04.02.2017

Immer ein offenes Ohr Maike Puchert ist die gute Seele der Seemänner

Maike Puchert ist Diakonin und leitet die Bordbetreuung der Deutschen Seemannsmission im Hamburger Hafen.

Foto: Henning Angerer

Maike Puchert ist Diakonin und leitet die Bordbetreuung der Deutschen Seemannsmission im Hamburger Hafen.

Es gibt Menschen, die inspirieren einfach. So ging es uns mit Maike Puchert, die als Diakonin die Bordbetreuung der Deutschen Seemannsmission leitet.

bildderfrau.de: Sie arbeiten als Diakonin bei der Deutschen Seemannsmission als Leiterin der Bordbetreuung. Wie sind Sie auf die Idee für diesen Arbeitsplatz gekommen?

Maike Puchert: Die Arbeit der Seemannsmission begleitet mich schon eine sehr lange Zeit. Mit 18 Jahren habe ich im Duckdalben international seamen’s club in Hamburg ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert – und bin hier im wahrsten Sinne des Wortes kleben geblieben! Nach dem Jahr habe ich im Club ehrenamtlich weiter mitgearbeitet. Nach dem Abschluss meines Studiums ergab sich die Chance, in die Seemannsmission Westküste nach Brunsbüttel zu gehen. Dort habe ich meine ersten Schritte im Berufsleben gemacht und die Arbeit eines hauptamtlichen Mitarbeiters in einer Seemannsmission kennengelernt. Nach zwei Jahren dort bin ich als Leitung der Gemeinsamen Bordbetreuung nach Hamburg zurückgekehrt. Wenn ich jetzt zurückblicke, bedeutet dies: Bis heute habe ich in meinem beruflichen Leben nie etwas anderes gemacht als die Arbeit in einer Seemannsmission!

Sie sind die starke Schulter für viele Seemänner. Was gibt Ihnen die Stärke sich so zu engagieren?

Die Seeleute machen es mir sehr leicht, sich immer wieder für sie einzusetzen. Sie geben einfach unglaublich viel zurück. Ich kann jeden Tag nach Hause gehen und sagen: Heute habe ich wieder jemandem ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Ich habe ihm geholfen oder ihm etwas Gutes getan und so von den Seeleuten ein Danke zurückbekommen. Sie freuen sich und sind dankbar über so viele Kleinigkeiten - das macht es sehr einfach und sehr schön!

Was sind das für Kleinigkeiten?

Zu diesen Kleinigkeiten gehört beispielsweise Telefon- oder Internetzugang, den sie nicht grundsätzlich überall haben, um mit Familie und Freunden weit weg in Kontakt zu bleiben. Dazu gehören aber auch: Fester Boden unter den Füßen, die Chance auf einen kleinen Ausflug in die Stadt, eine Runde Basketball spielen, andere Menschen treffen, den Kopf vom Schiffsalltag freibekommen, in Ruhe ein Feierabendbierchen trinken. All diese Dinge sind für uns Landratten selbstverständlich, aber für die Seeleute nicht.

Was, glauben Sie, ist das Schwierigste am Seemannsleben?

Das Schwierigste am Seemannsleben ist die Einsamkeit. Es ist die lange Abwesenheit von Zuhause, das oftmals fehlende Gefühl der Geborgenheit durch Vertrautes wie Essen oder Sprache. Dazu kommen Ängste wie den Naturgewalten ausgesetzt zu sein oder von Piraten bedroht zu werden. In letzter Zeit sind die Seeleute zudem immer öfter mit einer bedrückenden Situation konfrontiert: die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer.

Wie lange sind die Seeleute auf See?

Seeleute leben und arbeiten auf hochtechnisierten Schiffen, sieben Tage die Woche. West-Europäer haben meistens Einsatzzeiten von zwei bis vier Monaten. Ein Offizier von den Philippinen oder aus anderen asiatischen Ländern hat dagegen meist einen Vertrag über eine Arbeitsdauer von nicht weniger als sechs Monaten. Und die niedrigeren Ränge sind um die neun Monate auf See. Wer so lange von zuhause entfernt und mit dem Schiff immer wieder aus der Fremde unterwegs ist in die Fremde, dem geben der Gedanke an Zuhause, der persönliche Glaube oder auch etwas Vertrautes viel Halt und Kraft.

Beschreiben Sie mal einen Ihrer Arbeitstage? Haben Sie überhaupt etwas wie einen geregelten Tagesablauf oder richtet sich dieser nach den Ankunftszeiten der Schiffe?

Ein Tag bei uns Bordbesuchern beginnt in der Regel um 9 Uhr. Dann wird geschaut, welche Schiffe sich im Hafen befinden; welche wir besuchen wollen, oder ob es schon Anfragen gibt. Leider schaffen wir es nicht, alle Schiffe zu besuchen; dafür ist der Hafen zu groß. Wenn wir an Bord gehen, haben wir immer Telefon- und Internet-SIM-Karten dabei - die Kommunikation mit zuhause ist das Wichtigste für die Seeleute. Sie warten aber auch bereits auf anderes: Auf internationale Presse, Informationen über die Seemannsmission und die Stadt, sowie uns selbst als Personen. Denn wir betreten ja von außen den Mikrokosmos Schiff.

