18.10.2016

KARRIERE-INTERVIEW Frauen machen Karriere mit Talent, Wissen, Können und Wollen

Werden wir eine Gleichberechtigung auch ohne Frauenquote erreichen?

Foto: iStock/g-stockstudio

Werden wir eine Gleichberechtigung auch ohne Frauenquote erreichen?

Wieviel ist meine Leistung wert? Wie bekomme ich Kinder und Job unter einen Hut? Bringt die Frauenquote wirklich etwas? Diesen Fragen widmet sich Barbara Baratie in Ihrem Buch.

bildderfrau.de: Obwohl wir das Jahr 2016 schreiben, gibt es noch immer keine Gehältergleichheit, geschweige denn eine in die Tat umgesetzte Frauenquote. Wann und wie erreichen wir endlich die Gerechtigkeit?

Barbara Baratie: Gerechtigkeit….das ist für mich ein hoher Wert. Lassen Sie uns eher von der Selbstverständlichkeit sprechen, gleiche Arbeit mit gleichem Lohn zu bezahlen und Frauen gleich zu behandeln wie Männer. Eine Theorie, die unser Grundgesetz seit Langem für selbstverständlich erklärt. Die Bundesregierung hat sich gerade auf ein Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit geeinigt und rückt damit ein Tabu-Thema in den Fokus von Wirtschaft und Politik. Tatsächlich sind wir noch weit davon entfernt und wenn wir auch in den letzten 100 Jahren viel erreicht haben, so gilt es immer noch hieran aktiv, offen und transparent zu arbeiten. Die „Grauzone“ muss ans Licht gebracht werden.

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Wo genau setzt ihr Buch bei den unfairen Verhältnissen an?

Ich stelle in der Beratung immer wieder fest, dass viele Barrieren innerpsychische Blockaden in den Köpfen von Frauen sind. Mein Buch „Hoch hinaus“ bietet Raum für eigene Erkenntnis. Wer bin ich? Was macht mich aus? Wie stelle ich mir mein Leben vor? Was will ich erreichen? Diese Fragen sind wichtige Wegweiser zur Karriere. Wenn ich meine Ziele kenne und bereit bin, den Preis dafür zu bezahlen, dann kann ich meinen Weg gehen. Sind die Ziele nicht klar, bleibt Vieles doch nur beim „vielleicht“.

Daneben gibt es die berühmten Spiele der Macht, die kleinen und großen Attacken im Arbeitsleben, die es souverän zu meistern gilt. „Hoch hinaus!“ bringt diese Spielchen zu Tage und zeigt, wie frau auf Augenhöhe kommuniziert. Die Leserin wird bestärkt, das Spielfeld zu betreten und zu zeigen, was sie kann. Große Organisationen belohnen übrigens ein Verhalten von Wettbewerbsorientierung, selbstsicheres Auftreten und Durchsetzungskraft. Auch als Frau gilt es, beizeiten den Hut in den Ring zu werfen und nicht zu warten, bis jemand auf Sie zukommt.

Wen soll Ihr Buch ansprechen? Beschreiben Sie mal Ihre Leserin.

Die typische Leserin brennt für ihren Job. Sie ist gut ausgebildet, fleißig und auf dem Wege, dem Unternehmen ihr Bestes zu geben. Noch bevor sie an die gläserne Decke stößt, beschließt sie, sich mit den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln der Karriere auseinanderzusetzen. Idealerweise bereits zum Ende ihres Bachelor- oder Masterstudiengangs, spätestens aber, wenn sie mit den Knien an die ersten unsichtbaren Hürden gestoßen ist und merkt, dass Fleiß allein sie nicht voran bringt. „Hoch hinaus!“ weiht sie ein in die Geheimnisse der Karrierestrategie.

Sind Frauen die besseren Führungskräfte?

Frauen sind weder die besseren Menschen, noch grundsätzlich die besseren Führungskräfte. Aber Frauen zeichnen sich in der Regel gerade durch die Fähigkeiten aus, die heute im Business wichtiger sind denn je: Sie bringen eine große Empathie mit und gehen wirklich auf ihr Gegenüber ein. Sie sind bereit, sich wirklich auf den Anderen einzulassen und eine verlässliche Beziehungsebene zu Mitarbeitern und Kunden einzugehen. Sie schenken einen Vorschuss an Vertrauen und gewinnen in der Regel gerade dadurch das Vertrauen ihrer Mitarbeiter.

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So erfahren sie frühzeitig die Trends von morgen, erkennen Qualitäten und Grenzen schnell und können frühzeitig handeln. Viele Frauen sind sehr intuitiv und bereit, ihrem Bauchgefühl Raum zu geben, das ihnen in kurzer Zeit die Entscheidung zwischen Richtig und Falsch weist. Das „Bauchwissen“ ist schneller als unser Kopfwissen, das belegen aktuelle Studien. So trainieren unsere männlichen Kollegen seit einiger Zeit in teuren Managerseminaren, wieder Zugang zu dieser inneren Wissensquelle zu bekommen und den Mut, ihr auch zu vertrauen. Frauen bringen diesen Wissensspeicher von Natur aus mit.

