Aktualisiert: 11.11.2016 - 08:20

INTERVIEW Eine Graphic Novel erzählt von Gewalt gegen Frauen

Von Beatrix Altmann

Isabel Kreitz (49) und Stefan Dinter (51) haben gemeinsam die Graphic Novel „Hinter Türen" veröffentlicht.

Foto: BAFzA

Isabel Kreitz (49) und Stefan Dinter (51) haben gemeinsam die Graphic Novel „Hinter Türen" veröffentlicht.

Gewalt gegen Frauen findet oft hinter verschlossenen Türen statt. Ein Tabuthema, das die Künstler Kreitz und Dinter jetzt in einem Comic verarbeitet haben.

Die preisgekrönte Comiczeichnerin Isabel Kreitz (49) und der mehrfach prämierte Illustrator Stefan Dinter (51) haben gemeinsam die Graphic Novel mit dem Titel „Hinter Türen" veröffentlicht, von der seit dem 11.10. bis heute bereits drei Kapitel veröffentlicht wurden. Dabei haben Sie eng mit dem Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" zusammengearbeitet. Dass sich hinter diesem Comicroman ein sehr ernstes Thema verbirgt, verraten die beiden Künstler im Interview mit bildderfrau.de.

bildderfrau.de: Würden Sie sich kurz unseren Leserinnen vorstellen?

Isabel Kreitz: Mein Name ist Isabel Kreitz. Ich beschäftige mich hauptamtlich und seit 25 Jahren mit dem Schreiben und Zeichnen von Comics.

Stefan Dinter: Ich bin Stefan Dinter. Ich zeichne Comics seit meiner Schulzeit, mache Comicworkshops und betreibe zusammen mit zwei Kollegen einen Independent-Comicverlag.

Sie haben gemeinsam eine Graphic Novel veröffentlicht – nicht jeder kennt das Genre. Könnten Sie uns kurz beschreiben, was dahinter steckt?

Dinter: „Graphic Novel" meint heutzutage einen ernsthaften Comic im Langformat. Auf die Art und Weise, wie "Hinter Türen" online präsentiert wird, konnte man noch keinen Comic lesen. Diese Präsentation und der Inhalt haben dann zu der Einordnung geführt.

Kreitz: Ursprünglich wurde der Begriff „Graphic Novel" etabliert, weil das Wort „Comic" in Deutschland Assoziationen im Bereich Humor weckt. Durch diese Neu-Etikettierung wurden epische und literarische Geschichten mit einbezogen – und so für den Buchhandel verkäuflich.

In dem Comicroman „Hinter Türen" geht es um ein sehr ernstes Thema – die Gewalt gegen Frauen, exemplarisch am Beispiel zweier Frauen. Erzählen Sie uns mehr darüber.

Kreitz: Die Geschichte handelt von zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Frauen: Der jungen Nachwuchsjournalistin Anna Wegener und der 64 Jahre alten Inge Berger. Gleich an ihrem ersten Arbeitstag bei einer Lokalzeitung findet Anna Wegener einen Brief, in dem Frau Berger von Gewalterfahrungen in ihrer Ehe berichtet. Sie will helfen, muss aber erfahren, dass Inge Berger inzwischen verstorben ist.

Da stellen sich viele offene Fragen und Anna Wegener stürzt sich in die Recherche. Doch dabei machen ihr ein chauvinistischer Chef und das Umfeld von Frau Berger, das nichts bemerkt haben will, das Leben schwer. Nach und nach wird klar, wie viel sie mit Frau Berger eigentlich selbst verbindet.

Dinter: Mithilfe der beiden Protagonistinnen gelingt es uns, die Komplexität dieses ernsten Themas abbilden zu können und ganz unterschiedliche Formen von Gewalt gegen Frauen zu thematisieren. Die junge Anna Wegener hat im Laufe der Geschichte außerdem die Möglichkeit, ihre Entwicklung zu beeinflussen und sich über ihre Situation Gedanken zu machen. Und das wollen wir auch bei den Leserinnen und Lesern bewirken – sie sollen sich Gedanken zum Thema machen und ihre eigenen Schlüsse ziehen.

Wie ist man mit dem Thema an Sie heran getreten?

