04.09.2017

BILD der FRAU trifft... Martin Schulz: Die Rente mit 70? Nicht mit mir!

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Martin Schulz empfang Sandra Immoor und Sabine Sandfort von BILD der FRAU in seinem Büro im Berliner Willy-Brandt-Haus.

Foto: Andreas Friese

Martin Schulz empfang Sandra Immoor und Sabine Sandfort von BILD der FRAU in seinem Büro im Berliner Willy-Brandt-Haus.

Wie tickt Martin Schulz, der in allen Umfragen weit hinten liegt – aber weiter fast trotzig an seinen Sieg glaubt? Ein Gespräch über Rente und Schulen, sein Abnehmprogramm und eine große Liebe.

Dieses Interview erschien ursprünglich in der BILD der FRAU Nr. 36, vor dem TV-Duell am 03.09.2017.

BILD der FRAU: Herr Schulz, warum sollen wir am 24.9. SIE wählen und nicht Ihre Konkurrentin, die Kanzlerin – bei der wir wissen, was wir haben?

Martin Schulz: Angela Merkel hat in ihrer langen Amtszeit sicher ihre Verdienste, es wäre unfair, das abzustreiten. Aber sie hat keine Idee, wie es mit Deutschland weitergehen soll. Ich will die Zukunft gestalten, und dafür muss man investieren. Deutschland geht es gut, aber man muss das Haus renovieren, wenn’s im Gebälk knirscht. Wenn’s zusammenbricht, ist es zu spät.

Schulz über Bildung, Polizei und Anschläge

Was renovieren Sie im Haus Deutschland zuerst?

Die Schulen! Die Schulen in Deutschland, einem der reichsten Länder der Erde, sind zum Teil in einem erbärmlichen Zustand. Oder nehmen Sie die Pflege: Dass Leute, die ihr Leben lang hart für unseren Wohlstand gearbeitet haben, unter manchmal unsäglichen Zuständen in Pflegeheimen leiden, ist eine Katastrophe. Ich will auch in ein schnelles Internet gerade im ländlichen Raum investieren, sonst werden Regionen außerhalb der Ballungszentren abgehängt. Und den Wohnungsbau fördern, weil sich selbst Doppelverdiener in Großstädten die Mieten nicht mehr leisten können.

Kurz zurück zu den Schulen. Sie versprechen, falls Sie Kanzler werden, auch gebührenfreie Bildung von Kita bis Uni. Wie wollen Sie das durchsetzen – ist doch alles Ländersache?

Wenn es in das Klassenzimmer reinregnet, kann ich den Eltern nicht mit Zuständigkeitsfragen kommen. Der Bund muss die Länder unterstützen, das ist klar. Ich werde die Ministerpräsidenten der Länder an einen Tisch holen und denen sagen, ich will einen nationalen Bildungspakt und der wird vom Bund bezuschusst. Ich bin sicher: Alle werden mitmachen.

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Terror-Anschläge, Einbrüche, Übergriff – es gibt viele Bürger, die sich im eigenen Land nicht mehr sicher fühlen. Sie wollen 15 000 Polizisten mehr einstellen – reicht das?

Ich will, dass wieder mehr Polizisten und Polizistinnen auf der Straße für Sicherheit sorgen. Mein Vater war Dorfpolizist. Der kannte seine Pappenheimer. Und wir müssen schauen, wo wir die Polizei von Aufgaben entlasten können – etwa bei der aufwendigen Begleitung von Schwertransporten auf Autobahnen. Das können auch andere machen. Ich will mich mehr um die Sicherheit der Menschen kümmern, da geht es mir auch um das Thema Gerechtigkeit. Nur Reiche können sich einen schwachen Staat leisten.

Wie meinen Sie das?