Wir leben in einer Zeit, in der die Wirtschaft von Komplexität, Dynamik und Unsicherheit geprägt ist. Da wird es zunehmend wichtiger, ein gutes Gespür für Entscheidungen zu entwickeln, denn das Tempo, in dem Entscheidungen getroffen werden müssen, nimmt rasant zu und nicht immer ist alles im Vorhinein „greifbar und messbar“. Zunehmend müssen Entscheidungen ad hoc getroffen werden – quasi im Blindflug. Erfolgreiche ManagerInnen wissen: Es gilt mit dem Herzen zu führen, dem Bauch zu vertrauen, das Unternehmen zu beseelen und rechtzeitig zu riechen, wenn etwas stinkt.

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Die Erfolgsformel für die Wirtschaft ist es eine Unternehmenskultur zu schaffen, die „Diversity“ lebt. Das bedeutet, mehr Frauen in Führungspositionen, die gemeinsam mit den männlichen Kollegen die Geschicke des Unternehmens voran bringen und dabei unterschiedliche Denkweisen und Verhaltensweisen klug miteinander verknüpfen, so dass eine neue Sichtweise entsteht. Ich vergleiche das gerne mit der Idee, einem alten Fabrikgebäude ein großes, helles Außenfenster hinzufügen. Es bringt mehr Licht hinein und trägt auch Transparenz nach außen.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie das Buch schreiben und Sie etwas bewegen wollen?

In meiner Funktion als „Vorbild-Unternehmerin“ habe ich im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums an verschiedenen Hochschulen Vorträge zu „Karrierestrategien für Frauen“ gehalten. Mein Auftrag ist, mehr Frauen für Karriere und Unternehmerinnentum zu gewinnen. An der FOM (Hochschule für Oekonomie und Management) in Frankfurt waren zum Beispiel 160 Frauen im Vortrag mit dabei.

Hier studiert Frau nebenberuflich, das heißt, meine Zuhörerinnen waren größtenteils bereits in guten Positionen tätig. Die Rückmeldung einer Bankerin, die als Produktmanagerin eine Abteilung in Deutschlands bekanntester Bank leitet, hat mich tief berührt: „Hätte ich das alles früher gewusst, dann wäre es nicht so schwer gewesen!“

Wenn dem heute noch so ist, dann ist es umso wichtiger, dass „alte Hasen“, die die Hürden bereits kennengelernt haben und wissen, wie frau sie souverän nimmt, ihr Wissen weitergeben. „Hoch hinaus!“ führt Frauen an einem roten Faden von der Selbsterkenntnis zum Führungsinstinkt.

Was, denken Sie, heißt Selbstverwirklichung, von der Sie auch oft im Buch schreiben?

Jede Frau ist einzigartig und selbst ihres Glückes Schmied. Selbstverwirklichung heißt für mich konkret, die Freiheit zu haben, in meinem Element zu sein, das zu tun, was ich gerne und mit Freude mache und selbstverständlich die Macht zu haben, eigene Ideen und Entscheidungen umzusetzen. Der Preis dafür heißt „raus aus der Komfortzone“ – und rein in die „komm vor Zone!“

In vielen Köpfen von Frauen ist das Wort Führung immer noch mit dem negativen Akzent von Macht belegt. Aber denken wir doch einmal anders: Für mich ist die Macht der Führungskraft „Gestaltungsfreiraum“. Als Führungskraft muss ich heute „Zweitklassiges“ nicht mehr durchwinken. Ich verwirkliche, wofür ich selbst stehen kann und wovon ich wirklich überzeugt bin. Das ist für mich persönlich „Selbstverwirklichung“. Ich gestalte gerne und brauche einen Freiraum für meine Ideen und meine Wertvorstellungen.

Werden wir eine Gleichberechtigung auch ohne Frauenquote erreichen?

Die Hierarchien werden zukünftig immer flacher. Das bedeutet immer mehr Männer werden mit immer mehr Frauen um weniger Führungsstellen buhlen. Es wäre schön, wenn wir dabei jenseits von alten Rollenmustern und Seilschaften ganz selbstverständlich Frauen wie Männer in Führung bringen würden, doch die Realität zeigt ein anderes Bild.

Ohne gesellschaftspolitische Regeln werden wir noch lange warten müssen, bis unsere Wirtschaft eine „Frischzellenkur“ erhält und die besteht aus mehr Kommunikationsvermögen, mehr Empathie, mehr Talent zur Teamführung, eine hohe Reflexionsfähigkeit, Vorbildfunktion und Veränderungsbereitschaft, wie sie gut ausgebildete Frauen mitbringen.

