24.11.2017

Mutige Lesung über Essstörung Jana, 35: „Ich fand mich immer ekelhaft“

Jana Crämer kann ein Lied singen von Essstörung – das tut sie jetzt auch quasi, in Form einer Konzert-Lesereihe durch Deutschland.

Foto: Esther Grünhagen

Jana Crämer kann ein Lied singen von Essstörung – das tut sie jetzt auch quasi, in Form einer Konzert-Lesereihe durch Deutschland.

Jana Crämer ist essgestört – und war deshalb lange stark übergewichtig. Seit sie sich ihrem heute besten Freund offenbart hat, geht es ihr besser, auch mit ihrem eigenen Körper. Jetzt erzählt die 35-Jährige von ihrer Essstörung – auf einer Konzertlesung quer durch Deutschland.

Jana Crämer leidet schon lange unter einer Essstörung: Beim sogenannten Binge-Eating haben Betroffene Essattacken, die durch völligen Kontrollverlust gekennzeichnet sind. Für die heute 35-Jährige waren die Folgen schnell sichtbar in Form von Gewichtszunahme – was dazu führte, dass sie sich nach und nach mehr abschottete.

Jemandem anvertrauen konnte sie sich nicht – bis ein junger Mann mit dem Künstlernamen Batomae in ihr Leben trat. Er wurde Janas bester Freund, half ihr, sich zu öffnen, über die Krankheit zu reden, sie anzupacken – und zurück ins Leben zu kommen. Sie schrieb ihm ihre Geschichte auf, machte ein Buch daraus, er schrieb den Titelsong dazu, und geboren war ein Crossover-Projekt.

Jana Crämer und Batomae sind derzeit mit ihrer Kombination aus Lesung und Musik auf Deutschlandtour. Mit bildderfrau.de hat Jana über ihre Krankheit, ihr Projekt und Freundschaft gesprochen – und darüber, wie wichtig es ist, miteinander zu reden!

Vorbelastet von zu Hause

Jana, was war der Auslöser für Deine Essstörung?

Mein Vater war Alkoholiker, ich bin insofern mit einer Form von Suchtverhalten und Maßlosigkeit groß geworden. Bei mir hat sich das dann auf das Essen übertragen.

Hinzu kommt, dass ich sehr antiautorität erzogen worden bin, wenig Grenzen gesetzt bekommen habe. Genau die hätte ich mir aber gewünscht – ein Kind braucht Regeln und Verbote. Abgesehen davon hatte ich aber eine wundervolle Kindheit.

Wie ist das, mit Binge Eating zu leben?

Ich habe 170 kg gewogen, war total isoliert, wenn ich mal in der Öffentlichkeit war, habe ich nur brav Salat gegessen – zu Hause habe ich dann gefressen. Wenn es zu lange gedauert hat, nach Hause zu kommen, habe ich Panikattacken bekommen, in meinem Kopf kreisten alle Gedanken nur darum, wo ich jetzt schnell was in mich hineinstopfen kann.

Manchmal habe ich die Mengen an Essen anschließend wieder ausgekotzt, meistens aber nicht.

Der beste Freund hat das Schweigen gebrochen

Inwiefern war bei der Bewältigung die Freundschaft zu Batomae so wichtig?

Er hat mich dazu gebracht, dass ich darüber reden muss, und zwar in aller Deutlichkeit. Als wir uns kennenlernten, haben wir zunächst gar nicht über mich und mein Essverhalten gesprochen. Das konnte ich ihm anfangs nur schriftlich mitteilen, in Form von Emails. Irgendwann hat er mich dann dazu gebracht, aus all dem, was ich geschrieben habe, ein Buch zu machen und es zu veröffentlichen.

Ich habe ihm so viel zu verdanken. Er hat mich zum Beispiel auch nie so ekelhaft gefunden, wie ich mich selbst finde. Er mag mich. So, wie ich bin. Heute kennt mich niemand so gut wie er.

Für viele ein Problem: fehlende Kommunikation, Essverhalten

Was willst Du mit dem Crossover-Projekt erreichen?

Das Projekt ist ja auch auf Jugendliche zugeschnitten, wir waren schon an vielen Schulen damit. Das Problem heutzutage unter Schülern ist doch oft, dass sie nicht mehr miteinander sprechen. Wir erleben, dass sie das nach unserem Auftritt aber tun.

