03.02.2017

Spenden gegen Kinderarmut Deutschland rundet auf: Online-Shopping gegen Kinderarmut

In Armut lebenden Kindern fehlt es an Dingen, die für andere Kinder selbstverständlich sind.

Foto: iStock / FatCamera

In Armut lebenden Kindern fehlt es an Dingen, die für andere Kinder selbstverständlich sind.

Rund drei Millionen Kinder in Deutschland sind von Armut betroffen - Tendenz steigend. Die betroffenen Kinder sind sozial benachteiligt und haben es oft sehr schwer, aus der Armutsspirale auszubrechen.

Um jedem Kind eine Chance zu geben, arbeitet die Stiftung "Deutschland rundet auf" an transparenten Spendenmodellen. Mit den Erlösen werden ausgewählte Förderprojekte finanziert, die präventiv ansetzen sollen. bildderfrau.de sprach mit der Geschäftsführerin der Stiftung.

bildderfrau.de: Würden Sie sich unseren Leserinnen kurz vorstellen und erklären, was Sie beruflich machen?

Nina Jäcker: Ich bin die Geschäftsführerin der DEUTSCHLAND RUNDET AUF Stiftung, die sich für sozial benachteiligte Kinder in Deutschland einsetzt. "Deutschland rundet auf" sammelt in Deutschland seit fast fünf Jahren „Kleinst-Spenden“ gegen Kinderarmut ein. Dies fand bisher vorwiegend an Kassen im Einzelhandel statt, indem Kunden an der Kasse „Aufrunden bitte“ sagen und der Betrag des Kassenbons dann auf den nächsten 10 Cent-Betrag aufgerundet wird. Mittlerweile kann bei einigen Einzelhändlern auch online aufgerundet werden unter www.bonusspende.de, um die Spendenbasis zu erweitern.

Als weitere Spendenmechanik hat „Deutschland rundet auf" die Gehaltsspende entwickelt. Mitarbeiter können ihr Gehalt aufrunden und so auf einfache Art und Weise mit kleinen Beträgen Gutes tun. Auf diese Weise sind bereits über 6 Millionen Euro gesammelt worden, die – ohne dass 1 Cent in der Verwaltung verloren geht – zu 100% in nachhaltige Projekte gegen Kinderarmut und für Chancengleichheit in Deutschland geflossen sind.

Laut aktuellen Studien leiden immer mehr Kinder in Deutschland unter Armut. Knapp zwei Millionen Kinder leben dauerhaft unterhalb der Armutsgrenze. Was bedeutet das konkret?

In Deutschland sind 19,6 Prozent aller unter 18-Jährigen von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Von Einkommensarmut betroffen sind über 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen. Sie leben in einem Haushalt, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Stichprobe zur Verfügung hat. Dementsprechend leben rund drei Millionen Kinder und Jugendliche in Armut, von denen 1,8 Millionen Grundsicherungsleistungen beziehen.

Welche Folgen hat das speziell für die betroffenen Kinder? Inwieweit betrifft Armut ihre gesundheitliche und soziale Entwicklung?

Nicht nur die materielle Grundversorgung ist gefährdet. Auch die Bildungschancen, der Umgang in der Familie, das Konfliktverhalten, die soziale Integration und die Möglichkeit zu einem gesunden Leben sind stark beeinträchtigt. In Armut lebenden Kindern fehlt es an Dingen, die für andere Kinder selbstverständlich sind: von Kleidung über gesunde Ernährung bis hin zu Medienzugang und Schulausstattung. Auch die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben ist häufig stark eingeschränkt. Gesundheitliche Benachteiligungen und ein schlechterer Bildungszugang prägen ihre Situation.

Woran liegt es, dass Kinderarmut in Deutschland weiter wächst?

Unter anderem hat die Zuwanderung der seit Herbst 2015 nach Deutschland geflüchteten Kinder das ohnehin drängende Problem zusätzlich verschärft. Für unsere Spendenbewegung ist das ein wichtiger Grund, gezielt auch Projekte zu fördern, die bei geflüchteten Kindern und Jugendlichen ansetzen.

Welche Faktoren können Kinderarmut begünstigen?

Häufige Gründe sind Trennung, Langzeitarbeitslosigkeit oder Krankheit der Eltern. Besonders betroffen sind Alleinerziehende und ihre Kinder. Das Armutsrisiko für Kinder ist besonders hoch, wenn sie in Familien leben, auf die eines oder mehrere dieser Merkmale zutreffen. Treten die folgenden Merkmale gehäuft auf, potenzieren sich die Auswirkungen:

Welche Faktoren können Kinderarmut begünstigen?