Reiche Menschen können sich teure Alarmanlagen oder im Zweifel sogar einen privaten Wachdienst leisten. Alle anderen sind darauf angewiesen, dass der Staat sie schützt oder ihnen hilft sich zu schützen. Vor Einbrüchen etwa. Wir sollten Zuschüsse für sichere Türen in ganz normalen Wohnhäusern zahlen. Und wir brauchen gegenseitige Aufmerksamkeit und Hilfe im Stadtviertel, in der Nachbarschaft. Wie in Hamburg-Barmbek, wo vier mutige Männer – übrigens ein Ägypter, ein Tunesier, ein Türke und ein Deutscher – den Angreifer nach dem Anschlag im Supermarkt gestellt haben. Das war beeindruckend.

Was tun Sie, damit es gar nicht erst zu solchen Anschlägen kommt? Immer wieder lesen wir danach, der Täter sei „polizeibekannt“ gewesen oder als „Islamist geführt“.

In dem konkreten Fall hat die Behörde, die dem Bundesinnenminister unterstellt ist, versagt. Der Täter wäre ausgewiesen worden, wenn der entsprechende Brief nicht einen Tag zu spät abgeschickt worden wäre. Insgesamt brauchen wir eine Verkürzung der Verfahren und mehr Personal bei der Justiz. Ich will einen leistungsfähigen Staat. Wir müssen endlich neue Prioritäten setzen, wo wir investieren wollen: Bund, Länder und Gemeinden haben 52 Milliarden Euro Überschuss! Am wichtigsten für mich aber: Wir brauchen mehr Respekt. Vor der Polizei, aber auch voreinander. Ich will nicht in einer verrohten Gesellschaft leben.

Würden Sie konsequenter abschieben?

Wer keine Aussicht auf ein Aufenthaltsrecht in Deutschland hat, muss das Land auch wieder verlassen. Immer noch dauern die Asylverfahren viel zu lange.

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Schulz über Rente, Altersarmut und die Kanzlerin

Stichwort Rente. Die wollen Sie mit Ihrem neuen Konzept bis 2030 sicher machen. Und danach? Worauf darf der heute 30-Jährige hoffen?

Wir müssen das Rentengesetz jetzt ändern, damit die Rente bis 2030 sicher ist. Sonst sinkt das Rentenniveau bis 2030 auf 43 Prozent und die Beiträge steigen. Das will die Union so. Wir wollen das Rentenniveau auf 48 Prozent halten, damit wir nicht noch mehr Altersarmut kriegen. Und gleichzeitig die Beiträge bei 22 Prozent stabilisieren.

Noch mal: Und dann?

Ich möchte, dass wir in der nächsten Wahlperiode einen neuen Generationenvertrag erarbeiten. Es gibt so viele ungeklärte Fragen: Was ist mit den Selbstständigen? Viele von denen würden auch gern in das Rentensystem. Muss die Mütterrente nicht steuerfinanziert werden? Schließlich haben auch Beamte und Selbstständige Mütter, warum zahlen die nicht dafür mit?

Am Renteneintrittsalter von 67 rütteln Sie nicht?

Nein! Die Rente mit 70, die viele in der CDU fordern, ist mit mir nicht zu machen! Nehmen Sie die Verkäuferin, die ist mit 65 einfach platt. Oder die Krankenpflgerin im Schichtdienst: Soll die als 70-Jährige noch eine 80-Jährige aus dem Bett heben?

Wie locken Sie die Kanzlerin aus der Reserve im TV-Duell?

Mit konkreten Themen: Ich habe die besseren Konzepte. Ich respektiere Angela Merkel. Aber ich bin der festen Überzeugung: Deutschland kann mehr. Ich will mich nicht damit abfinden, dass es in Deutschland so viel Kinderarmut gibt und dass alte Leute sich bei einer Tafel für ein warmes Mittagessen anstellen müssen.

Wie hat Schulz gegen Merkel beim TV-Duell abgeschnitten? Stimmen Sie hier ab...

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Die Umfragen sind allerdings nicht auf Ihrer Seite. Wer richtet Sie auf – wenn so gar nichts zu laufen scheint?

