22.08.2017

Exklusiv-Interview Gabi Decker über Altersarmut: Wir brauchen mehr Empathie

Den Ruhestand sorgenfrei genießen? Für viele Senioren ist das nicht möglich. Die  Altersarmut nimmt in Deutschland immer mehr zu.

Foto: imago/Rust

Den Ruhestand sorgenfrei genießen? Für viele Senioren ist das nicht möglich. Die Altersarmut nimmt in Deutschland immer mehr zu.

Die Altersarmut steigt in Deutschland immer mehr – vor allem Frauen sind davon betroffen. Schauspielerin Gabi Decker hilft alten Menschen, die in Not geraten sind. bildderfrau.de hat mit ihr gesprochen.

Was tun, wenn das Geld im Alter einfach nicht reicht? Diese schwierige Frage beschäftigt viele Rentner in Deutschland Tag für Tag. Denn trotz jahrzehntelanger Arbeit und regelmäßigen Einkommens nimmt die Altersarmut hierzulande immer mehr zu. Laut einer aktuellen Studie liegt die Quote der Menschen über 67, die von Armut bedroht sind, derzeit bei 5,4 Prozent. Sie soll bis 2036 auf 7 Prozent ansteigen. Treffen wird es besonders viele alleinstehende Frauen und vor allem Menschen aus Ostdeutschland.

Von Armut bedrohte ältere Menschen haben mit vielen Problemen zu kämpfen. Kabarettistin Gabi Decker kennt sich damit gut aus. Sie hat 2012 die Gabi-Decker-Stiftung gegründet, die Senioren mit Geld-Nöten Hilfe anbietet. bildderfrau.de hat mit Frau Decker über Altersarmut und ihre Auswirkungen gesprochen.

bildderfrau.de: Warum leben so viele alte Menschen in Armut?

Gabi Decker: "Das ist ganz einfach, die Rente reicht nicht mehr aus. Wenn ein älterer Mensch in Armut lebt, kommt immer wieder die Frage auf, warum er oder sie vorher nichts gespart hat. Denn so sollte es ja eigentlich sein. Ich sage dann immer: Wie kann z. B. eine Frisörin und ein Maler, die drei Kinder großgezogen haben, etwas zurück legen? Wie soll das gehen? Die sind auch nie in Urlaub gefahren und haben sich keinen großen Luxus gegönnt, weil nichts da war. Die haben versucht, die Kinder großzuziehen. Damit aus denen was Anständiges wird – und das war es dann.

Wir sollten auch bedenken, dass die Alten auf gar keinen Fall in Saus und Braus leben. Ich habe alte Menschen als sehr bescheiden und schüchtern erlebt, die betteln ungerne um etwas. Darum bitte ich auch immer meine Mitmenschen: Achtet auf die alten, armen Leute. Haben die immer das Gleiche an? Brauchen die was zum Anziehen? Was kann man Gutes für sie tun? Und Nachbarn sollten gegenseitig ein wenig aufeinander aufpassen.

>> Wie man im Alter mit wenig Geld auskommt

Es gibt eine Grundsicherung in Deutschland. Warum reicht die nicht aus?

Um die Rente aufzustocken, können ältere Menschen eine Grundsicherung beantragen, wenn sie die Kosten des täglichen Lebens nicht mehr bestreiten können. Viele Ältere müssen diese Unterstützung in Anspruch nehmen, alleine schon, um die Miete bezahlen zu können. Aber was ist, wenn im Haushalt ein größeres Gerät kaputt geht?

Wenn ein von Armut bedrohter Rentner zum Beispiel sagt, dass er eine Waschmaschine braucht, dann bekommt er die auch. Das Problem dabei ist aber, dass der Rentner das Gerät später von seiner Grundsicherung beim Amt wieder abbezahlen muss. Und das können die meisten nicht. Viele haben nicht mehr als 140 Euro pro Monat, wovon sie Dinge wie Essen, Trinken, Kleidung, Strom und Wasser bezahlen müssen. Davon sollen sie dann noch 20 Euro im Monat für eine Waschmaschine abzahlen. Wenn die Menschen das nicht können, müssen sie auf die Waschmaschine verzichten. Das Amt kennt diese Problemfälle und schickt sie dann zu mir. Ich prüfe anschließend jeden Fall genau, und wenn dieser Mensch wirklich in Armut lebt, bekommt er von mir die Waschmaschine oder die Sachleistung, die er gerade braucht.

