03.05.2017

Body-Shaming Nora Tschirner: Darum hassen so viele Frauen ihren Körper

Nora Tschirner unterstützt die Dokumentation "Embrace" als Ausführende Produzentin und Mitwirkende.

Foto: Marco Justus Schöler

Nora Tschirner unterstützt die Dokumentation "Embrace" als Ausführende Produzentin und Mitwirkende.

Schauspielerin Nora Tschirner äußert sich kritisch über das Schönheitsideal von Frauen in unserer Gesellschaft.

Kaum eine Frau ist zufrieden mit ihrem Körper. Wir alle orientieren uns an einem Schönheitsideal und versuchen, dem möglichst nah zu kommen. Dafür nehmen wir viel in Kauf – und vergessen darüber häufig uns selbst. Die eigene Schönheit rückt in den Hintergrund, die Makel zehren am Selbstbewusstsein. Body-Shaming ist ein weit verbreitetes Phänomen, mit dem sich nun auch der Film "Embrace" beschäftigt.

In dem Film geht es um die Frage, warum sich so viele Menschen in ihrer Haut nicht wohlfühlen. Im Mittelpunkt steht Taryn Brumfitt – die Australierin hasste ihren Körper nach der Geburt ihres dritten Kindes. Sie beschloss, dagegen anzukämpfen und trainierte fortan wie besessen. Brumfitt quälte sich durch mehrere Diäten und fand sich nach einem harten Kampf mit sich selbst auf der Bühne eines Bodybuilding-Contests wieder.

Mit viel Durchhaltevermögen und Selbstdisziplin hatte sie sich zu ihrem Traumkörper durchgekämpft. Glücklich machte Brumfitt das dennoch nicht. Im Trailer des Films sagt sie: "Zu viel Zeit, zu viele Opfer, zu viel Besessenheit. Das ist es einfach nicht wert." Mittlerweile hat sie ihr Gefühl zu ihrem Körper verändert und möchte anderen Menschen vermitteln, sich zu akzeptieren und nicht zu hart zu sein.

In "Embrace" erzählen Frauen und Männer auf der ganzen Welt von ihren Problemen mit ihrem Körper und suchen Antworten. Der Film soll zeigen, dass jeder Mensch auf seine eigene Art schön und liebenswert ist. bildderfrau.de hat mit Schauspielerin und Film-Produzentin Nora Tschirner über Body-Shaming, die Folgen sowie "Embrace" gesprochen.

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Worum geht es in "Embrace"?

Tschirner: In dem Film geht es um das herkömmliche Schönheitsideal und was es mit uns macht, unter welche Zwänge es die Menschen schon von Kindheit an stellt.

Warum ist der Film wichtig in der heutigen Zeit?

Weil die Menschheit gerade jetzt, aber eigentlich schon immer wichtigere Aufgaben hat, als gemeinsam einsam in einem selbstgebauten Spiegellabyrinth herumzuirren. Und weil die Depressions- und Essstörungs-Statistiken alarmierend sind.

Welche Frau im Film hat Sie am meisten bewegt und warum?

Taryn selbst. Der Weg heraus aus ihrer inneren Misere zu einem glücklichen, selbstbestimmten Leben bis hin zur Schöpfung dieses Films und der ganzen Body-Image-Bewegung, die seit ihrer Entstehung soviel Leben berührt und verändert hat, bestätigen mich in meiner tiefsten Überzeugung, dass jeder Einzelne das Potenzial besitzt, die Welt positiv zu verändern. Solange er es schafft, sich von giftigen und selbstgeißelnden Gedanken zu befreien.

"Wir müssen jetzt mal ein bisschen neu denken"

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Warum hassen so viele Frauen ihren Körper?

Weil aus ihm in Zeiten des um sich greifenden Optimierungs- und Leistungsdrucks der unbesiegbare Endgegner geworden ist. Das fiese Ding will sich einfach nicht fügen und zum computeranimierten Abziehbild werden. Und mit dem Verändern und Altern hört es auch nicht auf, das freche Stück.

Was bedeutet Body-Shaming für Sie?