Kreitz: Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen" hat uns über unsere Agentin kontaktiert. Uns hat die Idee, das Thema Gewalt gegen Frauen in Form einer Graphic Novel in die Öffentlichkeit zu tragen, sofort gefallen. Zuerst hatten wir gehörigen Respekt vor der Umsetzung, weil wir selbst noch keine Berührungspunkte mit dem Thema hatten. Wir haben uns anschließend intensiv mit den Verantwortlichen des Hilfetelefons über das Projekt ausgetauscht. Auf dieser Grundlage konnten wir die eigentliche Idee zur Geschichte recht schnell entwickeln.

Frau Kreitz, Sie arbeiten als Comiczeichnerin und haben bereits viele Preise erhalten. Was hat Sie bewogen, sich mit dem Thema „Gewalt gegen Frauen“ künstlerisch auseinanderzusetzen?

Kreitz: Ohne Frage ist es ein sehr gewichtiges Thema und ich hatte anfangs meine Berührungsängste, denn wie soll man ein solch komplexes Problem abbilden? Glücklicherweise bekam ich durch einen Kollegen, der mir eine kleine Geschichte aus seiner Studentenzeit erzählte, eine Art loses Ende in die Hand, aus dem sich eine gute Geschichte entwickeln ließ, die den Ansprüchen von Stefan und mir gerecht wurde.

Wie war die Arbeit mit Stefan Dinter? War es Ihre erste Zusammenarbeit?

Kreitz: Wir haben bereits mehrfach und mit viel Erfolg in verschiedenen Bereichen zusammengearbeitet und es hat mir immer großen Spaß gemacht. Da in diesem Fall die veranschlagte Produktionszeit eher knapp bemessen war, konnten wir uns also gut aufeinander verlassen!

Herr Dinter, Sie arbeiten als Comiczeichner und Illustrator, sind unter anderem Gewinner des ICOM-Independent-Comic-Preises. Haben Sie mit Frau Kreitz gemeinsam die Geschichte erarbeitet?

Dinter: Ja. Isabel hatte mir die Mitarbeit angeboten, worüber ich mich sehr gefreut habe. Ich arbeite sehr gerne mit ihr an Projekten, wir haben das ja schon einige Male getan. Wir haben uns dann in ihrem Studio getroffen und die Story zusammen erarbeitet. Da wirft man dann Ideen hin und her, erarbeitet einen Plot, eine Struktur für die Geschichte. Entwirft die Charaktere.

Wenn das steht, gibt es noch eine Menge Telefonate über Details, und dann wird die Story in die Langform umgesetzt. Das war dann hauptsächlich Isabels Aufgabe. Ich bekomme ihre Bleistiftzeichnungen und beginne dann mit den Reinzeichnungen in Tusche.

Könnten Sie uns kurz in die Entstehung der Graphic Novel „Hinter Türen“ einweihen? Wie kann man sich generell einen solchen Prozess vorstellen? Wer hat welchen Part zu erfüllen?

Kreitz: Zunächst gab es einige Gespräche mit den Mitarbeiterinnen des Hilfetelefons, in denen der Rahmen für die Geschichte gesteckt wurde. Und wir haben uns natürlich in das Thema eingelesen. Stefan und ich haben dann gemeinsam die Geschichte entwickelt. Anschließend habe ich das Storyboard gezeichnet und die Dialoge geschrieben. Nachdem alles abgestimmt war, habe ich mich an die Vorzeichnungen gesetzt.

Dinter: Und ich war schließlich für die Tuschezeichnungen, das Lettering – also das Setzen der Texte – und die Kolorierung verantwortlich.

Als Künstler ist man auch mal unterschiedlicher Meinung – wie war das bei Ihnen?

Dinter: Unterschiedliche Meinungen führen meist zu besseren Geschichten, wenn man gut miteinander arbeitet, finde ich. Isabel und ich haben über die letzten Jahre an einigen Projekten zusammengearbeitet, da kennt man sich mittlerweile sehr gut. So eine Zusammenarbeit ist auch immer ein Prozess des Loslassens eigener Ideen. Manchmal muss man akzeptieren, dass einer von beiden eine andere Ansicht hat – wenn das dann gut für die Geschichte ist, muss man da auch ganz pragmatisch sein und das mitnehmen.

