05.07.2017

Die Liebe hat gesiegt Ehe für alle: Ein kleiner Schritt weg von Diskriminierung

Durch den Bundestagsbeschluss zur Ehe für alle haben viele etwas gewonnen – aber keiner was verloren.

Foto: iStock/Kosamtu

Durch den Bundestagsbeschluss zur Ehe für alle haben viele etwas gewonnen – aber keiner was verloren.

Der 30. Juni 2017 markiert einen wichtigen Tag im Kampf gegen die Diskriminierung von Homo- und Bisexuellen. Mein Kommentar zu Relevanz, Tragweite und Hoffnungen.

"Denn Liebe ist Liebe und verdient Respekt."

Mit diesem Slogan setzte sich die bundesweite Initiative EHE FÜR ALLE seit Mai 2015 für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland ein. Am 30. Juni 2017 ließen die Grünen dann Konfetti fliegen: Der Bundestag beschloss mehrheitlich die gleichgeschlechtliche Ehe – ein historischer Tag der Demokratie, denn schon lange ist die Mehrheit für die Öffnung der Ehe, das zeigte bereits eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes Anfang 2017, bei der 83 Prozent der Befragten der Ehe für alle zustimmten.

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Von der "eingetragenen Lebenspartnerschaft" zur Ehe

Deutschland ist das 23. (!!!) Land weltweit, das die gleichgeschlechtliche Ehe einführt. Seit 2001 konnten sich Schwule und Lesben lediglich in einer "eingetragenen Lebenspartnerschaft" "verpartnern". Beim Standesamt wurde demnach nicht von einer Hochzeit gesprochen, sondern von einer "Verpartnerung".

Bewusst setze ich diese Begriffe in Anführungszeichen, sind sie doch nichts anderes als Sonderbezeichnungen für bis dato besondere Partnerschaften, die von der "Norm" abweichen. Mit der Öffnung der Ehe wird diese Sonderbehandlung schwuler oder lesbischer Paare, die den Bund des Lebens eingehen wollen, aufgehoben. Und diese Sonderbehandlung war nichts anderes als eine Diskriminierung. Nicht nur, weil die Bezeichnung "eingetragene Lebenspartnerschaft" so unglaublich bürokratisch klingt.

Die "Verpartnerung" und die Diskriminierung

Auch wenn in den letzten Jahren die "eingetragene Lebenspartnerschaft" in einigen wesentlichen Punkten an die Ehe angeglichen wurde, konnte man beide nie gleichsetzen. Claudia und Dorle Göttler, das erste lesbische "verpartnerte" Paar Deutschlands, sagte gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" kurz nach der Abstimmung: "Wir vollenden durch die Ehe den Weg, den wir begonnen haben. Wir wollen 100 Prozent Gleichstellung, nicht 95 Prozent."

Gleichgeschlechtliche Paare wurden durch die Angabe einer "eingetragenen Lebenspartnerschaft" z. B. auf Behördenformularen gezwungen, sich und ihre Sexualität zu outen. Die gesellschaftliche Geschlechterrolle von Individuen wurde so zwangsweise zum Thema.

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Und was ist mit bereits "verpartnerten" Paaren? Diese müssen die Umwandlung der "eingetragenen Lebenspartnerschaft" zur Ehe selbst veranlassen. Den nun endlich offiziell Verheirateten kommt dann auch das volle Adoptionsrecht zu. Bei einem lesbischen Paar, in dem die eine Frau ein leibliches Kind hat, konnte deren Partnerin dieses nur als Stiefkind adoptieren. Bei einem heterosexuellen verheirateten Paar wird der Mann automatisch als Vater eingetragen und das muss nicht mal der Wahrheit entsprechen. Das lesbische Paar musste ein Jahr Adoptionspflege auf sich nehmen, inklusive Besuche vom Jugendamt und Vorsprechen vor Richtern.

Es macht einfach einen Unterschied, ob man sagt "Wir sind verheiratet" oder "Wir sind verpartnert". Nicht nur, weil sich rechtlich einiges ändert, sondern weil das Gefühl der Sonderbehandlung endlich wegfällt.

Der Standpunkt der katholischen Kirche

Evangelische Pfarrer "verpartnerten" schwule oder lesbische Paare schon vor dem Bundestagsbeschluss. Bei den Katholiken sieht es anders, weit konservativer, aus. Katholiken fühlen sich an das Wort Gottes gebunden, demnach der Ehe-Begriff nicht für gleichgeschlechtliche Beziehungen anzuwenden sei. Erzbischof Heiner Koch äußerte gegenüber "Spiegel Online", er verstehe nicht, wieso der Ehebegriff ausgeweitet werden müsse, um "auch andere Beziehungen [zu] stärken und schützen". "Differenzierung ist doch nicht automatisch Diskriminierung", so Koch, "unterschiedliche Gemeinschaften sollten auch unterschiedlich wahrgenommen werden." Doch WARUM "sollten" sie das? Nur um Menschen weiter zu kategorisieren?

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"Haben wir keine anderen Probleme?"

Diese Frage hört und liest man nach dem Beschluss des Bundestags oft. Doch dabei wird nur sichtbar, dass einigen Menschen in der Gesellschaft nicht bewusst ist, dass Diskriminierung ein alltägliches, großes Problem in Deutschland darstellt. Dabei gaben bei der Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes etwa 80 Prozent der Befragten an, dass Homo- und Bisexuelle heute in Deutschland noch immer diskriminiert werden. Bewusst nenne ich hier nicht den Begriff "benachteiligt", will man damit doch nur verhindern, das ach so gefürchtete D-Wort in den Mund zu nehmen.

Diskriminierung wird lieber abgewunken oder ignoriert. Es macht keinen Unterschied, ob die Gruppe, für die die gleichgeschlechtliche Ehe nun neue Möglichkeiten eröffnet, klein oder groß ist. In einer Gesellschaft, in der einem etwas verweigert wird, leben auch die, die es nicht betrifft, in einer unfreien Gesellschaft. Dieses Unverständnis hält das Diskriminierungsproblem weiter aufrecht.

Das Problem ist auch mit der Ehe für alle nicht gelöst. Im Alltag, ob beim Kauf einer Familienkarte für den Freizeitpark oder beim Blick in die Schulbücher oder auf den Lehrplan in Sachen Sexualkunde und Ethik, häufen sich weiterhin die Baustellen für ein gleichberechtigtes Leben und eine gleichberechtigte Anerkennung homosexueller Partnerschaften.

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Grund zum Konfetti werfen

Jedoch: Eine Gesetzesänderung, wie es sie nun gegeben hat, wird sich auf das gesellschaftliche Bewusstsein positiv auswirken. Vielleicht nicht in den nächsten paar Monaten, aber es ist ein wichtiges Signal an junge Menschen: Liebe ist immer gleichwertig, meine Liebe ist gleichwertig! Egal wem sie gilt. Dass Kinder und Jugendliche nun in einem Land aufwachsen, das keinen Unterschied macht, wen man liebt, und den gleichen Schutz und die gleichen Möglichkeiten für alle Paare bietet – das kann uns als Gesellschaft nur stärker, freier und nächstenliebender machen.

Nicht vergessen: Durch den Beschluss haben viele etwas gewonnen – aber keiner was verloren.

Siehe auch: GERWOMANY

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