind in Deutschland viel präsenter als die meisten wahrscheinlich vermuten. Nicht jedes Schicksal findet Einzug in die Berichterstattung, nicht jedes Schicksal wird überhaupt erkannt. Lesen Sie, wie hoch die Zahlen von Kindesmisshandlung in Deutschland wirklich sind. Und wie Sie bei einem vorliegenden Verdacht am besten vorgehen.

"Nach wie vor wird in Deutschland jeden zweiten Tag ein Kind getötet. […] Laut Statistik werden jährlich zwischen 3000 und 4000 Kinder körperlich misshandelt."

Diese Aussage der Internet-Plattform schutzlos-wehrlos e. V. überrascht und schockiert zugleich. Umso bestürzender ist dabei aber der Gedanke, dass in diese Statistik lediglich Fälle von Kindesmisshandlung oder -vernachlässigung eingehen, die amtlich erfasst werden. Die Dunkelziffer liegt also weit höher.

Die Plattform des schutzlos-wehrlos e. V., ob als eigene Internetseite oder auf Facebook, ist nicht nur eine Gedenkstätte für verstorbene und überlebende Kinder, die Opfer von Misshandlung, Missbrauch, Vernachlässigung oder anderen Formen von Gewalt geworden sind, sondern klärt auch präventiv darüber auf, wie bei einem Verdacht auf Kindesmisshandlung vorgegangen werden soll.

"Viele der von uns gesammelten Geschichten weisen ein wiederkehrendes Muster auf: Oftmals werden Anzeichen von Misshandlung oder Vernachlässigung nicht richtig gedeutet bzw. gar nicht erst als solche erkannt oder aber das Umfeld hatte zwar den Verdacht einer Misshandlung oder Vernachlässigung, wurde aber nicht tätig, aus Angst, jemanden fälschlicherweise zu beschuldigen oder sich Ärger einzuhandeln", so Daniela Kempen, Vorsitzende des schutzlos-wehrlos e. V.. Im Interview mit bildderfrau.de spricht sie über die Arbeit der Online-Gedenkstätte, wie verschiedene Formen der Kindesmisshandlung erkannt werden können und welche Maßnahmen bei einem vorliegenden Verdacht ergriffen werden sollten.

Kindesmisshandlung erkennen, melden, prävenieren

Die Arbeit des schutzlos-wehrlos e. V.

bildderfrau.de: Liebe Frau Kempen, Sie sind die Vorsitzende des schutzlos-wehrlos e.V. Wie sind der Verein und die damit verbundene Internetseite entstanden?

Daniela Kempen: Mit der Geburt meines ersten Kindes im Jahre 2009 nahm ich Meldungen über misshandelte und vernachlässigte Kinder in den Nachrichten viel bewusster wahr – nicht alle Kinder wachsen so behütet und geliebt auf. Nach Recherchen musste ich traurigerweise feststellen, dass dies keine Einzelfälle sind, vielmehr verharmlost die Darstellung der Medien oft, was tausenden von Kindern alleine in Deutschland angetan wird.

Ich war tief berührt und begann, Pressemitteilungen zu sammeln und die Namen der Kinder samt deren Schicksalen aufzulisten. Denn es gab keinen Ort, an welchem diesen Kindern gedacht und an sie erinnert wird. Dieser Umstand war für mich nicht hinnehmbar und ich wollte etwas daran ändern, damit diese Kinder eine Gedenkstätte erhalten und anderen Menschen bewusst gemacht wird, wie viele Kinder täglich schlimmste Grausamkeiten erleiden müssen – mitten unter uns.

Inwiefern verharmlosen die Medien Geschichten über misshandelte oder vernachlässigte Kinder?

Wird in den Medien über misshandelte oder vernachlässigte Kinder berichtet, werden die einzelnen Informationen immer puzzleteilartig durch mehrere Pressemitteilungen und oft unterschiedliche Zeitungen veröffentlicht. Dies bedeutet, dass die Berichterstattung mit der Meldung der Tat selbst beginnt. Diese Berichterstattung erfolgt vor allem bei langwierigen und komplizierten Ermittlungsverfahren teilweise in sehr großem zeitlichem Abstand und auch mit oftmals widersprüchlichen Informationen. Auch liegt häufig der Fokus der Berichterstattung auf den Tätern.