Kreitz: Das stimmt. Im Fall von „Hinter Türen“ muss ich aber sagen: Unsere Differenzen waren ziemlich überschaubar.

Wird es die Graphic Novel nur online gehen?

Dinter: Erst einmal ist tatsächlich nur eine Veröffentlichung auf der Webseite www.hinter-tueren.de geplant. Das Ganze ist für uns etwas absolut Neues. Meines Wissens nach ist die Aufbereitung einer Graphic Novel in dieser Form auch eine Seltenheit. Im kommenden Jahr soll es aber auch eine gedruckte Ausgabe geben.

Warum der Titel „Hinter Türen" – weil Gewalt gegen Frauen oft hinter geschlossenen Türen, in Familien und im Bekanntenkreis, stattfindet und der offene Umgang damit in der Öffentlichkeit noch zu sehr tabuisiert wird?

Kreitz: Das ist richtig. Der wichtigste Teil der Geschichte handelt von häuslicher Gewalt und die findet sehr oft im Verborgenen statt.

Dinter: Es gibt aber auch noch einen zweiten Grund. Wir verzichten auf explizite Darstellungen von Gewalt und lassen diese vielmehr zwischen den Bildern und in den Köpfen der Leserinnen und Leser stattfinden. Wir versuchen also im wahrsten Sinne des Wortes, das Thema Gewalt gegen Frauen durch die Hintertür anzusprechen und verzichten dabei auf den erhobenen Zeigefinger.

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Sie haben eng mit dem Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen" zusammen gearbeitet. Konnten Sie auch mit Betroffenen sprechen?

Kreitz: Nein, Betroffene haben wir nicht kennengelernt. Das Hilfetelefon legt sehr großen Wert auf die Anonymität der beratenen Frauen und das finden wir auch richtig und wichtig. Aber wir haben uns das Informationsmaterial des Hilfetelefons angeschaut und auch mit der Leitung des Hilfetelefons gesprochen.

Während der Recherche wurde mir beispielsweise das erste Mal bewusst, welche große Rolle die Isolation der Frau durch den Ehemann bei häuslicher Gewalt spielt.

Was hat Sie am meisten schockiert, bzw. betroffen gemacht?

Kreitz: Die Zahlen, also der Anteil der betroffenen Frauen hierzulande. Und auch der Umgang mit Betroffenen in der Gesellschaft, etwa in der Presse...

Dinter: Immer öfter die Kaltschnäuzigkeit, die den Betroffenen entgegengebracht wird. Diese „So wie die schon aussieht bzw. sich verhält"-Argumentation. Die von Leuten eigentlich nur angebracht wird, um sich selbst nicht mit dem Thema beschäftigen zu müssen. Das trägt dann noch zur Isolation bei.

Was wollen Sie mit der Veröffentlichung des Comics erreichen?

Kreitz: Wir wollen die Leserinnen und Leser dazu ermutigen, genauer hinzuschauen und Warnsignale zu erkennen. Viel zu oft scheuen wir uns davor, Dinge anzusprechen, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Als Gesellschaft sollten wir stattdessen solidarischer sein.

Dinter: Die Graphic Novel soll sensibilisieren und zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema anregen. Die Leserinnen und Leser sollen verstehen, wie vielfältig Gewalt gegen Frauen sein kann. Und dass es bundesweite Unterstützungsangebote gibt, die leider von vielen Betroffenen viel zu wenig in Anspruch genommen werden.

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Wird die Zusammenarbeit mit dem Hilfetelefon weitergeführt?

Dinter: Die Graphic Novel erscheint in insgesamt vier Kapiteln bis Mitte November. Außerdem ist für nächstes Jahr eine gedruckte Ausgabe geplant. Da wird auch noch einiges zu tun sein. Und wir werden sehen, was danach noch kommt. Bisher hat die Zusammenarbeit viel Spaß gemacht.

Lesen Sie hier die ersten drei Kapitel der Graphic Novel „Hinter Türen".

Beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen" erhalten Sie Hilfe bei Gewalt, telefonisch unter 08000 116 016 und online auf www.hilfetelefon.de. Die Beratung ist vertraulich und kostenfrei.

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