24.10.2017

Meinung zur Abtreibung Mutig: Schwangere dokumentiert Abtreibung auf Instagram

Abtreibungen sind absolutes Tabuthema. Leider. Deshalb ist es mutig und wichtig, dass eine Frau ihre Abtreibungserfahrung öffentlich teilt, ohne ihre Identität zu verbergen.

Foto: iStock/milos-kreckovic

Abtreibungen sind absolutes Tabuthema. Leider. Deshalb ist es mutig und wichtig, dass eine Frau ihre Abtreibungserfahrung öffentlich teilt, ohne ihre Identität zu verbergen.

Auf Instagram dokumentiert Esther Mauersberger ihren Schwangerschaftsabbruch. Sie thematisiert eines der größten Tabuthemen unserer Gesellschaft und macht so darauf aufmerksam, wie Frauen mit Zwängen und Schuldzuweisungen konfrontiert werden.

Instagram ist zu einem wichtigen Medium der Gesellschaft geworden, um sich mitteilen zu können. Unsere Kultur setzt immer mehr auf schnell erfassbare Bilder und immer weniger auf Worte, daher lassen sich auf der sozialen Plattform gesellschaftliche Trends, Hoffnungen und Etiketten ziemlich schnell ablesen.

Auch Esther Mauersberger nutzt Instagram aktiv. Als Geburtsfotografin veröffentlicht sie auf ihrem Profil Schnappschüsse intimer und emotionaler Momente werdender Mütter im Kreißsaal oder zu Hause bzw. mit ihren Neugeborenen. Ihre Fotografien sind ästhetisch, aber gleichzeitig wirklichkeitsabbildend: Aufnahmen glücklicher oder schmerzverzerrter Gesichter der Mütter reihen sich neben Aufnahmen von blutbeschmierten Säuglingen und in Szene gesetzten Plazentas.

In den vergangenen Wochen wurde Instagram für Esther jedoch auch zu einer Plattform, um etwas gesellschaftlich Nicht-Akzeptiertes zu thematisieren – und das tat sie auf eine ganz persönliche Weise, indem sie eine Schwangerschafts-Wirklichkeit dokumentierte, die so gut wie nie gezeigt, besprochen, akzeptiert wird: die Abtreibung.

#Abtreibung

Esther ist bereits Mutter zweier Kinder. Die dritte Schwangerschaft überraschte sie: "Nichts ist zart an diesem Strich." Und sie fasst einen Entschluss: Statt der üblichen Geburtsfotografien, veröffentlichte Esther Schnappschüsse von sich selbst und dokumentiert so in Verbindung mit prägnanten Bildunterschriften ihren Schwangerschaftsabbruch.

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Mit dem Hashtag "dieGeschichteeinesSchwangerschaftsabbruchs" teilt sie ihren bewegten und bewegenden Weg zur Abtreibung mit vielen anderen Instagram-Usern. Esther vermittelt nicht nur, wie sie sich fühlt, nachdem sie die Tabletten genommen hat und wie ihr Körper reagiert, sondern auch vom Weg zum straffreien Schwangerschaftsabbruch inklusive Pflicht-Beratung und Meinungen anderer: "An jeder Stelle liest man, hört man von Reue, von der Zerstörung eines Lebens, von Schuld und Scham. Mir scheint, die Gesellschaft sieht uns Frauen am liebsten im Bußgewand."

Esther schreibt: "Ich stell' die Kamera auf. Ich muss sehen was hier gerade passiert. Und denke noch: Auch das ist Schwangerschaftsfotografie." Mit dieser Aussage macht sie auf eine wichtiges, aber kaum beachtetes gesellschaftlichen Problem aufmerksam: Für die heutige Gesellschaft scheint es weiterhin unverständlich zu sein, warum manche Frauen nicht in einen Freudentaumel geraten, wenn sie von der Schwangerschaft erfahren. Dabei ist laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung jede dritte Schwangerschaft nicht geplant und jede sechste nicht gewollt (Stand 2014). So also auch bei Esther.

Tabuthema Schwangerschaftsabbruch

Gewollte Schwangerschaftsabbrüche sind eines der größten Tabuthemen – nicht nur in Deutschland. Die Diskussion kam jedoch bereits in den 1970er Jahren auf, als die Eingriffe noch illegal waren, sich aber etwa 400 Frauen, unter ihnen auch viele Prominente, in der Zeitschrift "Der Stern" dazu bekannten, abgetrieben zu haben.

