12.12.2018

Expertin im Interview Wie können wir mit der Angst vor Terror umgehen?

Die Angst vor Terror beschäftigt uns seit einigen Jahren. Aber sollen wir deshalb unser Leben ändern?

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Die Angst vor Terror beschäftigt uns seit einigen Jahren. Aber sollen wir deshalb unser Leben ändern?

Das Leben hat sich für viele Menschen seit den Terror-Anschlägen im In- und Ausland verändert. Aber wie können wir mit der ständigen Angst umgehen? BILD der FRAU hat bei einer Expertin nachgefragt.

Der Terror hält die Menschen seit einigen Jahren in Atem. Immer wieder kommt es zu Anschlägen im In- und Ausland. Die Vorfälle sorgen für Unsicherheit und Angst. Können wir uns noch frei bewegen? Dürfen wir trotzdem feiern gehen? Und wie groß ist die Gefahr, dass wir selbst zum Opfer werden? Das sind alles Fragen, die wir uns vor Jahren noch nicht gestellt haben, die aber mit jedem Terrorakt wieder in den Vordergrund rücken. BILD der FRAU hat zum Thema Angst und über den Umgang mit dem Terror mit Diplom-Psychologin und -Soziologin Dr. Sigrun Schmidt-Traub gesprochen.

Interview zum Thema: Angst vor Terror

BILD der FRAU: Warum beschäftigt uns der Terrorismus so sehr?

Dr. Sigrun Schmidt-Traub: Der Terrorismus ist nun mal allgegenwärtig und eine grauenvolle Gefahr geworden. Sicherlich aber auch aufgrund der medialen Verbreitung. Alle Menschen reden über Terrorakte, die passieren könnten. Und manche von ihnen steigern sich da in Angst hinein und meinen, sie wären gefährdet, wenn sie in Massenansammlungen gehen oder in ein Fußballstadion oder zu Konzerten. In der heutigen Zeit befürchten sehr viel mehr Menschen, dass ihnen da etwas Schreckliches zustoßen könnte in Form eines Terror-Anschlags.

Warum sollten wir uns trotz des Terrors nicht zu Hause verkriechen?

Es ist wichtig zu sehen, dass Terroristen genau das wollen. Sie wollen Angst in der Gesellschaft schüren, und leider sind sie bei Teilen der Bevölkerung damit auch sehr erfolgreich. Und das sollte uns nachdenklich machen. Wir dürfen uns deshalb nicht einschüchtern lassen, denn dann engen wir uns in unserer Beweglichkeit ein, und die Terroristen haben ihr Ziel erreicht. Wir müssen uns sagen, dass ganz schlimme und grausame Taten verübt worden sind – aber die Gefahr an sich ist nicht so groß für jeden einzelnen, um das eigene Leben einzuschränken.

Den Terror in Relation setzen

Wie können wir mit dieser Angst umgehen?

Eine Möglichkeit wäre, den Terror in Relation zu setzen. Wenn man sich die Wahrscheinlichkeit anschaut, mit der Terrorakte geschehen, dann kommt man doch fast ins Staunen. Fakten dazu sollten wir uns immer wieder bewusst machen. Die Gefahr, aufgrund eines Terroraktes zu sterben, ist wesentlich niedriger als die Gefahr, von einem Auto überfahren zu werden oder an Alkohol oder Drogen zu sterben.

Sogar die Wahrscheinlichkeit an einem Wespenstich zu sterben ist viel höher, als ein Opfer bei einem Terrorakt in Deutschland zu werden. Wenn man sich das vor Augen hält, dann fällt die Einordnung der persönlichen Gefährdung vielleicht ein bisschen leichter. Und wir kommen auf den Boden der Tatsachen zurück.

Dürfen wir noch ausgehen, feiern und das Leben genießen?

Die Befürchtung, dass etwas passieren könnte, ist durch die schrecklichen Ereignisse zuletzt sehr verbreitet worden. Aber es reduziert die Lebensqualität enorm, wenn die Leute zunehmend aus Angst zu Hause bleiben. Und das wäre schade. Das sollten wir nicht tun. Aber am Ende muss jeder für sich entscheiden, was er sich zumuten kann und will. Wir leben ja in einer Demokratie.

Wichtig aber zu wissen ist: wer aus Angst gefürchtete Situationen vermeidet, trägt dazu bei, dass die Angst aufrechterhalten bleibt.

Können Sie das genauer erklären?

Viele Eltern von ängstlichen Kindern wollen zum Beispiel wohlmeinend ihre Kinder schützen, indem sie dafür sorgen, diese Angstsituationen zu vermeiden. Wenn etwa der Nachbarsjunge nicht nett war, dann halten sie ihr eigenes Kind fern von ihm. Aber das hält die Angst vor ihm erst recht aufrecht und kann dadurch sogar noch schlimmer werden. Deshalb sollten wir versuchen, die Angst realistisch einzuordnen und uns der Angst immer wieder stellen. Allmählich gewöhnen wir uns an sie…

Angst ist ein Grundgefühl

Jeder kennt Angst. Aber was ist das eigentlich konkret?

Die Angst ist eines der wichtigsten Grundgefühle, die wir haben. Alle Menschen auf der Welt haben Angst. Vom ersten Tag an bis zum Ende des Lebens. Das ist auch gut so. Denn Angst ist im Grunde genommen ein Warn- oder Alarmsystem, das uns vor Gefahren schützt. Es gibt niemanden, der keine Angst hat. Denn wenn wir keine Angst hätten, würden wir Risiken eingehen, die das eigene Leben gefährden können.

Man muss bei der Angst unterscheiden. Es gibt die reale Gefahr, die wirklich da ist und auf die wir mit Sicherheitsverhalten reagieren müssen. Und dann gibt es die Angst, bei der keine echte Gefahrenlage vorliegt. Menschen können sich nämlich auch aufgrund von beängstigenden Gedanken und Vorstellungen in einen Angstzustand versetzen, obwohl sie in Wirklichkeit gar nicht gefährdet sind.

Was passiert im Körper, wenn wir Angst haben?

Wir kriegen eine ganz starke Erregung, die wird im Fachjargon Sympathikus-Reaktion genannt, und deren Aufgabe ist es, den Körper auf Höchstleistungen vorzubereiten. Durch diese Erregung können Menschen besser kämpfen oder flüchten. Ganz selten erstarrt jemand bei Angst und kann dann überhaupt nicht handeln. Ähnlich wie das Kaninchen, das vor Schreck erstarrt. Aber normalerweise kann der Mensch in Angst Höchstleistungen erbringen.

Und welche körperlichen Symptome können auftreten?

Neben Gedanken, es passiert gleich etwas Schreckliches, womöglich Lebensgefährliches, spielen auch viele körperliche Symptome beim Angsterleben eine Rolle. Das Herz schlägt höher, wir atmen schneller und flacher. Wir haben Schwindelgefühle. Eventuell schwitzen wir und bekommen Schweißperlen auf der Stirn. Wir haben Taubheits- oder Benommenheitsgefühle. Uns wird auch übel, und ganz selten muss jemand mal schnell weglaufen, weil er die Darmkontrolle zu verlieren droht. Das ist alles möglich bei Angst. Und diese körperlichen Symptome sind sehr unangenehm, erscheinen sehr bedrohlich – und wer zu Ängstlichkeit und Zurückhaltung neigt, der hat es natürlich angesichts von Terrornachrichten schwerer.

Übrigens: Schmerzen können auch durch Gefühle verursacht werden – hier gibt's 5 Beispiele. Noch mehr über Angststörung und ihre Symptome lesen Sie hier.

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