13.11.2017

Working Mom Studie 2017 Gestresst: Immer mehr berufstätigen Frauen droht der Burnout

Fürsorgliche Mutter, sexy Liebhaberin und Karriefrau? Diese Rollen möchten viele Frauen am liebsten gleichzeitig ausfüllen. Doch dieser Perfektionismus ist gefährlich ...

Foto: imago/Westend61

Fürsorgliche Mutter, sexy Liebhaberin und Karriefrau? Diese Rollen möchten viele Frauen am liebsten gleichzeitig ausfüllen. Doch dieser Perfektionismus ist gefährlich ...

Laut einer aktuellen Studie fühlt sich eine große Mehrheit der berufstätigen Frauen in Deutschland konstant überfordert. Die Folge: Immer mehr Mütter in Deutschland sind von Burnout bedroht.

Für die Frauenstudie des rheingold-Instituts wurden etwa 1000 berufstätige Frauen zwischen 20 und 50 Jahren befragt. Die Ergebnisse sind frappierend: Jede dritte Frau gab an, sich trotz Partner alleinerziehend zu fühlen. Perfektionismus und der Druck, den vielfältiger gewordenen gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden, führen in vielen Fällen zu einer extremen Belastung. Wir sprachen mit der Diplom-Psychologin und Studienleiterin Birgit Langebartels über die Ursachen dieses Phänomens.

bildderfrau.de: Welche Erwartungen werden eigentlich an die "moderne Frau von heute" gestellt?

Birgit Langebartels: Die Erwartungen an die Frauen haben sich potenziert. Der Wegfall der rigiden Rollenverteilung bedeutet auf der einen Seite einen Zugewinn an Freiheit und Selbstbestimmung, ist jedoch auf der anderen Seite – in unserer Kultur des 'Alles ist möglich' – ein Zwang.

Vor welche neuen Herausforderungen sehen sich die "Working Mums" gestellt?

Frauen versuchen alle nur möglichen Rollen auszufüllen: Neben fürsorglicher Mutter, Karrierefrau, sexy Liebhaberin, bester Freundin können noch zahlreiche weitere Facetten des Frauseins aufgeführt werden, die den Frauen ein Füllhorn an Möglichkeiten bieten, aber unweigerlich in die Überforderung hineinführen, wenn man jede Rolle bedienen will.

Viele Frauen scheinen übermäßig selbstkritisch zu sein und setzen sich selbst enorm unter Druck. Woran liegt das?

Das liegt nicht nur an den Frauen, sondern auch an unserer aktuellen Gesellschaft, die uns verspricht, dass scheinbar alles möglich ist. Wenn wir an dem Bild des 'Alles ist möglich' festhalten und nicht kritisch hinterfragen, droht die Gefahr eines gefährlichen Burnouts.

Frauen als "perfekte Alleskönnerinnen"

Sie beschreiben ein interessantes Phänomen, das der "perfekten Alleskönnerin". Warum legen viele Frauen so einen ausgeprägten Perfektionismus an den Tag?

Wenn Frauen heutzutage Mütter werden, haben sie immer noch das Bild der eigenen Mutter im Kopf. Die Mütter vor 30-40 Jahren sind meist nicht mehr arbeiten gegangen und haben sich ganz der Familie gewidmet. Die Frau und Mutter von heute möchte jedoch viele Optionen vereinen, sie möchte Mutter, Hausfrau, Vater, Klempner, Gestalterin und Berufstätige in einer Person sein.

Männer kommen in ihren Erzählungen erstaunlich wenig vor. 1/3 der Frauen gibt an, dass sie sich alleinerziehend fühlen – trotz Mann.

In unserer Studie plädieren wir nicht dafür, die Uhren zurück zu drehen, aber was uns Frauen fehlt, ist der Mut, Entscheidungen auch mal gegen etwas zu treffen. Und darauf zu vertrauen, dass sich bestimmte Lebensbilder erst nacheinander leben lassen und wir Prioritäten setzen müssen.

Inwiefern stehen sich Frauen dabei manchmal selbst im Weg und warum lassen gerade sie sich so ungern helfen?

Dieses Bild, alles alleine hinzukriegen, scheint so faszinierend zu sein, dass vor allem Frauen oft über ihre Grenzen hinaus investieren, um nicht von dem Bild der perfekten Alleskönnerin lassen zu müssen.

Der Gedanke, sich helfen zu lassen, droht dieses Konstrukt zum Einstürzen zu bringen. Das ist natürlich Unsinn, denn wenn Frauen Hilfe zulassen, merken sie, dass es ihnen Erleichterung verschafft, statt etwas zu erschweren.

"Einen Gang runterschalten"

Was würden Sie persönlich diesen Frauen raten? Wie können sie es schaffen "einen Gang runterzuschalten" ohne gleich ein schlechtes Gewissen zu haben?

Machen und ausprobieren!

Frauen wissen vom Kopf her sehr wohl, dass sie nicht alles alleine schaffen können und dass es ihnen und ihrer Familie gut tut, wenn sie mal "einen Gang runterschalten". Oft können Frauen dies leichter, wenn sie ein Schicksalsschlag ereilt hat. Das kann natürlich nicht die Lösung sein.

Mein Rat wäre im Kleinen, mit alltäglichen Dingen, anzufangen. Den Kuchen für die Schulfeier zu kaufen, statt ihn selber zu backen. Die legitime Frage stellen, ob sich ein geschäftlicher Termin auch mal verschieben lässt. Manchmal ist man erstaunt, wie einfach dies möglich ist.

Welche Rolle spielten eigentlich die jeweiligen Partner?

Männer spielen in den Erzählungen der Frauen eine eher untergeordnete Rolle, da Frauen zumeist alles alleine stemmen wollen. Die Rolle der Männer hat sich jedoch ebenfalls verändert, so dass Frauen mit den Männern in einen ehrlichen und wertschätzenden Austausch gehen sollten.

Es müssen Absprachen und Zuständigkeiten besprochen werden, denn diese ändern sich heute viel schneller und sind nicht für mehrere Jahre festgeschrieben. Dann gilt für beide Seiten: Abgeben und auch den anderen in seiner Art und Weise machen lassen.

Wie bewerten Sie die Entwicklung der letzten Jahre in puncto Frauenrechte?

Da muss sich weiter etwas verändern und von allen Beteiligten mit mehr Mut umgesetzt werden.

>> Gender Pay Gap: „Die Arbeit von Frauen ist weniger wert!“

"Es ist eine Haltungsänderung von Nöten"

Mit welchen konkreten Angeboten können Frauen entlastet werden? Welche gesellschaftlichen und politischen Veränderungen fordern Sie?

Neben allen Angeboten ist meines Erachtens eine Haltungsänderung von Nöten. Wir müssen uns verabschieden von dem glorifizierten Bild, dass alles möglich ist. Angebote dürfen nicht in der Logik verstanden werden, doch alles hinzukriegen und allen Frauen-Bildern gerecht zu werden.

Wie prägen moderne Medien das Frauenbild und welche Impulse erwarten Sie von ihnen?

Frauen in den Medien zeigen eher Frauen auf, die einem perfekten und unrealistischen Bild entsprechen. Wenn ich nicht zwei Wochen nach der Geburt einen tadellosen After-Baby-Body habe, hinke ich ja schon hinterher. Wir brauchen mehr mutige Frauen-Vorbilder, die aufzeigen, dass auch das Unperfekte liebenswert ist.

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