Dabei nehmen wir jeden Seemann als Menschen wahr und nicht in seiner Funktion an Bord. Wir hören ihnen zu, bringen selbst Neuigkeiten und sorgen für ein wenig frischen Wind in den Köpfen. Nachmittags besuchen wir häufig Seeleute in Krankenhäusern. Ihre Lage ist noch bitterer: Es geht ihnen nicht nur gesundheitlich schlecht. Wenn ihr Schiff mit den Kollegen den Hafen verlassen hat, fühlen sie außerdem sich komplett alleine gelassen. Für sie sind wir so etwas wie Freunde. Wir besuchen sie regelmäßig, kümmern uns darum, dass sie alles haben, was sie benötigen. Wir sind während des Aufenthaltes im Krankenhaus für sie da, um sie in dieser für sie nicht nur sprachlich schweren Zeit zu begleiten, aufzubauen und zu motivieren..

Gab es eine Geschichte oder ein Schicksal, das Sie besonders berührt hat?

Ich kam die Gangway eines Schiffes hoch und traf auf einen sehr mürrisch dreinschauenden Mann. Ich stellte mich vor, wer ich bin und was ich möchte. Darauf hin sagte er kurzangebunden, ich könne an Bord kommen. Nachdem ich mich eingetragen hatte, ging er mit mir Richtung Schiffsaufbauten. Auf dem Weg dorthin fragte ich ihn, wie es ihm geht. Er blieb stehen, guckte mich an, fing an zu strahlen und sagte: „Es geht mir gut. Danke, dass du fragst. Das hat mich seit drei Monaten keiner mehr gefragt.“ Diese Geschichte verursacht mir immer wieder Gänsehaut, weil sie zeigt, wie schnell Menschliches verloren gehen kann und wie wertvoll Kleinigkeiten und kleine Botschaften sind. Und wie wichtig es ist, als Mensch gesehen werden.

Sehr berührt hat mich ein Seemann von den Philippinen, der im Krankenhaus von einem Ehrenamtlichen aus meinem Team und mir betreut wurde. Er hatte nach einem Unfall an Bord seine rechte Hand und seinen rechten Unterarm verloren. Damit war seine gesamte Existenz zerstört. Wir haben ihn und seine Frau, die später nach Deutschland kam, in den vielen Monaten des Krankenhausaufenthaltes und der Reha begleitet und unterstützt. Es war inspirierend zu sehen, wie er Mut fasste, Rückschläge wegsteckte und nie die Hoffnung verlor. Solche Erlebnisse lassen mich demütig werden und dankbar für das, was ich habe.

In den vergangenen Jahren haben Sie stetig mehr Bordbesuche durchgeführt. Wie erklären Sie sich diesen Anstieg?

Hier gilt mein Dank und meine Anerkennung meinem Team ehrenamtlicher Mitarbeiter. Es kommen stetig neue, engagierte und tolle Frauen und Männer zur Bordbetreuung, so dass inzwischen jeden Tag Seeleute im Hamburger Hafen von uns an Bord besucht werden. Ohne die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wäre die Arbeit in diesem Maße nicht möglich. Sie sind mit ihrer Freude, ihrem Einsatz und ihren vielen Fähigkeiten ein großer Schatz für uns und die Seeleute.

Wie finanziert sich die Deutsche Seemannsmission?

Das ist eine schwierige Frage: Es gibt die Deutsche Seemannsmission e.V. in Bremen. Das ist unser Dachverband, in dem jede Seemannsmission Mitglied ist und der die Stationen der Deutschen Seemannsmission in den ausländischen Häfen verantwortet. Die Stationen der Deutschen Seemannsmission im Inland, also in den deutschen Häfen, sind dagegen eingetragene Vereine und selbstständig, auch in der Finanzierung.

Die Deutsche Seemannsmission ist ein Werk der Evangelischen Kirche, also bekommen die meisten Vereine Zuschüsse ihrer Landeskirche oder der EKD. Zudem gibt es vom Bund eine institutionelle Förderung. Einige Vereine erhalten überdies Zuschüsse der jeweiligen Hafen-Städte. Dies alles reicht allerdings nicht. Daher sind wir auf Spenden und Unterstützung angewiesen. In Hamburg können wir so auf den finanziellen und ideellen Beistand der Hamburg Port Authority, die freiwilligen Abgaben der Reeder, die Gewerkschaft ITF Seafarers´ Trust und viele andere bauen. Die ITF etwa machte möglich, VW-Busse zukaufen, mit denen die Seeleute vom Terminal aus den Club erreichen. Wer den Seeleuten Gutes tun will, kann gerne etwas spenden: Zeit, Geld oder warme Kleidung für den kalten Winter.