Häufige Gründe sind Trennung, Langzeitarbeitslosigkeit, Krankheit oder Suchterkrankung der Eltern. Besonders betroffen sind kinderreiche Familien sowie Alleinerziehende und ihre Kinder. Weitere Risikofaktoren für Kinderarmut sind, wenn Mutter und Vater in jungen Jahren Eltern wurden, die Eltern einen niedrigen Schulabschluss oder ein geringes Einkommen haben; wenn die Familie in einem Brennpunktviertel lebt oder wenn sie einen Migrationshintergrund hat.

Das Armutsrisiko für Kinder ist besonders hoch, wenn sie in Familien leben, auf die mehrere dieser Merkmale zutreffen. Je länger Kinder von Armut betroffen sind, desto geringer werden ihre Chancen, jemals ihre Situation entscheidend zu verbessern und am Wohlstand unserer an sich reichen Gesellschaft teilzuhaben.

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Welche Regionen in Deutschland sind besonders betroffen?

Die Bertelsmann-Stiftung hat die Veränderung der Kinderarmut zwischen 2011 und 2015 verglichen. Das erschütternde Ergebnis - in der Tendenz nimmt die Kinderarmut bundesweit zu. Fast zwei Millionen Kinder leben in Familien, die staatliche Grundsicherung beziehen. In Ostdeutschland ist die Kinderarmut zwar leicht gesunken, aber auf einem besorgniserregenden Niveau von über 20 Prozent. Im Westen ist sie leicht gestiegen und liegt bei über 13 Prozent. Den höchsten Anstieg gab es in Bremen um 2.8 Prozentpunkte. Danach folgen Saarland und NRW. Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben die niedrigsten Quoten. Auch dort ist die Kinderarmut leicht gestiegen.

Besonders hoch ist die Kinderarmut in Großstädten wie Berlin, Essen, Offenbach oder Bremerhaven.

(Anmerkung d. Redaktion: die Zahlen stammen aus der Bertelsmann-Studie vom 12.9.2016)

In Deutschland entscheidet die soziale Herkunft noch immer über den Bildungsaufstieg, mehr als in anderen europäischen Ländern. Für Kinder, die in armen Familien aufwachsen, bedeutet das oft einen Teufelskreis. Woran liegt das?

In der Tat hängen Bildung und Teilhabe nach wie vor unglaublich stark von der sozialen Herkunft ab. Nur wenige arme Kinder werden von präventiven Angeboten, wie zum Beispiel Früherkennungsuntersuchungen, einem frühen Kita-Beginn, Sport im Verein oder musischer Bildung erreicht. Darüber hinaus wachsen arme Kinder häufig in einer Umgebung mit hoher Armutskonzentration auf. Oft gehen sie in sozial benachteiligte Kitas und wohnen in sozial benachteiligten Quartieren. Dies verstärkt den negativen Einfluss individueller Armut auf die Entwicklung von Kindern zusätzlich.

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Armutsbekämpfung ist Aufgabe des Staates. Welche Instrumente müsste die Politik Ihrer Meinung nach anwenden, um Auswege aus dieser Spirale zu bieten?

Bislang berücksichtigt das staatliche Unterstützungssystem zu wenig, welchen Bedarf Kinder tatsächlich haben. Die Existenzsicherung muss sich daran orientieren, was Kinder für gutes Aufwachsen und Teilhabe brauchen. Dazu zählen nicht nur die Ganztagsbetreuung und der Ausbau der Betreuung von unter Dreijährigen.

Kinder und Jugendliche brauchen einen kostenfreien oder kostengünstigen Zugang zu Schwimmbädern, Musik- und Sportvereinen. Auch das Geld für das Mittagessen in der Schule sollte direkt über eine Pauschale und nicht über die Familie abgerechnet werden.

Wichtig ist eine vom Kind her gedachte vernetzte Präventionsstrategie, die das Kind und seine dauerhafte Umgebung ganzheitlich in den Blick nimmt Beispielsweise müssen die sozialen „Brennpunkt-Kitas" besser ausgestattet werden, da Untersuchungen zeigen, dass sich das positiv auf die Entwicklung von Kindern auswirkt.

Mit Auswertungen der Schuleingangsuntersuchung lassen sich Kitas und Schulen identifizieren, in denen Kinder mit Förderbedarf überproportional vertreten sind und die deshalb besonderer Förderung bedürfen.

Seit 2012 gibt es die gemeinnützige Organisation „Deutschland rundet auf“. Wie ist „Deutschland rundet auf“ aufgestellt und woran arbeiten Sie genau?

DEUTSCHLAND RUNDET AUF hat sich zum Ziel gesetzt, Kinderarmut in Deutschland abzuschaffen und jedem Kind in Deutschland eine Chance zu geben. Wir entwickeln zu dem Zweck innovative Mikro-Spendenmodelle, die es jedem ermöglichen, mit einem kleinen Beitrag Gutes zu tun. Die Spenden gehen zu 100% in ausgewählte Förderprojekte, die mit ihrem Förderansatz die Armutsspirale zu durchbrechen versuchen. Der Mechanismus unserer Förderprojekte ist immer Hilfe zur Selbsthilfe.

