11.05.2017

Wenn Essen Schmerzen bereitet Leben mit Fructose-Intoleranz: eine Betroffene berichtet

Foto: iStock/potion

Zwischen 20 und 30 Prozent der Deutschen leiden an Fruchtzucker-Unverträglichkeit. Eine Betroffene berichtet, was das für den Alltag bedeutet.

Am 11. Mai ist Iss-was-du-willst-Tag – ein Tag, an dem jeder ohne Kalorien zu zählen essen kann (und soll), was immer er möchte. Für die einen gar kein Problem, für andere gar nicht so einfach. Das Stichwort lautet: Lebensmittelunverträglichkeit. Für alle, die an Lactose-Intoleranz oder Gluten-Unverträglichkeit leiden, stehen in den Supermärkten zwar mittlerweile zahllose Alternativprodukte in den Regalen. Nicht so bei Fructose-Intoleranz – und dabei sind hierzulande schätzungsweise 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung betroffen, so Dr. Dagmar Mainz, Sprecherin des Berufsverbandes niedergelassener Gastroenterologen Deutschlands e.V..

Allerhöchste Zeit also, dass auch jenen geholfen wird, die keinen Fruchtzucker vertragen. Und genau dieser Mission widmet sich Hedwig Trottnow, selbst Betroffene. Wir haben uns mit der jungen Frau unterhalten, die das Leben für Fructose-Intolerante nun maßgeblich verbessern will.

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Interview mit einer Betroffenen

bildderfrau.de: Frau Trottnow, Sie selbst leiden an Fructose-Intoleranz. Wann und wie hat sich das bemerkbar gemacht?

Das hat sich bei mir bereits in der Pubertät bemerkbar gemacht. Schon im Alter von zwölf Jahren hatte ich permanent Schmerzen: Magenkrämpfe, Schwindel und Darmbeschwerden. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, habe ich nur ein Bild vor Augen: Ich liege zu Hause auf der Couch, es geht mir richtig schlecht – und die Schmerzen machen mich total fertig.

Die Diagnose kam erst nach Jahren. Warum hat es so lange gedauert, bis Sie endlich auf die Unverträglichkeit getestet wurden?

Gute Frage. Mir war natürlich klar, dass meine Schmerzen nicht normal waren. Daher ging ich oft zum Arzt, leider jedes Mal ohne Ergebnis. Weder der Hausarzt noch der Gastroenterologe noch die Heilpraktikerin konnten mir sagen, was ich hatte. Es gab sogar einen Verdacht auf Darmkrebs, aber der bestätigte sich zum Glück nicht. Mein Hausarzt wusste letzten Endes nicht mehr weiter und wollte mich sogar zum Psychologen schicken. Unfassbar aus der heutigen Perspektive! Ich war mir jedenfalls sicher, dass ich ein Ernährungsproblem hatte und versprach, bei einem negativen Untersuchungsergebnis eine Therapie zu beginnen. Das war unser „Deal“. Dann durfte ich schließlich den Fructose-Atemtest machen – und es wurde eine stark ausgeprägte Fructose-Intoleranz festgestellt.

Wie ging es Ihnen nach der Diagnose?

Erst einmal war ich sehr erleichtert. Dann suchte ich eine Ernährungsberaterin auf, die meinen Körper zunächst auf Diät setzte. Zwei Wochen lang durfte ich keine Fructose zu mir nehmen. Was dann passierte, war der Wahnsinn! Für Außenstehende, die nicht jahrelang unter Schmerzen litten, ist das vielleicht nicht nachvollziehbar. Aber man muss bedenken, dass ich daran gewöhnt war, mich immer nur schlecht zu fühlen. Plötzlich wurde dieser „Normalzustand“ von einem neuen, ganz ungewohnten Zustand abgelöst. Ich hatte erstmals seit Jahren keine Magenkrämpfe und keine Darmbeschwerden mehr – und fühlte mich wie auf Wolke sieben. Einfach wunschlos glücklich!

Fruchtzucker steckt in vielen Lebensmitteln

Fructose ist in Früchten enthalten – das wissen vermutlich die meisten. In welchen Lebensmitteln versteckt sich Fruchtzucker außerdem?

Fruchtzucker versteckt sich in weit mehr Lebensmitteln, als man denkt. Zum Beispiel ist er in fast allen Gemüsesorten, in Salat, Knoblauch, Zwiebeln und Kräutern enthalten – wenn auch in wesentlich geringerer Dosis als in Obst. Auch Marmelade, Honig, Kekse und Stärkungsriegel weisen teilweise hohe Anteile von Fruchtzucker auf. Besonders aufpassen müssen Betroffene außerdem bei gesüßten Getränken, weil sie oft mit Fructose angereichert sind, und bei Fertigprodukten. Ich kann mir zum Beispiel nicht eben mal schnell eine Tiefkühlpizza warm machen. Das würde meine Schmerzen sofort zurückbringen.