Wie helfen Sie diesen Menschen?

Ich biete Hilfe für Senioren in Berlin und Umgebung an. Die Wenigsten treten aber direkt mit mir in Kontakt, weil sie zu schüchtern oder bescheiden sind. Der Großteil kommt von den Ämtern, also von den Bezirksämtern in Berlin oder von der Caritas. Ich unterstütze diese Menschen mit Sachspenden. Ziel meiner Stiftung ist, die Würde des Menschen und seine größtmögliche Autonomie im Alter und im Falle einer schweren Erkrankung zu erhalten. Für mich haben auch Senioren eine Zukunft!

Warum hilft Ihre Stiftung nur in Berlin und Umgebung?

Damit ich alles unter Kontrolle habe. Ich mache das alles alleine von meiner Wohnung aus. Habe keine Sekretärin, keinen aufwendigen Fuhrpark. Ich habe zwei Keller, die vollgepackt mit Spendenzeug sind. Ich habe einen Transporteur, der die Waren ausliefert, und ich habe eine Internetfirma, bei der ich die Elektrogeräte bestelle. Ich gehe sehr sorgsam mit meinen Spendengeldern um und prüfe wirklich jeden Fall vorher genau.

Wie finanziert sich Ihre Stiftung?

Die Stiftung finanziert sich komplett aus Spendengeldern und Sachleistungen, die ich von Privat-Personen bekomme. Manchmal bringen mir Menschen Taschen voll mit Baumwollbettwäsche oder Handtüchern, Laken oder Kissen. Alles was sie noch haben und was noch brauchbar ist. Manchmal stirbt ja jemand, und eine Wohnung wird aufgelöst – dann werde ich auch angerufen.

Was muss sich ändern, damit es den alten Menschen wieder besser geht?

Ich fordere von der Politik eine vernünftige Rente, von der die alten Leute leben können. Wer Geldsorgen hat, kann meistens nicht einmal mehr ruhig schlafen. Was meinen Sie, was die sich für Gedanken machen? Die alten Menschen möchten nicht um jeden Euro betteln. Die sind sparsam, die hauen das Geld nicht raus. Die drehen jeden Cent zweimal um, das sind Kriegskinder. Wenn ich alte Menschen an den Müllkästen sehe, dann denke ich, wo lebe ich? In den Slums von Ecuador – oder lebe ich hier in Deutschland? Die Rente ist sicher und das Geschwafel von den Politikern, das ist alles nicht mehr fassbar.

Wie kann die Gesellschaft helfen?

Wir brauchen wieder mehr Empathie. Man muss sich mehr um die alten Menschen kümmern. Wir sehen doch mit Entsetzen, wie sie in den Mülleimern kramen. Warum gehen wir da nicht einfach mal hin und laden diese Menschen auf eine Tasse Kaffee ein?... Es geht um Nächstenliebe. Fragen Sie diese Menschen, ob sie ihnen etwas Gutes tun können, zum Beispiel ein Brot beim Bäcker kaufen. Wo ist das Problem? Das sind nur ein paar Euro. Ein bisschen mehr gucken, was kann ich dem anderen Gutes tun, kann ich für ihn da sein? Kann ich ihm helfen?

Die alten Menschen sind stolz. Deshalb sollten wir ein Auge auf sie haben. Wenn sie nicht zum Amt gehen und Hilfe brauchen, dann melden Sie das beim Amt – oder die Leute sollen bei mir anrufen. Dafür sind doch Nachbarn da. Die Menschen sollten wieder ein bisschen mehr aufeinander achten.

Wir können wir Ihre Stiftung unterstützen?

Sie können eine Spende abgeben. Das geht auch ganz einfach, indem Sie eine SMS mit dem Kennwort "Gabi" an die 81190 schicken. Dadurch spenden Sie automatisch 5 Euro, wovon 4,83 Euro direkt an die Stiftung gehen. Und auch Sachleistungen nehme ich im Raum Berlin und Umgebung immer gerne entgegen. Dazu gehören beispielsweise: Bettwäsche, Handtücher, ein seniorengerechtes Bett, Kühlschrank, Waschmaschine, Fernseher, Wasserkocher oder auch eine Daunendecke.

Mehr Informationen zur Gabi-Decker-Stiftung finden Sie auf der Website: www.gabi-decker-stiftung.de/

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