Ein genereller Lösungsansatz könnte sein, dass Meldungen über Kindstötungen überregional erscheinen und jede Kindstötung in den Medien Beachtung findet. Nur dann wird den Menschen bewusst, dass es eben keine wie so oft zitierten Einzelfälle sind, sondern dass mehr Kinder ein tagtägliches Martyrium mitten unter uns erleiden müssen als von Vielen vermutet.

Inwiefern unterscheiden sich Ihre Schicksals-Geschichten von der medialen Berichterstattung?

Unser Verein möchte an die Schicksale der misshandelten und vernachlässigten Kinder erinnern und die kindlichen Opfer in den Vordergrund rücken. Wir sehen es als unsere Aufgabe, die einzelnen Puzzleteile der medialen Berichterstattung zusammenzutragen und als ein zusammenhängendes Gesamtwerk dem jeweiligen Kind und seinem Schicksal zu widmen. Solch eine Geschichte zu erstellen ist mit viel Mühe und Zeit verbunden. Im besten Fall kann neben der eigentlichen Tat auch der Lebensweg und – im Falle einer Kindstötung – die Bestattung wiedergegeben werden, um so ein wahres Gesamtbild des Andenkens an das jeweilige Kind und dessen Schicksal schaffen zu können.

Kindesmisshandlung erkennen

Es gibt vier Formen von Kindesmisshandlung: körperliche Misshandlungen, sexuelle Gewalt, Vernachlässigung und psychische Misshandlung. Ich kann mir vorstellen, dass vor allem Misshandlungen durch Vernachlässigungen sowie psychische Misshandlung schwieriger zu bemerken sind. Wie können diese Misshandlungsformen identifiziert werden?

Misshandlungen durch Vernachlässigung zeichnen sich häufig bereits durch das körperliche Erscheinungsbild des jeweiligen Kindes aus. Vernachlässigte Kinder tragen häufig verdreckte oder jahreszeitlich unpassende Kleidung, wie beispielsweise ein T-Shirt oder eine dünne Sommerjacke im Winter, zu kleine oder durchgelaufene Schuhe oder fehlende Regenkleidung wie Gummistiefel oder Regenjacke. Weiter kann mangelnde Zahnpflege oder Körperhygiene ein Indiz für Vernachlässigung sein – bei etwas größeren Kindern also z. B. auch stark verfärbte oder sogar schwarze, von Kariesbakterien befallene Zähne.

Oftmals können auch aus dem Verhalten des betroffenen Kindes Rückschlüsse auf Vernachlässigung gezogen werden. Diese Kinder sind meist in ihrem Entwicklungsstand verzögert und emotional auffällig, bspw. können sie fremde Personen gegenüber extrem anhänglich sein, weil sie die zu Hause nicht erfahrene Zuwendung und Beachtung bei anderen Personen suchen.

Darüber hinaus äußert sich bei kleineren Kindern eine Vernachlässigung oftmals durch ein starkes Wundsein im Windelbereich und/oder eingetrocknete Kotreste, da diese Kinder unzureichend saubergemacht und gewickelt werden. Ebenso können andere Körperteile wund sein wie bspw. Achseln oder Armbeugen, weil diese unzureichend gereinigt werden.

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Eine psychische Misshandlung hingegen ist in der Tat schwieriger zu erkennen. Manchmal können Entwicklungsverzögerungen oder bestimmte Verhaltensweisen wie Aggressivität oder altersunangemessenes Einnässen ein Indiz sein. Auch kann die Eltern-Kind-Beziehung in der Öffentlichkeit Anhaltspunkte für psychische Misshandlungen liefern: Wie gehen Eltern mit ihrem Kind vor Dritten um? Wird es ständig verbal erniedrigt oder beleidigt? Machen sich die Eltern über das Kind lustig, wenn es z. B. hinfällt? Wird es beständig ignoriert, wenn es doch den Kontakt zu den Eltern sucht oder Hilfe benötigt.

