11.04.2019

Rente reichte nicht Diebstahl aus Hunger: Ingrid (85) muss erneut hinter Gitter

Hartes Urteil: Rentnerin Ingrid M. muss für vier Monate ins Gefängnis. Wegen Ladendiebstahls. Es ist nicht ihre erste Haftstrafe.

Foto: picture alliance/Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Hartes Urteil: Rentnerin Ingrid M. muss für vier Monate ins Gefängnis. Wegen Ladendiebstahls. Es ist nicht ihre erste Haftstrafe.

Eine Rentnerin aus Bayern muss für vier Monate ins Gefängnis – weil sie ihre Einkäufe nicht mehr bezahlen konnte und mehrmals beim Ladendiebstahl erwischt wurde. Der Grund: Die Rente hat nicht gereicht, sie hatte Hunger. Es ist allerdings schon ihre zweite Haftstrafe.

Ganz Deutschland bewegt das Schicksal von Ingrid Millgramm: Mehrfach ist die mittlerweile 85-Jährige aus Bad Wörishofen beim Ladendiebstahl erwischt worden – aus Hunger, weil ihre Rente nicht gereicht hat. Jetzt muss die Rentnerin für vier Monate ins Gefängnis – und zwar nicht zum ersten Mal.

Wieder hinter Gittern: Rentnerin muss ins Gefängnis – für vier Monate

Update vom 11. April 2019: Dieser Fall hatte bereits im Oktober 2017 weite Kreise gezogen: Eine Rentnerin, die wegen Ladendiebstahls hinter Gitter muss? Fast unvorstellbar – aber so geschehen. Drei Monate sollte Ingrid Millgramm absitzen, nach 55 Tagen wurde sie aber vorzeitig entlassen. Die Haft habe ihr damals sowohl psychisch als auch physisch enorm zugesetzt, erklärt ihre Bewährungshelferin. Sie wolle das nie wieder erleben.

Und doch muss sie es jetzt wieder – denn die 85-Jährige wurde erneut beim Ladendiebstahl beobachtet, musste sich nach August 2018 jetzt im April 2019 erneut vor Gericht verantworten. Dann die Schockmeldung: noch einmal vier Monate Gefängnis.

Diesmal ist sie angeklagt für einen Diebstahl im Wert von 17,63 Euro. Das klingt nach wenig – allerdings soll es bereits der sechste Ladendiebstahl sein, bei dem sie erwischt worden war. Diesmal dazu noch in ihrer Bewährungszeit. Und da sie bereits verurteilt worden war und danach wieder geschnappt wurde, nun das erneute, härtere Urteil. Diesmal in der Tasche gelandet sein sollen Gesichtscreme, Haarnadeln und Sahnesteif. Sie selbst könne sich das aber nicht erklären. Nach eigener Aussage benutze sie weder Haarnadeln noch Sahnesteif. "Ich habe nichts entwendet. Das ist mir von irgendeinem Menschen zugetragen worden", erklärte sie vor Gericht.

Der Staatsanwalt jedoch sprach dagegen: "Immer wieder probiert die Angeklagte, sich die Sache schön zu reden, dass sie aus Hunger Nahrung geklaut hat. Aber es wurden nicht nur Lebensmittel, sondern auch Kosmetik geklaut."

Millgramm selbst hatte bereits im Vorfeld betont, sie habe geklaut, weil ihre Rente nicht ausreiche. Sie gilt in Bayern als "armutsgefährdet", ihr Einkommen beträgt unter 1025 Euro monatlich. Nach allen Abzügen bleibe da nicht viel.

Rente habe nicht ausgereicht

Ursprungsartikel vom 26. Oktober 2017: Ihre Rente habe nicht mehr ausgereicht, um sich selbst zu versorgen, sagte die Dame im Gespräch mit der "tz". Dann habe sie andere beim Ladendiebstahl beobachtet – und irgendwann selbst einmal die Hand ausgestreckt. Ihr sei bewusst gewesen, dass es falsch sei, im Supermarkt einfach ohne zu zahlen zuzugreifen. Doch sie habe keinen anderen Ausweg mehr gesehen.

Insgesamt fünfmal wurde Oma Ingrid erwischt – beim Diebstahl von Lebensmitteln, einer Creme sowie bereits reduzierten Waren, wie sie selbst sagt. Alles zusammengenommen kamen die Waren auf einen Wert von 96 Euro.

Antrag auf Gnade wurde abgelehnt

Nebst zweier Bewährungsstrafen wurde ihr eine Geldstrafe auferlegt. Die aber konnte sie von ihrer gering angesetzten Rente einfach nicht bezahlen – ebenso wenig wie ihre Einkäufe in der Bewährungszeit. Und da habe sie eben wieder ins Regal gegriffen – um erneut erwischt zu werden. Fazit: Drei Monate ohne Bewährung.

Ursprünglich hatten Millgramm sogar bis zu neun Monate gedroht. Ihre Anwältin hatte noch ein Gnadengesuch an das bayerische Justizministerium gestellt. Dieses wurde jedoch abgelehnt. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Memmingen begründete dies mit der Gefahr, dass "weitere Straftaten zu befürchten" seien.

Höchstens 100 Euro im Monat: Altersarmut betrifft viele

Altersarmut wird deutschlandweit ein immer größeres Thema.Gabi Decker etwa sagt über Altersarmut: Wir brauchen mehr Empathie. Wie Oma Ingrid geht es vielen Rentnern, wie eine Studie der OECD zur Rente in Deutschland zeigt. Ganze 45 Jahre hatte die 84-Jährige als Schneiderin gearbeitet. Eine Zeit, nach der einem Menschen in Deutschland eigentlich eine ausreichende Rentenversorgung zustehen sollte. Beim Börsencrash jedoch habe sie einfach alle Rücklagen verloren.

Die Witwe musste in der Zeit, in der sie die Diebstähle begangen hat monatlich mit höchstens 100 Euro auskommen, sagt sie. Meist blieben ihr nach Abzug der Fixkosten wie Miete, Strom oder Medikamentengeld aber wesentlich weniger. Der Grund: Sie musste auf ihre Grundsicherung warten. Die habe sie nun – und damit jetzt Geld mehr zur Verfügung. Damals habe es aber einfach nicht gereicht.

Sie schäme sich, nervös sei sie jedoch nicht, sagte sie der "tz" kurz vor Haftantritt. Wir drücken Oma Ingrid die Daumen, dass sie die drei Monate schnell und unbeschadet übersteht.

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