06.05.2017

Mensch & Tier Die Sprache der Pferde verstehen

"Was Menschen als Unart definieren sind häufig angewandte Vokabeln oder Rituale, die man viel besser und richtiger in Pferdesprache beantworten könnte. Dadurch würde man sehr früh verständlich für das Fohlen kommunizieren können.“ (Gertrud Pysall)

Foto: iStock/betyarlaca

"Was Menschen als Unart definieren sind häufig angewandte Vokabeln oder Rituale, die man viel besser und richtiger in Pferdesprache beantworten könnte. Dadurch würde man sehr früh verständlich für das Fohlen kommunizieren können.“ (Gertrud Pysall)

Wenn Pferde sprechen könnten... Falsch! Vielmehr: Wenn Menschen Pferde verstehen würden...

Gertrud Pysall erforscht seit über 25 Jahren die Kommunikation der Pferde und ebnet damit die Lehre über den artspezifischen und intelligenten Umgang mit dem treuen Tier. Die Spezialistin untersuchte das Verhalten und Kommunikationssystem der Pferde und übertrug diese komplexen Muster auf den Umgang und die Beziehung zwischen Mensch und Tier. 130 Vokabeln, soziale Regeln und Rituale konnte Pysall bisher filtern, auf die Mensch sinnvoll antworten können muss, um die Verhaltensweisen des Pferdes zu verstehen.

BILD der FRAU.de sprach mit der Pferdeexpertin über ihre Forschung und ihren Umgang mit den Tieren, die sie in bislang drei Büchern zusammengefasst hat. Ihre jüngste Veröffentlichung „Wie wenn Holz auf Wasser schwimmt“ zeigt am Beispiel ihrer Lebenserfahrung mit Pferden wie sie sind, was sie brauchen und was sie dringend suchen. Das Buch schildert warum viele Menschen mit ihrem Pferd nicht zurechtkommen oder sogar Angst vor ihnen entwickelten.

Die Beziehung zwischen Mensch und Pferd

BILD der FRAU.de: Wann wurden Ihnen die irrtümlichen Denkmuster der Pferd-Mensch-Beziehung bewusst?

Gertrud Pysall: Das fing schon bei der ersten Reitstunde an und zog sich dann konsequent durch mit den Erfahrungen in verschiedenen Reitschulen. Solange sich der Mensch in der Position sieht, das Pferd beherrschen zu wollen, kann keine artgerechte oder dem Tier gegenüber faire Bindung entstehen.

Wie lässt sich eine schlechte Beziehung zwischen Mensch und Pferd erkennen?

Grundsätzlich ist es wie in allen anderen Beziehungen auch: Eine gute Beziehung setzt ein ehrliches und wohlwollendes Verhalten dem anderen gegenüber voraus.

Die schlechte Beziehung erkennt man an dem gegenseitigen Nichtverstehen. Das Pferd zeigt das, indem es versucht dem Menschen auszuweisen, sich auf der Weide nicht gerne einfangen oder den Menschen nicht aufsitzen lässt, oder aber auch tritt, beißt und sich abwehrend verhält. Auch einfaches sich nicht anfassen lassen wollen, den Huf nicht geben, nicht in den Hänger gehen sind Anzeichen des unverstanden Pferdes, sowie fast alles, das der unwissende Mensch als unartig betitelt.

>> Tamme Hankens Witwe: „Tamme ist jetzt mein XXL-Schutzengel“

Auf dem Weg zu einer guten Beziehung

Sie unterscheiden verschiedene Pferdetypen. Inwiefern wirkt sich das typisierte Verhalten des Pferdes auf eine gute oder eben nicht so gute Beziehung mit dem Menschen aus? Gibt es Menschen- und Pferdetypen, die gut bzw. nicht gut zusammenpassen?