Dabei sind Abtreibungen heute die häufigsten gynäkologischen Eingriffe – "normal" planen und durchführen lassen sie sich aber nicht, denn unter welchen Umständen der Schwangerschaftsabbruch erlaubt ist, wird im § 218 des Strafgesetzbuches vorgeschrieben:

  • Demnach sind Abtreibungen in Deutschland strafbar.
  • Legal sind sie nur, wenn medizinische oder kriminologische Gründe vorliegen.
  • Straffrei bleibt die Abtreibung, wenn sich an das Schwangerschaftskonfliktgesetz gehalten wird, der Abbruch bleibt in diesem Fall aber rechtswidrig.

De facto bedeutet das also: Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheiden, verstoßen gegen ein Gesetz, werden dafür aber nicht bestraft. Statt der Entscheidung neutral gegenüber zu stehen, lädt das Gesetz es im extrem hohen Maße negativ auf. Kein Wunder also, dass betroffene Frauen oftmals nicht den Mut fassen, über ihren Schwangerschaftsabbruch zu reden, davor sowie danach! Eine gesellschaftlich breite und vor allem neutrale Auseinandersetzung mit dem Thema Abtreibung ist bislang leider ausgeblieben.

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Vor-Entscheidungen über den Körper der Frau

Es hilft uns an der Stelle nicht, über mögliche Gründe nachzudenken, weshalb sich Esther für einen Schwangerschaftsabbruch entschied. Denn solch eine Aneinanderreihung steht beim Pseudo-Abtreibungs-Diskurs immer im Vordergrund.

Und da liegt auch schon das Hauptproblem: Dass Frauen, die ihre Schwangerschaft abgebrochen haben oder abbrechen wollen, ihre Entscheidung stets rechtfertigen müssen. Oder anders formuliert: Wir Frauen müssen stets die Entscheidung, was mit unserem eigenen Körper passieren soll, rechtfertigen. (Bzw. völlig abgeben: Der erste Beschluss, den Donald Trump als neuer Präsident der Vereinigten Staaten unterschrieb, strich jeglichen Hilfsorganisation Gelder, die bei Abtreibungen beratend zur Seite stehen. Dabei wurde er übrigens nur von weißen Männern umringt.) Und dieser Fakt wird sich nicht ändern, solange der der weibliche Körper auf die Gebärmutter reduziert wird.

Natürlich liegt der Hauptdrang der Spezies Mensch darin, sich fortzupflanzen, wie bei jedem anderen biologischen Organismus auch. Doch warum wird Frau dafür verurteilt, wenn sie mitbestimmen will, ob und wann sie sich diesem Drang fügt?

Ist die Gesellschaft noch immer von der Rollenzuschreibung des Mittelalters geprägt, als die Hauptaufgabe der Frau im Gebären lag? Ich selber wäre zum jetzigen Zeitpunkt alles andere als bereit für ein Kind, eine Schwangerschaft würde mich völlig aus der Bahn werfen. So wie Esther, hätte ich jetzt auch noch keinen Platz dafür ("Ich bestimmte, dass ich keinen Platz machen werde"). Doch muss ich mich schlecht, unmenschlich, schuldig fühlen, weil ich mir über meine Möglichkeiten bewusst bin und ich beim Thema "Abtreibung" ein neutrales Gefühl verspüre?

Ich sage nein! Die negative Konnotation der und das Schweigen über die Abtreibung führt zu einer Unterdrückung, durch die automatisch Schuldgefühle entstehen.

Esther Mauersberger: Erleichtert nach der Abtreibung

"Ich habe mich stark gefühlt. Und riesig erleichtert. Ich habe eine Entscheidung gefällt, und wurde fortwährend infrage gestellt." Diese Worte Esthers zeigen: Frau fühlt sich stark, wenn sie als selbstbestimmendes Subjekt tatsächlich selber über ihren eigenen Körper entscheiden kann. Das konfrontierende Unverständnis und das daraus resultierende Schweigen bleibt aber ein bitterer Beigeschmack. Noch. Denn vielleicht können Esthers Fotografien dazu beitragen, das Thema Abtreibung aus seinem Käfig zu holen und betroffenen Frauen endlich den Mut zu geben, sich nicht für ihre Entscheidung zu schämen.

Im Video erfahren Sie, wie Abtreibung in Deutschland geregelt ist:

So ist Abtreibung in Deutschland geregelt

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