Was die Umfragen angeht: Die Hälfte der Wählerinnen und Wähler hat sich noch nicht entschieden, das passiert in den letzten drei Wochen vor der Wahl. Und wenn ich Kraft tanken will, dann ist es meine Frau, mit der ich rede. Sie ist der Mensch, der mich am besten kennt. Und dann ist da natürlich der Stolz, auf diesem Stuhl zu sitzen. Meine Partei hat mich mit 100 Prozent gewählt, das ist Ehre und Verpflchtung, egal, wie es mir am Morgen geht.

Schulz über seine Frau, Freunde und die Natur

Haben Sie eigentlich noch Zeit für Freunde in Ihrer Heimatstadt Würselen?

Klar! Das ist für mich unglaublich wichtig. Vor allem zu vier Freunden aus meiner alten Fußballmannschaft habe ich regelmäßig Kontakt, meine besten Freunde seit Kindheit. Die Freunde in Würselen reden Klartext mit mir: „Das hast du gut gemacht“oder „Was hast du denn da für Blödsinn erzählt“ … Auf ihr Urteil lege ich viel Wert.

Wie auf das Ihrer Frau. Sie haben Inge 1985 zum ersten Mal getroffen, sind fast sofort zusammengezogen, haben noch im selben Jahr geheiratet. Sind Sie immer so spontan?

Das war einfach eine Liebesheirat! Ich hab meine Frau kennengelernt und für mich war klar: Das ist die Frau deines Lebens. Das hat keiner verstanden damals, auch meine Freunde nicht. Aber meiner Frau ging es genauso.

Bundestagswahl 2017: „Wenn ich Kanzlerin wäre, dann...“

Lassen Sie sich von Ihrer Frau beraten?

Wir diskutieren intensiv, meine Frau hat ein sehr gutes Gefühl für die Bedürfnisse der Menschen im Alltag. Und meine Frau hat viele Jahre als Landschaftarchitektin auf Großbaustellen gearbeitet, da hast du dann die Planierraupenfahrer, die kommen und sagen ihre Meinung ohne viel Drumherum …

Was ist das Schönste in Ihrer Ehe? Gibt es ein Ritual?

Unser kleiner Garten. Meine Frau hat mich gelehrt, wie sich in der kleinsten Pflanze und im kleinsten Tier die ganze Natur widerspiegelt. Könnte ich an vielen Beispielen klarmachen. Ich zeige Ihnen nur mal ein Bild … (Martin Schulz zeigt uns ein Foto auf seinem Smartphone, das ihm seine Frau am Nachmittag zuvor während einer Sitzung gesimst hat. Blühende Seerosen, üppige Pflnzen – eine Detailaufnahme aus dem privaten Garten.) Sie hat da gesessen, das gesehen, fotografiert – und mir geschickt. So etwas gibt mir Kraft.

Eine Frage müssen wir als Zeitschrift die sich viel mit gesunder Ernährung befasst, einfach stellen: Sie haben im letzten Jahr 12 Kilo abgenommen und halten Ihr Gewicht – wie?

Mit Disziplin! Ich halte mich an ein Grundrezept, das mir mein älterer Bruder, der Arzt ist, verraten hat: Du kannst alles essen, aber in Maßen. Ich frühstücke ausgiebig, esse noch mal zu Mittag und dann abends nicht mehr viel. Ich habe ohne Stress abgenommen.

Zur Person:

Martin Schulz (61) ist gelernter Buchhändler. 1987 wurde er jüngster Bürgermeister in NRW, blieb in Würselen (bei Aachen) bis 1998 im Amt. Mitglied des EU-Parlaments ab 1994, dessen Präsident von 2014 bis Januar 2017 – am 19. März wurde er zum SPD-Chef und -Kanzlerkandidaten gewählt. Martin Schulz hat vier ältere Geschwister. Seit 32 Jahren ist er mit Inge Schulz verheiratet, die beiden haben eine Tochter (Lina, 30) und einen Sohn (Nico, 26). Hobbys: vor allem Lesen und Fußball, Schulz ist Fan des 1. FC Köln.

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