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Das hat Ihren Speiseplan sicherlich ordentlich auf den Kopf gestellt. Kochen Sie seit Ihrer Diagnose häufiger?

Richtig. Das hat meinen Speiseplan komplett verändert. Früher habe ich hauptsächlich von Tiefkühlware gelebt oder beim Liefer-Service bestellt und nur in seltenen Fällen selber gekocht. Heute stehe ich jeden Tag in der Küche. Das Gute dabei: Aus der Notwendigkeit heraus habe ich eine wahre Leidenschaft fürs Kochen entwickelt. Ich koche mir mein Mittagessen, backe Brot oder Brötchen und finde es alles in allem erstaunlich, wie wenig Zutaten man im Endeffekt braucht, um tolle Gerichte zuzubereiten.

Was machen Sie, wenn Sie unterwegs sind? Zwischen all den Terminen bleibt ja eher keine Zeit, sich etwas zu kochen?

Wenn ich unterwegs bin, schmiere ich mir Brote oder nehme meine selbstgebackenen Müsliriegel mit. Damit gehe ich auf Nummer sicher. Schließlich kann ich auch nicht so einfach in jedes Restaurant gehen und mir dort etwas zu essen bestellen. Das ist immer mit Unsicherheiten und Anstrengungen verbunden. Denn dort müsste ich den Koch sprechen und nachfragen, ob eventuell Zwiebeln im Salat sind oder die Sauce mit Wein zubereitet wurde.

Eine Intoleranz bedeutet leider auch Verzicht. Was fehlt Ihnen am meisten?

Süßigkeiten und Kuchen!

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Fructosefreie Lebensmittel sollen Abhilfe schaffen

War es die Liebe zur Schokolade, die Sie dazu gebracht hat, Ihr Unternehmen „Frufree“ zu gründen?

Ja, das war der entscheidende Grund! Ich musste feststellen, dass das Angebot an fructosefreien Produkten sehr eingeschränkt ist – und das, obwohl so viele Menschen unter einer Fructose-Intoleranz leiden! Das heißt, wer keinen Fruchtzucker verträgt, kann nicht einfach in den nächsten Supermarkt gehen und dort alles das einkaufen, was sein Herz begehrt – nur eben in fructosefrei. Es gibt bislang nur sehr wenige Produkte. Viele davon sind fructosearm und nicht zu 100 Prozent fructosefrei. Andere wiederum sind fructosefrei, aber schmecken nicht. Das möchte ich ändern! Daher habe ich beschlossen, meine eigene Produktlinie auf den Markt zu bringen, die nicht nur komplett fructosefrei ist, sondern auch auf dem Grundsatz der Nachhaltigkeit hergestellt wurde. Ein weiterer Vorteil: sie schmeckt richtig lecker!

Ab Juni kann man auf frufree.de fructose- und lactosefreie Schokolade erwerben. Welche Sorten werden denn angeboten?

Wir starten mit Vollmilch, weiß und zartbitter. Zartbitter wird zudem auch vegan sein. In einem nächsten Schritt wird es dann ab September auch gefüllte Schokoladen geben.

Wie sind Ihre Visionen für Ihr Unternehmen? Sind weitere fructosefreie Produkte in Planung?

Ich möchte den vielen Menschen, die Fruchtzucker nicht oder nur eingeschränkt vertragen, ein Stück Lebensqualität zurückbringen! Zwar fange ich klein an und werde die Schokolade erst einmal über frufree.de vertreiben. Aber in einem nächsten Schritt will ich meine Produktpalette ausweiten und dann auch Gummibärchen, Kuchen, Fertigprodukte und Prosecco anbieten. Ziel ist es, alles 2018 in den Handel zu bringen, so dass diese Lebensmittel dann auch im Supermarkt an der Ecke zu haben sein werden.

Haben Sie noch ein paar Tipps für unsere Leserinnen, die vermuten, an Fructose-Intoleranz zu leiden?

Mein Tipp ist: Wenn du glaubst, dass du Fructose vielleicht nicht verträgst, dann versuche erst einmal, eine Woche lang ganz auf Fruchtzucker zu verzichten. Wenn dadurch die Beschwerden besser werden, geh' zum Arzt und bestehe darauf, den Atemtest zu machen. Lass dir das nicht ausreden. Vertrau auf dein Gefühl!

Mehr zum Thema Allergien und Intoleranzenfinden Sie auf der Themenseiten.

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