19.10.2016

REPORTAGE Rechtschreibung in Deutschland: Ein Armutszeugnis

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Foto: Duden: „Erste Hilfe - die 100 häufigsten Fehler“

"Di Kinda gehn in den Tso" - Ein Satz, den viele Grundschüler so schreiben würden - ohne dass jemand die Rechtschreibung korrigiert. Was läuft da schief?

BILD der FRAU sprach mit Prof. Dr. Wolfgang Steinig (67). Der Germanist der Universität Siegen hat über 40 Jahre hinweg Aufsätze von Viertklässlern verglichen. Mit dramatischen Ergebnissen: 2012 machten die Schüler in ihren Aufsätzen etwa doppelt so viele Fehler wie 1972.

BILD DER FRAU: Welche Gründe hat das?

Wolfgang Steinig: Es gibt mehrere. Zum einen die Lehr-Methode: Heute dürfen viele Kinder zunächst so schreiben, wie sie ein Wort hören, also „fata“ anstatt „Vater“. Das ist natürlich viel einfacher, sie haben rascher ein Erfolgserlebnis. Aber spätestens dann, wenn korrekt geschrieben werden muss - manchmal erst Ende der zweiten Klasse – kommt das böse Erwachen: Die Kinder sind frustriert, falsche Schreibungen haben sich eingeprägt, das Umlernen ist mühsam.

Also zurück zu den Lehr-Methoden aus den 70er-Jahren?

Nein. Kinder schreiben heute früher kurze eigene Texte und machen dabei auch mehr Fehler. Aber anschließend sollten sie mithilfe der Lehrerin überarbeitet werden. Kinder müssen von Beginn an lernen, auf die Rechtschreibung zu achten. Nicht nur im Deutschunterricht, auch in anderen Fächern.

Und wenn sich nichts ändert?

Dann nehmen vor allem die Fehler bei Kindern zu, die von ihren Eltern keine Unterstützung bekommen. Kinder aus sozial schwachen Familien, deren Eltern auch Probleme bei der Rechtschreibung haben, fallen noch weiter zurück.

Jede Schule kann sich die Methode aussuchen. Sollte das vereinheitlicht werden?

Die einzige richtige Methode wird es nie geben. Aber Lehrkräfte an Grundschulen sollten verstehen, wie unsere Rechtschreibung funktioniert. Doch viele haben das an der Uni nicht gelernt.

Hat richtiges Schreiben an Bedeutung verloren?

Ja! Schnell getippte Handynachrichten und E-Mails sind meist voller Fehler. Es ist paradox: In unserer Gesellschaft wird so viel geschrieben wie nie zuvor, gleichzeitig verliert die Rechtschreibung immer mehr an Autorität.

Aber wenn alle Fehler machen, merkt es ja niemand mehr …

Im Gegenteil! Beim Schreiben an Firmen und Behörden, im Beruf, in PartnerPortalen: Wer falsch schreibt, wird als weniger kompetent wahrgenommen. Die Rechtschreibung entscheidet also auch über unseren Erfolg im Leben.

Die Eltern haben genug vom Chaos „Schluss mit der Rechtschreib-Anarchie!“

Regine Schwarzhoff (60) ist Mutter von drei Kindern, Großmutter dreier schulpflichtiger Enkel und seit elf Jahren Vorsitzende des Elternvereines Nordrhein-Westfalen: „Fehler in den ersten Jahren nicht zu korrigieren ist ein Betrug am Kind. Da wird eine völlig falsche Selbsteinschätzung erzeugt. Hier muss die Politik endlich klare Richtlinien schaffen. Und zwar am besten mit Lehr-Methoden, die vor der Einführung zuverlässig geprüft wurden. Ein Medikament bringt man ja auch nicht ohne ausführliche Tests auf den Markt!“

Tizian F. Wollweber (18) ist Vorsitzender der Schüler Union Deutschlands: "In sozialen Netzwerken sind Fehler egal und wenn es darauf ankommt, gibt es ja die Autokorrektur. Trotzdem: Jeden Fehler merzt die auch nicht aus und eine Bewerbung sollte fehlerfrei sein. Ich kenne viele Jugendliche, die bei sich ein Defizit erkennen und sich wünschen, sicherer schreiben zu können.“

Die häufigsten Fehler

Der Germanist Uwe Grund hat in einer Studie - Orthografische Regelwerke im Praxistest: Schulische Rechtschreibleistungen vor und nach der Rechtschreibreform - festgestellt, dass die Hälfte der Neuntklässler nur mangelhafte Rechtschreibkenntnisse hat.

Der Grund? „Die Rechtschreibreform! Heute passieren viel mehr Fehler als vorher und zwar in den wichtigsten Reformbereichen: der Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung und der s-Schreibung.“ Auch Erwachsenen bereiten diese Bereiche Probleme - wie folgende Liste mit den häufigsten Fehlern** zeigt:

Die Lehrer-Gewerkschaft verteidigt die Lehr-Methoden

Anne Deimel ist Referatsleiterin Grundschule bei der Lehrerorganisation Verband Bildung und Erziehung (VBE) Nordrhein-Westfalen: „Der heutige Lehrplan ist nicht mit dem von vor 20 Jahren vergleichbar. Der Schwerpunkt liegt weniger auf dem Diktat, sondern auf Strategien, um Satzbau und Grammatik zu trainieren.

Die meisten Grundschulen arbeiten mit der Anlauttabelle als Teil eines Konzepts, bei dem individuell auf die Fähigkeiten der Schüler geguckt wird. Deswegen ist es wichtig, dass es Zeiten gibt, in denen Eltern Texte nicht berichtigen. Nur so kann die Lehrkraft sehen, wo ein Kind steht, um dann individuell zu entscheiden, wie es gefördert werden sollte.“

Rechtschreib-Quiz: Und wie sicher sind Sie?

1. Wie lautet der korrekte Plural?

  • a) Hobbys

  • b) Hobbies

2. Welches Wort ist richtig?

  • a) Gratwanderung

  • b) Gradwanderung

3. Zusammen oder getrennt?

  • a) Radfahren

  • b) Rad fahren

4. Welche Vervollständigung ist korrekt? „Ich finde meine Lösung …

  • a) … am einfachsten.“
  • b) … am Einfachsten.“

5. Wo versteckt sich der Fehler?

  • a) Ich freue mich, dass du kommst!
  • b) Ich freue mich, das du kommst!

6. Welcher Satz ist richtig?

  • a) Das Büro meines Chef’s ist groß
  • b) Das Büro meines Chefs ist groß

Lösung: 1a 2a 3b 4a 5b 6b

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Dieser Artikel erschien zuerst in der BILD der FRAU Nr. 36.

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