Unsere Unternehmen brauchen diese Fähigkeiten dringend, um sich auf den Zukunftsmarkt von morgen auszurichten. Daher ist politisches Handeln offensichtlich dringend erforderlich, um kurzfristig mehr Vielfalt in den Führungsetagen zu bewirken und damit unsere Wirtschaft zu stärken.

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Mal angenommen wir hätten die Frauenquote für die Führungsebenen wahrhaftig erreicht und ausgeglichene Verhältnisse in den wirtschaftlichen Führungsebenen: Dann wäre Ihre Arbeit doch erledigt, oder?

Dann ginge meine Arbeit als Coach und Unternehmensberaterin erst recht weiter, denn dann würden mehr Unternehmen auf starke Teams setzen und Leadership nicht nur als Lippenbekenntnis nutzen, sondern mit Leben füllen. Meine Aufgabe ist es, Menschen im Unternehmen zu stärken, den Teamesprit zu heben und Lust auf Verantwortung zu erzeugen. Dazu zählen Themen wie „wertschätzende Kommunikation“, denn dies ist ein echter Wettbewerbsvorteil.

Frauen und Familie: Hand auf’s Herz, Frauen sind doch immer noch diejenigen, die den Job eher pausieren und die Kinder und den Haushalt managen. Was muss sich noch an den Rahmenbedingungen ändern, damit Frauen nicht (vor allem biologisch bedingt) zeitweise aussteigen müssen und ihnen daraus ein beruflicher Nachteil entsteht?

Wir sollten den jungen Paaren, in denen sich beide Elternteile mehr Zeit für ihre Kinder wünschen, wirklich Raum geben. Ideen von Manuela Schwesig, die über eine 30 Stunden-Tätigkeit für Vater und Mutter nachdenkt, sind aus meiner Sicht ein richtiger Schritt. Wenn wir mehr Väter mit ihren Kindern erleben, wird sich auch das gesellschaftliche Bild in unseren Köpfen verändern. So haben Beide gleiche Ausgangschancen, ob in Teilzeit oder später wieder Vollzeit ganz selbstverständlich auch Führungsverantwortung zu übernehmen.

Ich bin überzeugt. Frauen müssen sich nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden. We can have it all! Jedes Paar wird für sich gute Lösungen finden müssen, wie sie das Zusammenleben gestalten und wie es beiden Partnern Raum für berufliche Entwicklung lassen kann. Das bedeutet natürlich für eine gewisse Zeit Doppelbelastung, wenig Schlaf, ständig neue Herausforderungen, doch es schenkt auch viel Grund zur Freude und hebt die eigenen Kompetenzen, die im Change-Management so gefragt sind: Stresskompetenz, Veränderungsbereitschaft, Kommunikationstalent, Beziehungsmanagement. Männer und Frauen, die das geschafft haben, empfehlen sich direkt für eine Führungsaufgabe als echter Leader.

Wir alle kennen Geschichten von Frauen in unserem Bekanntenkreis, die nach längerer Betriebszugehörigkeit und Babypause nach einer Gehaltserhöhung fragen, diese aber aufgrund ihrer Babypause nicht bekommen. Welches weitere Vorgehen würden Sie den Frauen raten?

Zeigen Sie ihre Erfolge auf. ZDF – Zahlen, Daten, Fakten sind gefragt. Thematisieren Sie auch Ihre Soft-Skills, Ihre weichen Führungsqualitäten (auch die, die Sie während der Babypause hinzugewonnen haben) und verhandeln Sie hart. Verschaffen Sie sich einen Wissensvorsprung und erkunden Sie sich vor dem Gespräch, was andere verdienen. So sind Sie „im Bilde“ darüber „was Sie wirklich verdienen“ für Ihre Leistung. Wenn mehr Geld tatsächlich nicht geht, dann platzieren Sie Alternativen wie Coaching, Karriereplanung oder Zusatzleistungen des Unternehmens oder gar aus dem Land der Insignien der Macht: wie wäre es mit einem neuen Firmenwagen, ein Einzelbüro, die neue Scheckkarte mit Business-Update für die nächste Geschäftsreise?

Karriere ist Talent + Wissen + Können – und Wollen!

Zeigen Sie das Wollen gerade nach der Babypause. Gehaltsverhandlungen sind da ein guter Indikator.

Nach welchem Motto leben Sie im Beruf?

Ich vertraue auf die Kraft meiner Teammitglieder und ich führe durch Empowerment. Das gibt mir den Mut und die Muße, ihnen größtmöglichen Freiraum zu lassen, die Aufgabe in ihrer eigenen Art selbstständig auszufüllen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auf diese Weise ein Esprit entsteht, bei dem alle über sich hinauswachsen – und voll Freude und Energie gemeinsam Neues schaffen. Als „Unternehmensentwickler“ steht es uns gut zu Gesicht, selbst zu leben, was wir anderen zeigen.

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