30.01.2017

Interview mit Christoph Quarch Was Pippi Langstrumpf mit Trump zu tun hat

Gestatten: Pippi Langstrumpf, wohnhaft in der Villa Kunterbunt, meistens in Begleitung zweier Tiere und zweier Menschenkinder namens Tom und Anika.

Foto: imago

Gestatten: Pippi Langstrumpf, wohnhaft in der Villa Kunterbunt, meistens in Begleitung zweier Tiere und zweier Menschenkinder namens Tom und Anika.

Pippi Langstrumpf ist nicht nur unser großes Vorbild aus Kindertagen, sondern auch auf dem besten Weg, zum Idol des Jahres 2017 zu werden.

Sie kennen doch die Pippi Langstrumpf, oder? Rote Zöpfe, Sommersprossen, rot-weiß gestreifte Ringelsocken, circa zwölf Jahre alt, wohnhaft in der Villa Kunterbunt; auffällig durch ein gerütteltes Maß an Selbstbewusstsein und Chuzpe; meistens in Begleitung zweier Tiere und zweier Menschenkinder namens Tom und Anika.

Sie kennen sie und fragen sich, wieso Sie sich hier mit ihr befassen sollen? Ganz einfach: Weil Pippi Langstrumpf beste Chance hat, zur Kultfigur des Jahres zu werden. Warum das so ist, erklärt uns der Philosoph und Autor Christoph Quarch in einem ausführlichen Interview...

bildderfrau.de: Können Sie Ihre Pippi-These für uns noch einmal zusammen fassen?

Christoph Quarch: Pippi Langstrumpf steht hoch im Kurs. Vor allem ihre weithin bekannte Selbstvorstellung „Ich mach mir die Welt, widewidewie sie mir gefällt“ wird in Frauenmagazinen und Lebensratgebern als Formel zu einem guten Leben angepriesen. Diese „Pippi-Langstrumpf-Strategie“ ist aber bei näherer Betrachtung ein charmanter Titel für einen Ego-Trip, der nun auch noch so weit geht, die Wirklichkeit um des eigenen Wohlgefühls auszublenden oder umzudeuten.

Das heißt Pippi Langstrumpf wird zur Gallionsfigur dessen, was man heute Postfaktizität nennt und was nun in einer Gestalt wie Donald Trump die krassesten Blüten treibt.

Pippi Langstrumpf stand lange Zeit für Mut, Selbstbewusstsein und Frechheit – gepaart mit viel Phantasie. Nun ist sie aber in erster Linie offenbar einfach nur egoistisch – müssen wir jetzt unsere Kinderbücher umschreiben?

Nein, Pippi Langstrumpf ist ein großartiges Kinderbuch. Aber eben auch nicht mehr. Sie taugt nicht als Vorbild für unser aller wirkliches Leben.

Und warum nicht?

Mehrere Gründe kommen zusammen. Der wichtigste: Pippi Langstrumpf ist ein junges Mädchen, das genau das tut, was junge Mädchen gerne tun und auch tun sollen: spielen. Sie hat die Villa Kunterbunt in ihren Spielplatz verwandelt und in Tom und Annika willfähige Mitspieler gefunden, die sich gern dem von Pippi festgesetzten Spielregel unterwerfen. Als Spielwelt in einem Kinderbuch funktioniert das ausgezeichnet.

Vor allem, wenn die Protagonistin dank eines Goldschatzes über schier unerschöpfliche finanzielle Ressourcen verfügt. Nun ist aber die Welt kein Spielplatz. Man kann und soll wohl immer wieder in ihr Spielfelder, Spielzeiten und Spielplätze schaffen, aber man darf sie nicht mit der Villa Kunterbunt verwechseln, in der man sein eigenes Spiel durchzieht.

Und warum sollten wir uns die Welt nicht bauen, wie sie uns gefällt?

Wie gesagt: Im Spiel, das heißt in einem bestimmten Spielraum, kann man das tun. Man sollte es auch, weil es uns träumen und kreativ sein lässt. Aber irgendwo kommt das Spiel an seine Grenzen. Etwa da, wo es Auswirkungen auf Leute hat, die keine Mitspieler sind und eben nicht wie Tom und Annika alles mitmachen, was einem gefällt. Wo man den anderen sein Spiel aufzwingt, da hört es auf, ein Spiel zu sein und wird übergriffig.

Genau das beobachte ich bei denen, die sich die sogenannte „Pippi-Strategie“ zu eigen gemacht haben.

Sie sagen, wer sich nicht an Pippis Spielregeln hält, hätte nichts zu lachen. Allerdings: Hat sie sich nicht ausschließlich mit den Starken angelegt und die Schwachen beschützt? Wie eine Art weiblicher Robin Hood?

Es geht bei dem, was ich sage, nicht um Moral, sondern um die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Natürlich kann es sein, dass Pippi oder eine ihrer Anhängerinnen von besten moralischen Absichten geleitet sind, wenn sie anderen die Welt aufzwingen, die ihnen selbst gefällt. Das ändert aber nichts daran, dass sie übergriffig werden.

Noch einmal zusammengefasst: Was verstehen Sie unter dem Pippi-Kult?

Eine Pseudophilosophie, die im charmanten Gewand der wunderbaren Pippi Langstrumpf den Menschen einredet, sie könnten darin Erfüllung finden, dass sie sich die Welt nach ihrem Geschmack zurechtlegen und einrichten. Das ist nach meinem Dafürhalten ein großer Irrtum, weil wir in Wahrheit nur da Erfüllung finden, wo wir uns auf ein Gespräch mit der Welt einlassen, uns von ihr und anderen Menschen etwas sagen lassen und darauf angemessene Antworten finden.