Letztendlich kommt es aber immer auf den Einzelfall und das Gesamtbild der jeweiligen Situation an, um Rückschlüsse ziehen zu können.

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Auf der nächsten Seite erfahren Sie, was zu tun, wenn Sie Kindesmisshandlung in Ihrem Umfeld vermuten bzw. beobachten.

 

Verdacht auf Kindesmisshandlung? Das ist zu tun!

Wie soll vorgegangen werden, wenn eine Kindesmisshandlung beobachtet wird bzw. bewiesen werden können?

Als erstes das betroffene Kind schützen! Wenn möglich durch eigenes Eingreifen unter Zuhilfenahme anwesender Dritter, in jedem Fall sollte umgehend die Polizei verständigt werden.

Wenn das Kind nicht mehr akut gefährdet ist und der Übergriff unterbunden werden konnte, sollte bis zum Eintreffen der Polizei versucht werden, Nachweise für die Kindesmisshandlung zu dokumentieren, damit dies später auch bewiesen werden kann. Dies kann beispielsweise durch Ansprechen von Zeugen und Niederschreiben der Personalien ebenso erfolgen wie durch Dokumentation der eigenen Wahrnehmungen, z. B. durch Handyfotos der Beteiligten, Niederschrift von Tathergang, -ort und Uhrzeit.

Nach Eintreffen der Polizei sollte gegen die Täter in jedem Fall Anzeige erstattet werden, auch um künftige Übergriffe eventuell verhindern zu können. Wenn nötig, kann dies mit Unterstützung eines Angehörigen und/oder Freundes erfolgen.

Wie sollte ein Erwachsener auf ein Kind, das (vermutlich) misshandelt oder missbraucht wird, zugehen?

Auf jeden Fall mit viel Einfühlungsvermögen und Sensibilität, also ohne das Kind zu bedrängen. Dies kann so aussehen:

  1. Sich dem fremden Kind zunächst vorstellen und in diesem Rahmen seine Hilfe anbieten
  2. Das Kind nicht mit Fragen überfordern oder bedrängen
  3. Sich an eine Beratungsstelle – bspw. Das Jugendamt oder der Kindernotdienst – oder in akuten Gefahrsituationen an die Polizei wenden, um das weitere Vorgehen abzusprechen

Mit blindem Aktionismus ist niemandem geholfen, dieser kann eher kontraproduktiv sein.

Hilfe für Opfer von Misshandlung und Vernachlässigung

Inwiefern agieren Sie für Jugendliche oder auch Erwachsene, die im Kindesalter physische und/oder psychische Gewalt erfahren haben, als Anlaufstelle?

Indem wir den Betroffenen zuhören und ihnen somit möglicherweise ein Stück weit dabei helfen, mit dem Geschehenen leben zu lernen. Dies bedeutet, dass jeder, der Hilfe benötigt oder einfach nur seine Geschichte erzählen möchte, uns kontaktieren kann. Wir hören zu, wir suchen – falls gewünscht – mit den Betroffenen zusammen entsprechende Hilfestellen.

Wer im Kindesalter Opfer von Missbrauch, Vernachlässigung oder Misshandlungen wurde, kann im erwachsenen Alter mit einer davon geschädigten seelischen Gesundheit zu kämpfen haben. Erfahren Sie, welche drei Symptome typisch für eine posttraumatische Belastungsstörung sind.

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Wir danken Daniela Kempen für dieses interessante und vor allem wichtige Interview. Weitere Informationen zur emotionalen Thematik von Kindesmisshandlung, -missbrauch, Vernachlässigungen und anderen Gewaltformen sowie wichtige Tipps zum Vorgehen bei der Vermutung auf eine Kindeswohlgefährdung finden Sie auf schutzlos-wehrlos.de.

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