Ab sofort kann man mit dem neuen Spendenmodell BONUS auf www.bonusspende.de auch beim Online-Shoppen Spenden bewirken. Was ist das Besondere an BONUS und wie funktioniert das Ganze?

Das Besondere unseres neuen Spendenmodells ist vor allem die für den Nutzer kostenlose Spende. Diese wird nämlich von unseren Partnershops bezahlt. Das funktioniert kinderleicht: Man geht auf bonusspende.de, klickt auf einen unserer über 500 Partner, kauft dort im Online-Shop wie gewohnt ein und bewirkt nebenher eine Spende für die Kinder in Deutschland.

Noch einfacher geht es, wenn man unseren Browser-Addon, den BONUS-Melder, installiert: Der ploppt auf, wenn man sich auf einem Partnershop befindet und erinnert so an die BONUS-Spende. Dann muss man nur noch auf "BONUS aktivieren!“ klicken, wird kurz auf bonusspende.de geleitet und daraufhin kann weiter geshoppt werden.

Im Hintergrund ist der Prozess ein wenig komplizierter. Indem man über bonusspende.de auf einen Shop-Link klickt, wird im eigenen Browser kurzzeitig ein sogenanntes Cookie hinterlegt. Dieses Cookie erkennt dann der Online-Shop und weiß somit, dass der Käufer über BONUS zu ihm gelangt ist.

Dafür, dass wir den Nutzer „geworben“ haben, zahlt der Shop dann eine Marketingprovision, bei uns in Höhe von durchschnittlich 6% des Netto-Warenkorbwertes (ohne MwSt und Versand). Das nennt sich Affiliate Marketing und wird z.B. von Preisvergleichsseiten zum Geld verdienen genutzt. Bei uns werden diese Provisionen in Spenden umgewandelt, die wir zu 100% an unsere Förderprojekte weiterleiten.

Welche Förderprojekte profitieren von den gesammelten Spenden?

DEUTSCHLAND RUNDET AUF fördert gemeinnützige Projekte, die Chancen von Armut betroffener Kinder in Deutschland besonders wirksam und nachhaltig verbessern und die das Potential haben, sich in ganz Deutschland zu verbreiten. Die Projekte werden dazu in einem dreistufigen Prozess ausgewählt und vom unabhängigen Analysehaus PHINEO auf ihre Wirksamkeit geprüft.

Die Projekte wirken nachhaltig, indem sie den von Armut betroffenen Kindern und ihren Familien Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen. Die Förderung durch DEUTSCHLAND RUNDET AUF ist stets zweckgebunden und richtet sich nach vorab definierten Zwischenzielen. Insgesamt wurden schon 22 Projekte mit einer Summe zwischen 200.000-300.000€ unterstützt. Sie wirken in vielzähligen Bereichen, von frühen Hilfen bis hin zu Elternbildung, Gewaltprävention oder Integration.

Das Projekt „Teach First Deutschland“ beispielsweise entsendet qualifizierte HochschulabsolventInnen an Schulen in sozialen Brennpunkten. Die sogenannten Fellows setzen sich dafür ein, die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von Kindern von der sozialen Herkunft zu überwinden. Gleichzeitig profitieren sie selbst von ihrer Zeit an den Schulen.

„buntkicktgut“ setzt auf Integration durch Sport. In interkulturellen Straßenfußball-Ligen spielen z.T. geflüchtete Kinder und Jugendliche ganz unterschiedlicher Herkunft zusammen, organisieren sich selbst, erlernen Verantwortung zu übernehmen und Gemeinschaft zu leben.

Das Programm der „Babylotsen“ setzt wiederum bei den Kleinsten in unserer Gesellschaft an: Sie schützen Kinder vor Vernachlässigung, indem sie hochbelastete Eltern bereits vor der Geburt ihres Kindes mit Rat und Angeboten unterstützen.

Werden die Spenden zu 100 Prozent an die Förderprojekte weitergeleitet und kann das jeder nachverfolgen?

Ja, die Spenden werden zu 100 Prozent ohne Abzüge von Verwaltungsaufwänden an die Förderprojekte weitergeleitet. Das unterscheidet unsere Organisation auch maßgeblich von den meisten anderen Spendenorganisationen. Eine unserer Grundprämissen ist Transparenz und so ist jederzeit für Jeden über unsere Homepage www.deutschland-rundet-auf.de einsehbar, wie viel gespendet wurde und in welche Förderprojekte die Förderung fließt. Wir begleiten die Förderprojekte sehr eng und kommunizieren regelmäßig über die erfolgten Maßnahmen und Umsetzungen.

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