Ja, es gibt sicherlich Pferdetypen, die besser zu einem Menschen passen als andere. Dennoch ist es so: Wenn der Mensch das Pferd versteht und seiner Natur gerecht wird, es nicht überfordert und nicht entmündigt, dann passen sich die Pferde besser an den Menschen an, als der Mensch sich an das Pferd. Weil sie Herdentiere sind, liegt es ihnen auch nah, sich einzuordnen und sich unterzuordnen, sobald sie in einem Gegenüber einen Entscheidungsträger erkennen. Der muss sich allerdings als solcher bewähren und sich für das Pferd erkennbar als souverän und gerecht und kompetent zeigen. Das geht nicht mit erhobenem Zeigefinger oder der Faust hinter dem Rücken. Pferde spüren sofort die Intention, die hinter dem Verhalten der Menschen steht.

Ist es wichtig, dass der Mensch ranghöher ist oder sollte solch ein Denken über die Rangstufe vermieden werden?

Das Pferd sucht immer nach dem Beschützer, der kompetenten Führungskraft. Das hat aber nichts mit dem zu tun, wie Menschen sich als sogenanntes Leittier präsentieren, mit ungerechter Strenge bei eigener emotionalen Inkompetenz, Angst und Unsicherheit. Ein Leittier in einer Pferdeherde verlangt niemals etwas von seinen Mitgliedern, das gefährlich ist oder Schmerzen macht und prügelt keine Leistungen aus einem Pferd heraus. Es übt niemals Druck aus, um Verhalten, Können oder Unterwürfigkeit zu erzwingen. Aber es wird gebraucht, als Entscheidungsträger und als Schutz. Diese Position sollten wir Menschen auch einnehmen.

Wie stellen Sie sich diese innere Perspektive von Pferden vor, von der Sie in Ihren Theorien sprechen?

Jedes Pferd, das in Menschenhand geboren wird, wird dadurch in seiner von der Natur vorgesehenen Prägezeit auch auf den Menschen geprägt. Daher entwickelt jedes Fohlen die Erwartung an uns Menschen, dass wir ab jetzt zu seinem Leben gehören und sprachfähig sind. Es empfindet uns als Herdenmitglied und stellt daher auch die entsprechenden Erwartungen an uns. Die meisten Menschen wissen das nicht und erziehen das Jungtier nach menschlichen Maßstäben und strafen oder tadeln Sprachverhalten beim Fohlen. Was Menschen als unartig definieren sind häufig angewandte Vokabeln oder Rituale, die sich besser in Pferdesprache beantworten lassen.

>> Die kleinsten Therapiepferde der Welt laden zum Kuscheln ein

Die Pferdesprache verstehen

Wie konnten Sie die Sprache der Pferde erforschen? Wann konnten Sie Ihre Theorie und Philosophie formulieren?

Die Pferdesprache zu erforschen war eine sehr zeitaufwändige Angelegenheit, zumal ich das alleine machen musste. Ich habe unzählige Stunden in Herden verbracht, sie gefilmt und die Gesten analysiert. Anschließend habe ich sie immer wieder überprüft.

Der zweite Teil der Forschung bestand darin, Gesten zu entwickeln, die wir Menschen ausführen können, um uns sprachlich mit dem Pferd zu verständigen, ohne dass dem eine Schulung oder ein Training des Tieres vorausgehen muss. Mein Anspruch war, eine Sprachfähigkeit zu erlangen, sodass jedes Pferd mich auch sofort verstehen kann, ohne es vorher zu konditionieren. Dieser Anspruch ist zugegebenermaßen hoch und vor allem neu. Pferde werden seit ewigen Zeiten trainiert und konditioniert, aber eine Sprache zu finden, die unmittelbar funktioniert wie bei Pferden unter sich, das gab es eben noch nie.

-------

Das neue Buch von Gertrud Pysall „Wie wenn Holz auf Wasser schwimmt“ erschließt neue Blickwinkel, Pferde zu betrachten und eröffnet neue, nie da gewesene Räume, sein Leben mit Pferden zu gestalten.

Seite
Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen