22.12.2016

Menschen in Not "Frauen im Schatten": Heilsarmee hilft so obdachlosen Frauen

Eine warme Suppe hilft ein wenig, kalte Wintertage zu überstehen.

Foto: iStock / JBK_Productions

Eine warme Suppe hilft ein wenig, kalte Wintertage zu überstehen.

Nur die Wenigsten wissen, wieviele Frauen auf Deutschlands Straßen leben. Luise Schröder arbeitet seit Jahrzehnten für die Heilsarmee und setzt sich für sie ein. Wir haben sie interviewt.

Liebe Frau Schröder, Sie sind Bereichsleiterin bei der Heilsarmee. Die evangelische Freikirche wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in England gegründet und breitete sich dann in der ganzen Welt aus. Sie engagiert sich vor allem im sozialen Bereich und hilft Bedürftigen. Was hat Sie daran gereizt, in der Heilsarmee zu arbeiten?

Luise Schröder: Zum einen gefällt es mir, dass die Heilsarmee nicht nur von Nächstenliebe redet, sondern auch praktisch handelt und dabei den ganzen Menschen in den Fokus nimmt, nämlich Geist, Seele und Leib. Zum anderen finde ich es gut, dass ich in der Heilsarmee die gleichen Rechte und Pflichten habe, wie die männlichen Kollegen.Zum dritten ist es für mich einfach schön, Glauben und Beruf miteinander zu vereinen und damit etwas von der Liebe Gottes, die ich bekomme, weitergeben zu können.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Ihnen aus?

Ein typischer Arbeitstag sieht so aus, dass ich zunächst meine Mails prüfe und beantworte. Das bedeutet, Fragen beantworten, Personalangelegenheiten bedenken, monatliche betriebswirtschaftliche Auswertungen der einzelnen Einrichtungen prüfen und gegebenenfalls nachfragen, Telefonkontakt mit den Einrichtungsleitern halten. In der Heilsarmee gilt das 4-Augen-Prinzip bei Bankgeschäften. Ich muss bei einer kleineren Einrichtung, wo dieses Vier-Augen-Prinzip nicht gegeben ist, Überweisungen online freigeben. Es sind ganz viele administrative Dinge, die anfallen und erledigt werden müssen.

Die Heilsarmee kümmert sich auch um bedürftige Obdachlose. In Deutschland leben mehr als 335.000 Menschen auf der Straße. Obwohl in den letzten Jahren immer mehr Menschen in Deutschland obdachlos werden, denken manche Menschen, dass in Deutschland niemand auf der Straße leben müsse. Sehen Sie das auch so?

Nein, das sehe ich nicht so, wenn mir die Menschenwürde wichtig ist. Die ordnungsrechtliche Unterbringung ist in manchen Städten katastrophal, so dass ich gut verstehen kann, wenn Menschen es vorziehen, auf der Straße zu leben.Natürlich gibt es auch die andere Seite, nämlich Menschen, die sich auf keinen Fall in ein bestimmtes System einfügen wollen, die jegliche Art von „Hausordnung“ ablehnen und daher lieber auf der Straße bleiben.

Aber grundsätzlich finde ich schon, dass es wesentlich mehr und vor allem bezahlbaren Wohnraum geben müsste. Die Hürden, um wieder ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben, liegen für Menschen, die wegen ihrer Probleme auf der Straße gelandet sind, unermesslich hoch.

Man muss übrigens auch unterscheiden, die Zahl 335.000 umfasst Wohn- und Obdachlose. Wohnungslose Menschen haben keinen eigenen Wohnsitz und sind irgendwo untergekommen. Das reicht von einer ordnungsrechtlichen Unterbringung bis zum Sofa von Bekannten.

Obdachlosigkeit kann jeden treffen. Gibt es bestimmte Muster, die Sie erkennen?

Ein Muster ist der Verlust des Arbeitsplatzes und in der Folge dann das Scheitern von Beziehungen und der Verlust der Wohnung.

Ein weiterer Grund für Obdachlosigkeit ist wahrscheinlich auch die Vereinsamung der Menschen. Es gibt immer mehr Single-Haushalte und immer weniger soziale Bindungen, die tragen, die auch mal durch eine persönliche Durststrecke hindurchhelfen.

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Wie hilft die Heilsarmee diesen in Not geratenen Menschen?

Indem sie erstmal hilft, die äußeren Bedingungen zu lindern. So kümmert sie sich zunächst um die Grundbedürfnisse wie Hygiene, Kleidung und Nahrung und nimmt dann die weiteren persönlichen Probleme in Angriff.

Nur die Wenigsten wissen vielleicht, dass mehr als ein Viertel der Betroffenen Frauen sind. Woran liegt es, dass diese „Frauen im Schatten“ im Straßenbild weniger auffallen?

Ich denke, die Schamgrenze ist bei Frauen wesentlich höher, sie sind ideenreicher, ihre Not zu verstecken. Sie legen teilweise mehr Wert auf ihr Äußeres, so dass sie schon mal rein optisch nicht so schnell auffallen.

Frauen haben darüber hinaus teilweise mehr Möglichkeiten „unterzukommen“, indem sie negativ abhängige Beziehungen eingehen, die sie eigentlich gar nicht wollen. Sie leben leider nur allzu oft in prekären Wohnsituationen, die sowohl die Seele und oft auch den Körper schädigen.

Steigende Wohnungsnot in Städten, immer mehr alleinerziehende Mütter, die schlecht bezahlt werden. Würden Sie sagen, dass sich die Situation, speziell für Frauen, in den letzten Jahrzehnten verschlechtert hat?

Einfacher oder leichter ist es bestimmt nicht geworden. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer mehr auseinander, davon sind ganz besonders alleinerziehende Frauen (und Männer) betroffen.

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Das Leben auf der Straße ist sicherlich für jeden unvorstellbar schwierig und hart. Gibt es besondere Probleme, unter denen vor allem obdachlose Frauen leiden, und wenn ja, welche?

Ich kann mir gut vorstellen, dass obdachlose Frauen oft als „Freiwild“ betrachtet werden und damit ganz besonders sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind. Darüber hinaus sind die hygienischen Bedingungen für Frauen auf der Straße ganz besonders schwierig, z.B. mit Toiletten etc. Sie sind eine Minderheit in einem von Männern dominierten Milieu.

Wie hilft die Heilsarmee diesen Frauen?

Ein wesentlicher Bestandteil der Hilfe muss sein, das Selbstwertgefühl zu stärken. Auch wenn ich obdachlos bin, habe ich ein Recht auf eine menschenwürdige Behandlung. Frauen haben darüber hinaus auch oft mehr Bedürfnisse für Gespräche, da können wir gut ansetzen und Hilfestellung geben. Wir helfen und begegnen jedem Menschen ohne Ansehen der Person. Liebe und Wertschätzung sind Türöffner zu den Herzen der Menschen.

Natürlich versuchen wir auch mit Wohnraum zu helfen. In verschiedenen Städten bieten wir Unterkünfte für wohnungslose Frauen an. Mit unseren Sozial-Cafés und Begegnungsstätten haben wir zudem ein niederschwelliges Angebot, das Frauen (wie auch Männer) nutzen können, dort gibt es unter anderem eine Sozialberatung. Wenn wir keinen Wohnraum anbieten können, so bemühen wir uns zumindest um Beratung und haben ein offenes Ohr für die Nöte.

Weiterhin sind unsere Gemeinden zu nennen. Wir verstehen Glauben als ein Hand in Hand von Wort und Tat, das heißt, dass alle unsere Gemeinden praktische Hilfe anbieten. Das können eine warme Mahlzeit sein, die Ausgabe von Kleidung in einer Kleiderkammer oder auch Notübernachtungen in den Gemeinderäumen zur kalten Jahreszeit. Dabei steht stets die Einladung, uns auch im Gottesdienst zu besuchen.

Welche Besonderheiten erleben Sie im Umgang mit Frauen?