Das Abwerten eines Menschen aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes. Dabei gibt es keine Gewinner, denn ein Mensch, der jemanden wegen seines Äußeren kritisiert oder bewertet, unterwirft sich selbst einer Denkweise, die ihn ziemlich massiv von tief empfundenem Lebensglück abhält.

Warum definieren sich so viele Frauen nur über ihren Körper?

Dafür gibt es viele verschiedene Faktoren. Es hat seine Ursprünge im historischen Frauenbild, beginnt heute schon bei dem frühen Loben kleiner Mädchen für äußere Eigenschaften und wird von Generation zu Generation weitergegeben, wenn Kinder ihren Eltern beim Lästern über den eigenen Körper zuhören. In einer leistungs- und konsumorientierten Gesellschaft treiben solche Selbstwertbrüche dann schnell die allergiftigsten und selbstzerstörerischsten Blüten. Wir haben uns als Gesellschaft ziemlich verrannt, was urmenschlich ist. Und müssen jetzt mal ein bisschen neu denken.

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Was raten Sie Frauen, wie sollten sie mit ihrem Körper umgehen?

Mild. Freundlich. Mit einem liebenden Blick. So, wie sie mit dem Körper eines geliebten Menschen umgehen würden. Den würde man nicht mit gemeinen Gedanken, Blicken oder Worten belegen. Das ist für die meisten erstmal nicht leicht. Aber man kann es lernen.

Embrace

Wie können wir uns selber lieben? Was müssen wir dafür tun?

Jeder muss und darf sein eigenen Weg finden. In den meisten Fällen wahrscheinlich: üben. Entspannen. Die Perspektive ändern. Aufhören – auch im Kleinen – zu streng mit uns selbst zu sein. Uns selbst zuhören und merken, wann wir unter Druck geraten, jemand anders sein zu müssen als wir sind. Zum Beispiel durch die Lektüre bestimmter Medien oder die Gesellschaft bestimmter Kritiker. Innerer oder äußerer. Und dann bewusst und beherzt nach und nach Abschied nehmen von solchen Negativeinflüssen.

"Frauen sind recht gut darin, sich klein zu halten"

Was muss sich auch bei den Männern ändern, damit Body-Shaming kein Thema mehr ist?

Ich glaube nicht, dass das zwangsläufig oder immer noch ein in erster Linie ein von Männern gemachtes Problem ist. Frauen sind recht gut darin, sich selbst und Geschlechtsgenossinnen klein zu halten. Wenn wir davon ein Stück wegkommen, ist viel gewonnen.

Gerade gibt es auch eine große Diskussion darüber, ob Frauen Haare unter den Achseln wachsen lassen sollten oder nicht. Was sagen Sie dazu?

Nein. Bei allem Verständnis. DAS geht auf keinen Fall. Wo kämen wir denn dahin. Da verstehe ich keinen Spaß. Und verbiete es hiermit. Ein für allemal. Ernsthaft: Da fragen Sie leider die Falsche, ich bin die ersten zehn Jahre meines Lebens von behaarten Frauen quasi nur so umzingelt gewesen und kann auch heute noch einige hochgradig charmante Exemplare in meinem Umfeld vorweisen, die sich vor Annäherungsversuchen nicht minder charmanter Menschen kaum retten können. Deswegen kann ich nur fröhlich ermunternd rufen: Es ist 2017! Ihr könnt wachsen lassen, was und wo ihr wollt. Wenn die Welt dieser Tage untergehen sollte, möchte ich persönlich hiermit garantieren, dass weder weibliche noch männliche Körperbehaarungen einen Anteil daran haben werden.

"Embrace" – nur am 11. Mai im Kino

Der Film “Embrace” wird nur an einem einzigen Tag gezeigt. Am 11. Mai verbünden sich Kinos in Deutschland und Österreich und veranstalten damit ein besonderes Kino-Event, um sich gegen Body-Shaming zu solidarisieren.

In welchen Kinos der Film gezeigt wird, können Sie hier nachschauen: www.embrace-film.de/kinos

>> Denken Sie an sich selbst. Auf der Themenseite zum Weltfrauentag sehen Sie, was wir alle in den vergangenen 100 Jahren erreicht haben.

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