Toll war folgendes Erlebnis: Ein Mädel saß bei einer unserer Veranstaltungen ganz allein in einer Reihe, hat so vor sich runtergeschaut. In der Pause konnte ich beobachten, wie ein Junge zu ihr gekommen ist und ihr die Hand hingestreckt hat. Vermutlich hat er sich entschuldigt, für was auch immer, vielleicht Mobbing? Jedenfalls hat das Mädchen danach förmlich gestrahlt, war wie ein anderer Mensch.

Und genau das wollen wir erreichen: einen Anstoß zu geben, sich für andere einzusetzen, niemanden zu mobben, stark zu sein.

Zum anderen will ich darauf aufmerksam machen, dass das Essverhalten heutzutage so häufig ein Problem für viele ist – dass es aber vollkommen okay und sogar absolut notwendig ist, darüber zu sprechen, es auszusprechen: Ich habe ein Problem! Ich konnte es anfangs auch nicht – dabei ist es eigentlich so einfach.

"Essen ist wie ein Panzer, weil man etwas nicht ertragen kann"

Du zeigst "schockierende Nacktfotos" von Dir, wie es im Pressetext über Dich heißt – warum?

Batomae: Unvergleichlich

Weil man zeigen muss, was eine Essstörung mit einem macht. Ich habe ziemlich abgenommen, kann meinen Körper heute ganz gut mit einem schönen Kleid kaschieren. Aber drunter bin ich wabbelig und schwabbelig – mein Körper verzeiht mir das nicht, was ich ihm angetan habe.

Ich habe meinen Körper zerstört – ich finde, man muss genau das mit einem ehrlichen Shooting zeigen.

Was war das schmerzhafteste Erlebnis in Bezug auf Deine Essstörung?

Beschimpfungen auf der Straße habe ich häufiger erlebt, das war schon schlimm und verletzt sehr. Aber am schlimmsten war es für mich, wenn Freunde sich in meinem Beisein über dicke Leute lustig gemacht haben – als wäre ich mit meiner Körperfülle gar nicht dabei.

Es war gnadenlos ehrlich zu erfahren, was sie wirklich denken – dann ja wohl auch über mich.

Verstecken und nicht reden war einmal

Warum heißt Dein Buch "Das Mädchen aus der 1. Reihe"?

Ich war schon früher viel auf Konzerten und stand dort eigentlich immer in der ersten Reihe – nicht in erster Linie deswegen, um möglichst viel zu sehen, sondern damit meine dicken Beine direkt hinter der Barriere nicht zu sehen waren.

Was sind Deine Pläne für die Zukunft?

Privat werde ich auf jeden Fall eine Therapie machen, das kann mein bester Freund nicht alles alleine wuppen. Außerdem muss sich jemand meinem Problem mit einer professionellen Distanz nähern können. Das gestörte Essverhalten ist ja nur ein Symptom – ich muss Dinge aufarbeiten, die tief in mir schlummern.

Beruflich bin ich erst mal noch auf Tour, fürs nächste Jahr sind ganz viele weitere Schulen geplant, die wir mit unserm Crossover-Projekt besuchen werden. Dann habe ich ja meinen Blog "endlich ich", arbeite an der Fortsetzung meines Buches – und dann kommt bestimmt auch irgendwann die nächste Tour.

Was ist Dein Rat an all die, die essgestört sind – oder Gefahr laufen, es zu werden?

Brecht euer Schweigen! Macht den Mund auf! Wendet euch an die beste Freundin oder den besten Freund – wenn es wirklich Freunde sind, überfordert sie das auch nicht. Sonst wendet euch an einen Arzt, einen Experten, an die Telefonseelsorge – Hauptsache ihr sprecht mit jemandem darüber, dass ihr ein Problem habt.

Und vergesst nicht: jeder ist unvergleichlich, so wie er ist. Das ist toll!

Hier treten Batomae und das Mädchen aus der 1. Reihe in ihrem Crossover-Projekt noch auf:

  • 25.11.17 – Hannover, LUX
  • 30.11.17 – Leipzig, Naumann´s
  • 01.12.17 – Paderborn, Multicult
  • 08.12.17 – Dorsten, Das LEO
  • 09.12.17 – Münster, Cafe Sputnik
  • 14.12.17 – Berlin, Privatclub
  • 15.12.17 – Wuppertal, LCB
  • 16.12.17 – Wilhelmshaven, Pumpwerk

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Mehr zum Thema Essstörungen: Lesen Sie hier ein Interview mit einem Mädchen, das die Magersucht überwunden hat. Hier gibt es wichtige Infos zur Essstörung Bulimie, hier zur Essstörung Magersucht.

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