29.03.2017

Familien-Ratgeber Wenn Kinder ausziehen: So meistern Eltern das Loslassen

Buchautorin und Journalistin Gerlinde Unverzagt

Foto: Olivier Favre

Buchautorin und Journalistin Gerlinde Unverzagt

Plötzlich sind die Kinder groß und wollen auf ihren eigenen Beinen stehen. Eine Expertin erklärt, wie Eltern das Loslassen einfacher meistern.

Es ist für die ganze Familie eine spannende Zeit, wenn das eigene Kind erwachsen geworden ist und aus dem Elternhaus auszieht. Für den Nachwuchs beginnt ein völlig neuer Lebensabschnitt, das Kind blickt mit Freude und Aufregung in die Zukunft. Und die Eltern? Für die ist diese „Trennung“ häufig nicht leicht. Sie machen sich Sorgen, vermissen ihr Kind.

Experten nennen diese Krisensituation das „Empty Nest Syndrome“. Gerlinde Unverzagt hat sich in ihrem neuen Buch mit dem Thema beschäftigt und zeigt, dass der Auszug des Kindes auch Chancen für die Eltern bieten kann. bildderfrau.de hat mit der 56-jährigen Erfolgs-Autorin und Mutter von vier Kindern darüber gesprochen.

bildderfrau.de: Warum fällt es vielen Eltern so schwer, die Kinder loszulassen?

Gerlinde Unverzagt: Auf den ersten Blick ist es Liebe, und auf den zweiten vielleicht auch. Dahinter kommt ein ganzer Cocktail von Gefühlen zum Vorschein, die eher weniger mit Liebe zu tun haben: Bedürftigkeit, Verlustangst, Angst vor der eigenen Entbehrlichkeit, Einsamkeit oder das Alter mischt sich in ganz normale Traurigkeit über die vergangene Zeit.

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Was für Gefühle kommen in den Eltern auf, wenn die Kinder ausziehen?

Viele Mütter, aber auch immer mehr Väter sprechen davon, sich plötzlich alt, nutzlos und sogar verlassen zu fühlen. Dabei geht das Kind ja nicht, weil es seine Eltern nicht mehr liebt, sondern weil das der Lauf der Dinge ist und der Schritt ins eigene Leben in jungen Erwachsenenjahren einfach dran ist.

"Der Jugendwahn lässt uns fürchten zum alten Eisen zu gehören"

Was hat sich in der Gesellschaft verändert, dass dieses Problem so häufig auftritt?

Mehr und mehr haben wir das romantische Liebesideal von einem Partner auf unsere Kinder übertragen, nach dem Motto: Männer kommen und gehen, ein Kind hat man für immer! Unsere Einstellung zu Kindern, unser Erziehungsstil hat sich verändert und die emotionale Bedeutung ist grenzenlos geworden. Wir entwickeln Identität über die Kinder, erwarten durch sie den Sinn des Lebens gefunden zu haben.

Wir haben uns angewöhnt, das Kind in den Mittelpunkt zu stellen und kreisen um die Kinder wie Monde um einen Planeten. Dabei haben sich die Rollen gewandelt, und die Grenzen zwischen den Generationen sind verwischt. Als Leitwölfe haben wir abgedankt, jetzt sind die Welpen an der Macht. Der grassierende Jugendwahn lässt uns fürchten, dass wir über Nacht zum alten Eisen gehören, wenn die Kinder gehen.

Und wir biedern uns bei der Jugend an: wir tragen dieselben Klamotten, hören dieselbe Musik, ahmen jugendlichen Slang nach. Medien tun ein Übriges: Der Auszug aus dem Elternhaus findet noch immer analog statt, aber wir bleiben dank der digitalen Nabelschnur aus Whatsapp, SMS und Skype zusammen und halten uns noch über die kleinsten Alltagskümmernisse in Echtzeit auf dem Laufenden.

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Warum ist es für die Kinder so wichtig, dass sie sich von den Eltern lösen?

Weil wir nicht aufhören können, sie zu beschützen, verwöhnen, bedienen und alles Unangenehme von ihnen fernzuhalten. Eigenverantwortung, Unabhängigkeit und ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln, das können Kinder so nicht lernen. Positiv gesprochen: Wir dürfen sie nicht kleinhalten, um uns groß zu fühlen.

Was können Eltern tun, damit die "Trennung" leichter fällt?

Sich bewusst machen, dass die gemeinsame Zeit unter einem Dach eine endliche Episode ist. Sich auf die Zeit danach freuen: wieder mehr Zeit für eigene Interessen, Freunde, Hobbies! Warum nicht jetzt sich selbst erziehen? Was gefällt mir und was nicht? Was will ich ändern? Es ist ein Aufbruch, kein Ende. Früh versuchen, eben nicht zu klammern. Und wenn es so weit ist, nicht mit dem schrägen Deal locken: Wir machen es dir hier schön, und dafür bleibst du da.

Elterliche Reife kann freundschaftliche Züge annehmen

Was können Kinder tun, damit der Schritt für die Eltern leichter wird?

Nichts! Das müssen die Eltern schon selbst erledigen. Kinder zur Erleichterung des Trennungsschmerzes in die Pflicht zu nehmen, vergrößert das schlechte Gewissen aus falsch verstandenem Verantwortungsgefühl, das die meisten haben, nur noch mehr. Sie sollen sich nicht fühlen müssen, als ließen sie die Eltern sitzen, sondern eher freudig und zuversichtlich ins Erwachsensein aufbrechen dürfen!

Na gut, ein paar Übergangsregeln kann man ja verhandeln: einmal im Monat zum Sonntagsessen, einmal in der Woche telefonieren. Da ist viel möglich, und bei jedem etwas anderes gewünscht.

Was zeichnet eine gute Beziehung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern aus?

Wir haben uns angewöhnt, nur eine enge als eine gute Beziehung anzusehen. Aber stimmt das wirklich? Könnte nicht auch ein gelockertes Band mit gelegentlichen Treffen eine gute Beziehung sein, die beiden genug Luft lässt?

Gut ist eine Beziehung, wenn sie mitwächst. Aber als wärmender Mantel, nicht als Korsett. Wenn beide sich jenseits der Mutter-Vater-Kind-Rollen als eigenständige Personen wahrnehmen können, ist schon viel gewonnen. Filiale Reife, parentale Reife, so nennt das die Psychologie, kann sogar freundschaftsähnliche Züge annehmen.

Haben Sie auch Tipps für Eltern, die das umgekehrte Problem haben? Also, wenn die Kinder auf gar keinen Fall aus dem Elternhaus ausziehen wollen.

Das wäre doch eine gute Gelegenheit für ein offenes Gespräch – und ein Experiment: Was passiert eigentlich, wenn Eltern die Serviceleistungen drastisch herunterfahren, der Kühlschrank leer bleibt, die Wäsche ungewaschen und auch das Auto nicht mehr verliehen wird?

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