Wer sagt: Ich mach mir die Welt oder mein Leben nach meinem eigenen Gusto, bleibt auf der Stelle stehen, entwickelt sich nicht weiter, entfaltet kein Potenzial. Er oder sie verkennt eine Wahrheit, die Martin Buber auf der Punkt brachte, als er sagte: „Der Mensch wird am Du zum Ich“. Und „Leben heißt angeredet werden“.

Sie schlagen in Ihrem Essay den Bogen zu Donald Trump – ist Trump tatsächlich eine typische Pippi Langstrumpf? Was verbindet die beiden?

Nein, er ist keine typische Pippi Langstrumpf, denn ihm fehlt die spielerische Unschuld des jungen Mädchens. Wohl aber ist Trump ein Typ, an dem man die eben durchaus nicht unschuldige „Pippi Langstrumpf-Strategie“ in Reinkultur studieren kann: Er macht sich die Welt tatsächlich so, wie sie ihm gefällt – und das auf zweierlei Weise. Er schafft sich alternative Fakten, wenn die Realität – etwa die geringen Teilnehmerzahlen bei seiner Inauguration – ihm nicht schmeckt.

Und er greift in die Welt gewaltsam ein, um sie seinen Vorstellungen anzupassen – etwa, wenn er eine Mauer an der Grenze nach Mexiko baut. Wobei er – ganz wie Pippi – anscheinend über unerschöpfliche finanzielle Ressourcen verfügt.

Aber warum ist uns Pippi sympathisch und der US-Präsident nicht?

Weil Pippi ein Spiel ist und als Spiel in einer geschlossenen literarischen Spielwelt funktioniert, Trump aber mit seinem Tun das Leben von Millionen Menschen beeinflusst, die mit ihm gar nichts zu tun haben.

Mit dem Wort des Jahres „postfaktisch“ wird die Ära Trump umschrieben. Ein Mann, der die Wahrheit nicht akzeptiert – nicht akzeptieren muss – wenn das Gefühl etwas ganz anderes suggeriert… Provokativ gefragt: Darf man sich nicht von Gefühlen leiten lassen?

Nein, das sollte man nicht tun. Und das ist nun wahrlich keine neue Einsicht, sondern ältestes Menschheitswissen. Damit ist nicht gesagt, dass Gefühle nicht kostbare Winke geben können, vor allem dann, wenn sie ausgebildet und geschult worden sind. Was heute an Postfaktizität angepriesen wird, scheint mir Schönfärberei für die fehlende Bereitschaft zu sein, sich dem Anspruch der Wirklichkeit zu stellen, sich geistig mit ihr auseinanderzusetzen und verantwortlich mit ihr umzugehen.

Wenn man Ihre These zusammenfasst: Sie befürworten eine Welt, in der bestimmte Regeln das Zusammenleben steuern – ist das richtig?

Ich bevorzuge eine menschliche Welt, in der die Menschen wirklich Mensch sein können. Das heißt: in der sie realisieren, dass Menschsein sich nicht darin erfüllt, das eigene Ego zu behaupten und die Welt nach seinem eigenen Bilde zu schaffen; sondern nur da, wo wir uns mit anderen verbunden wissen – wo wir im Gespräch sind, einander inspirieren, einander lieben.

Unsere Vorfahren haben über Jahrhunderte Umgangsformen und Werte formuliert, die zu befolgen uns bei der Entfaltung unseres Menschseins unterstützt. Die sollten wir nicht im Juchhei des „widewidewie sie mir gefällt“ über Bord werfen.

Doch wer legt diese Regeln fest? Jemand wie Trump, der sich kurzerhand ein eigenes Regelwerk ausdenkt…?

Nicht Trump und auch nicht Pippi. Wirklich verbindliche, d.h. verbindende Regeln, gibt nur das Leben selbst. Denn ob Sie es glauben oder nicht: Das Leben selbst hat ein Regelwerk, das überall in der Natur, ja sogar in der Physik gilt. Die wichtigste Regel haben die alten Griechen auf die Formel gebracht, als sie sagten: Alles was lebt, strebt nach Gleichgewicht und Harmonie, nach Einklang.

Nur wer mit sich und – darauf liegt die Betonung – der Welt im Einklang ist, kann gut leben. Das ist die wichtigste Regel: Lebe so, dass du die Balance mit der Mitwelt hältst. Denn ohne deine Mitwelt, kannst du nicht der oder die sein, der oder die du bist.

Doch was ist die Alternative zu Pippi oder Trump? Gibt es überhaupt eine?

Die Alternative heißt: Kultur. Was unsere modernen, komplexen Gemeinwesen am dringendsten brauchen, ist eine Kultur, in der die Menschen darüber ins Gespräch kommen, wie sie leben wollen und leben können; in der sie nicht länger nur noch „Verbraucher“ oder „Nutzer“ sind, sondern Wesen, die etwas zu sagen, weil sie auf das hören, was andere ihnen zu sagen haben.

Das setzt freilich voraus, dass wir nicht länger auf dem Ego-Trip sind und das Mantra ändern. Nicht länger: Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt; sondern: Wir machen uns eine Welt, in der Du und ich und alle Wesen auf eine gute Weise leben können.

Dr. phil. Christoph Quarch ist Philosoph, Autor und Berater. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen, u.a. mit „ZEIT-Reisen“. www.christophquarch.de

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