Auch wenn das jetzt klischeehaft wirkt: Frauen sind nun mal emotionaler und dem gilt es zu begegnen. Ich möchte nicht beurteilen, was leichter ist - die Emotionen der Frauen auszuhalten oder den Männern alles aus der Nase kitzeln zu müssen. Emotionen zu leben, bedeutet nicht nur zu weinen, sondern auch zu lachen. Ich denke, das ist bei Frauen ausgeprägter.

Besonders herausfordernd ist auch, dass Frauen deutlich später auf der Straße landen. Sie hangeln sich oft jahrelang als Wohnungslose durch prekäre Wohn- und Lebenssituationen, so dass der Schaden, den die Psyche in all den Jahren erleidet, oft erheblich ist. Der Wunsch, sein Leben auf die Reihe zu bekommen und vor allem den Schein so lange wie möglich zu wahren, ist bei Frauen stärker ausgeprägt, was sich für sie oft zum Nachteil auswirkt.

Wie kann man sich an Sie wenden, als betroffene Person – aber auch als jemand, der helfen möchte?

Im Internetzeitalter empfehle ich, auf www.heilsarmee.de nachzuschauen, wenn Sie sich da „durchklicken“, finden Sie den nächsten Standort zu Ihrem Heimatort. Kommen Sie dann einfach vorbei. In den öffentlichen Telefonbüchern stehen wir meistens unter: Die Heilsarmee.

Wer mithelfen möchte, Not zu lindern, kann sich gerne unter ehrenamt@heilsarmee.de melden. Je nach Standort haben wir Bedarf an Hilfe, die uns in bestimmten Aufgabenfeldern unterstützen kann. Außerdem sind wir in unserer sozialen und karitativen Arbeit auf Spenden angewiesen. Diese helfen uns, die Arbeit am Leben zu erhalten. Wer auf diese Weise helfen möchte, findet auch auf der Webseite die Möglichkeit dazu.

Welche Reaktionen bekommen Sie von Menschen, denen Sie geholfen haben? Was begeistert Sie an Ihrem Beruf?

Sehr oft wird uns Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht, entweder in Worten oder auch ganz einfach in der Reaktion auf eine freundliche Geste. Das ist dann immer sehr ergreifend.

Auch wenn meine Tätigkeit heute mehr am Schreibtisch ist, ist mir bewusst, dass ich dazu beitrage, die Strukturen und Lebensbedingungen von Menschen zu verbessern. Das gibt mir Auftrieb, und es ist einfach ein großes Glücksgefühl mitzubekommen, wenn sich Leben, wenn auch meist langsam, wieder zum Besseren wenden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Was kann die Politik tun, um die Betreuung von Obdachlosen zu verbessern oder um zu verhindern, dass immer mehr Menschen überhaupt erst obdachlos werden?

Von der Politik wünsche ich mir, dass wir zum einen mehr finanzielle Hilfe bekommen und nicht ständig unter Zeitdruck arbeiten müssen. Wenn wir in unseren Einrichtungen von Pflegesätzen abhängig sind, dann sind die Bewilligungen immer zeitlich begrenzt und der Kostenträger will „Erfolge“ sehen. Doch so schnell geht das nicht.

Wer jahrelang Platte gemacht hat – also auf der Straße lebte –, braucht in der Regel Zeit, um sich wieder in einem geregelten Leben zurechtzufinden und dieses auch als sinnvoll für sich zu sehen. Ich muss dabei immer an eine Frau denken, mit der wir erst üben mussten, in einem Bett zu schlafen. Erst nächtigte sie auf dem Boden, dann kam die Matratze mit auf den Boden, bis sie sich wieder an ein Bett gewöhnt hatte.

Heilung braucht Zeit, Aufmerksamkeit, Geduld und Liebe. Etwas, das wir unseren Mitmenschen schuldig sind. Daher wünsche ich mir von der Gesellschaft mehr Toleranz und Verständnis für Menschen am Rande der Gesellschaft. Die wenigsten von ihnen haben sich dieses Leben bewusst ausgesucht und gewählt. Meist sind sie an irgendeinem Punkt im Leben stecken geblieben, und da war dann niemand, der sie aufgefangen oder ihnen geholfen hätte.

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