Was glauben Sie treibt Ihre ehrenamtlichen Helfer an, ihre Zeit zu opfern?

Da gibt es unterschiedliche Motive! Einige waren in ihrer beruflichen Karriere in vielen Ländern unterwegs. Bei der Bordbetreuung und im Club behalten sie den Kontakt zu Menschen aus anderen Ländern und Kulturen; für einige ist alles, was mit Schiffen, Hafen und Seefahrt zu tun hat ein Anreiz hier mitzutun. Wieder andere sind früher selbst zur See gefahren, kennen die Seemannsmission als Seemann und möchten nun als Ehrenamtlicher etwas zurückgeben. Den wichtigsten Grund aber liefern die Seeleute: Den ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ist es eine Herzensangelegenheit, sie und damit die Welt zu Gast zu haben. Sie haben nicht nur das Gefühl, durch ihre eigene Anwesenheit und die Angebote die Seeleute zu unterstützen! Sie merken auch unmittelbar, dass sie etwas bewirken und die Seeleute froh machen.

Viele Seemänner kommen von weit her. Reicht Englisch da als Kommunikationssprache, oder haben Sie Übersetzer?

Englisch reicht meistens vollkommen aus und im Notfall haben wir ja noch Hände und Füße!

Englisch ist die offizielle Schifffahrtssprache. Viele Schiffbesatzungen bestehen aus unterschiedlichen Nationalitäten, die sich auf Englisch verständigen müssen. Im Duckdalben arbeiten zwei Kollegen von den Philippinen. Es ist natürlich immer großartig, wenn die philippinischen Seeleute sich in ihrer Heimatsprache und sogar ihrem Dialekt unterhalten können.

Ansonsten freuen sich die Seeleute immer, wenn man wenigstens ein oder zwei Worte ihrer Sprache sagen kann! Das bricht das Eis und öffnet Türen. Wenn Sie beim nächsten Mal zu uns kommen, begrüßen Sie den Seemann von den Philippinen neben ihnen einfach mal mit einem fröhlichen Mabuhay!

Würden Sie sagen, dass Sie sich den Seemännern und der Seefahrt verschrieben haben?

Es ist tatsächlich schwierig, davon wegzukommen! Da ich auch im Privaten mit Seeleuten zu tun habe umso mehr. Meine Schwester ist zur See gefahren, mein Schwager fährt noch, mein Lebensgefährte ist sehr lange gefahren – dadurch und durch die Arbeit habe ich verschiedene Sichtweisen kennengelernt und weiß einfach, wie wichtig unsere Arbeit ist.

Gibt es keine Seefrauen?

Doch, die gibt es, und auch sehr erfolgreich – aber in der Frachtschifffahrt in nur sehr kleiner Anzahl. Auf Kreuzfahrtschiffen hingegen arbeiten in den verschiedensten Bereichen viele Frauen, sei es im Service oder in den Bereichen, die für Gäste nahezu unsichtbar sind. In der Wäscherei, in der Reinigung…

Was war Ihr lohnendster Moment in Ihrer Arbeit als Diakonin?

Es gibt immer wieder besondere Momente, eine große Dankbarkeit der Seeleute, schöne und traurige Erlebnisse, die die Seeleute mit mir oder mit uns teilen. Ganz speziell als Diakonin berührt hat mich eine Schiffscrew, die ich an Bord besucht hatte, nachdem einer ihrer Kollegen tödlich verunglückt war. Fünf von ihnen begleiteten mich in den Duckdalben, wo ich ihnen den Raum der Stille zeigte. Dieser Raum ist besonders, hier finden sich die Altäre von sieben Religionen. Friedlich vereint nebeneinander an einem Ort. Die Seeleute waren begeistert, vier waren Buddhisten und einer war Christ. Sofort gingen sie zu „ihrem“ Altar und konnten dort noch einmal in Ruhe um ihren Kollegen trauern, eine Kerze anzünden, ein Gebet sprechen. Man merkte, wie die Anspannung von ihnen abfiel und sie ruhiger und gelassener wurden.

Würden Sie sich selbst als eine gute Seele beschreiben?

Ich bin nicht mehr eine gute Seele als andere Menschen auch! Ich glaube daran, dass es an uns, an jedem Einzelnen liegt, die Welt und unsere Gesellschaft zu einem besseren Ort zu machen. Es sind bestimmte Werte wie Nächstenliebe, Toleranz und Respekt, aber auch die Kleinigkeiten, die so unglaublich viel ausmachen können: Jemanden zu grüßen, eine Blume zu pflanzen, an der sich andere erfreuen, zu erkennen, wenn jemand in Not ist und Hilfe benötigt. Ganz zu schweigen von den vielen sozialen Projekten und den vielen Ehrenamtlichen, die ihre Zeit und ihr Engagement verschenken.

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