Aktualisiert: 17.07.2016 - 08:00

Interview Christian Rach über seinen Wandel vom Sternekoch zum Fernsehmacher

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Christian Rach setzt sich gegen Lebensmittelverschwendung und für Nachhaltigkeit ein.

Foto: Thomas Pritschet

Christian Rach setzt sich gegen Lebensmittelverschwendung und für Nachhaltigkeit ein.

„Restauranttester“ Christian Rach liebt die Unendlichkeit der Kochkunst, ob vor der Kamera als Fernsehmacher oder am Herd als Sternekoch. Uns gibt er exklusive Einblicke.

bildderfrau.de: Lieber Herr Rach, Sie zählten jahrelang zu den besten Köchen in Hamburg, mittlerweile sind Sie vorrangig als Restaurant-Tester und Lokal-Retter im Fernsehen zu sehen. Wie kam diese Verlagerung der Prioritäten zustande?

Christian Rach: Mein Restaurant „Tafelhaus“ hat hier in Hamburg einen sehr hohen Stellenwert genossen, dort habe ich circa 80 bis 90 Stunden die Woche gearbeitet. Mit 30 Jahren steckt man so ein Pensum vielleicht noch gut weg, aber wenn man älter wird, kommt man irgendwann an seine Grenzen, obwohl ich überhaupt nicht Burn-out-gefährdet bin. Für mich war der Koch-Beruf immer endlich, ich hatte mir schon immer vorgenommen, mich im Alter von etwa 50 Jahren plus/minus in eine andere Richtung zu orientieren und etwas komplett anderes zu machen.

Vor gut dreizehn Jahren kam irgendwann eine Produktionsfirma zu mir ins Restaurant und wollte mit mir eine Probesendung im Bergischen Land drehen. Meine Aufgabe sollte sein, ein Restaurant vor dem Schließen retten. Nach gefühlt einer Stunde Drehzeit in diesem Restaurant war mir klar, dass dieses Geschäft nicht zu retten ist. Und das habe ich dann mit aller Klarheit und Deutlichkeit gesagt: „Schließt lieber den Laden, kündigt euren Mitarbeitern rechtzeitig und verhindert so, dass der Schuldenberg noch größer wird.

Ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende.“ Diese Offenheit und Gradlinigkeit hat wohl den Ausschlag gegeben, dass ich von RTL beauftragt wurde, sechs Folgen „Restauranttester“ zu drehen. Allerdings lagen die Vorstellungen der Produktionsfirma, wie das auszusehen hat und meine Vorstellungen dazu doch gehörig auseinander. Aber wir haben uns danach gut zusammengefunden und das Resultat ist die Sendung „Rach, der Restauranttester“.

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Inwieweit hilft Ihnen Ihre mediale Präsenz, um andere Projekte anzuschieben?

Nun ja, prinzipiell hilft es natürlich schon, neue Projekte ins Leben zu rufen oder sich an diversen Projekten zu beteiligen, wenn man einen gewissen Bekanntheitsgrad hat. Ich bekomme viele Einladungen und Anfragen, sogar manchmal von der Regierung. Ich selber lebe aber gar kein Promi-Leben, dafür bin ich nicht der Typ. Ich mag es eher zurückhaltend. Trotzdem gibt es immer wieder in puncto mediale Präsenz beeindruckende Erlebnisse, wie zum Beispiel auf dem Nürnberger Hauptbahnhof bei einem Auflauf zweier Fußball-Fangruppen. Werder Bremen- und FC Nürnberg-Fans sind sich ja bekanntlich nicht so grün und es herrschte eine hochbrisante Stimmung. Die Polizei wollte mich eigentlich zum Zug eskortieren, aber ich habe abgelehnt und mich alleine durch die Menge bewegt. Plötzlich schrien beide Fanblöcke meinen Namen und auf einmal war von dem Ärger, der in der Luft lag, nichts mehr zu spüren. Solche Situationen machen mich dann stolz und zeigen mir, dass ein Promi-Status auch etwas Gutes haben kann. (lacht)

Welche Projekte liegen Ihnen derzeit besonders am Herzen und warum?

Ich bin in sehr vielen verschiedenen Organisationen tätig und mische mich auch in Berlin ein, setze mich beispielsweise gegen Lebensmittelverschwendung und für Nachhaltigkeit ein. Allerdings ziehe ich da lieber im Hintergrund die Fäden, da ich keine Lust auf das Image des Oberlehrers habe. Dasselbe gilt übrigens auch für einige neue TV-Formate, in die ich derzeit involviert bin. Ich muss nicht immer vor der Kamera stehen, die Arbeit im Backstage-Bereich bereitet mir ebenfalls sehr große Freude. Mehr kann ich dazu aber noch nicht sagen, da ist noch nichts spruchreif. (grinst)

In „Rachs Restaurantschule“ haben Sie Männer und Frauen mit schwierigem Hintergrund die Möglichkeit gegeben, sich unter anderem von Ihnen zum Koch ausbilden zu lassen. Was hat Sie daran besonders gereizt?

Dieses Format habe ich mir damals selbst ausgedacht, weil mich dieses ganze öffentliche Gejammer um die Chancengleichheit genervt hat. Ich wollte mit der Sendung erreichen, dass die Teilnehmer wieder Respekt vor sich selber entwickeln und eine Perspektive in ihrem Leben erkennen. Das Jobcenter und auch das Arbeitsamt haben mich bei dem Projekt sehr aktiv unterstützt, sodass es mich noch mal extra motiviert hat. Allerdings war „Rachs Restaurantschule“ auch unglaublich anstrengend – sowohl körperlich als auch geistig, wobei mir das natürlich klar war. Wenn man sich dazu entscheidet, Verantwortung für Menschen ohne Perspektive zu übernehmen, dann muss man das auch mit vollem Einsatz tun.

Woher kommt dieses „Helfer-Syndrom“?

Ich bezeichne mich als politischen Menschen und jeder, der unternehmerisch Erfolg hat, sollte diesen auch nutzen, um sozial Verantwortung zu übernehmen. Wenn man die Sonne kennenlernt, entpflichtet es nämlich nicht, auch andere mit unter den Sonnenschirm zu nehmen.

Im Rahmen Ihrer Sendung „Rach, der Restauranttester“ helfen Sie manchmal auch Menschen, bei denen man den Eindruck hat, dass sie das gar nicht so richtig zu schätzen wissen. Die „Eis-Heidi“ aus Güstrow war da beispielsweise so ein Fall. Woher nehmen Sie die Motivation, genau da weiterzumachen?

Um im Leben Erfolg zu haben, muss man auch mal Niederlagen einstecken oder Widerstände überwinden. So ein schwieriger Fall wie die „Eis-Heidi“ fordert einen menschlich unheimlich heraus, da braucht man schon eine gewisse mentale Stärke, um bei so einem Dreh nicht aufzugeben. Am Ende habe ich ihr schließlich immer wieder kleine Brücken gebaut, damit sie am final als Heldin dasteht, aber der Weg dahin war extrem steinig. Kleine Anekdote dazu: Später hat sich die „Eis-Heidi“ enge T-Shirts drucken lassen, auf denen quer über ihre Oberweite „Von Rach getestet“ stand. Das fand ich dann schon wieder so skurril, dass ich wirklich nur noch darüber lachen konnte. (lacht)

Wann reißt bei Ihnen mal der Geduldsfaden?

Mein Geduldsfaden reißt tatsächlich sehr selten, aber es kommt schon vor, dass das mal passiert. Wenn ich beispielsweise auf einem Dreh um acht Uhr verabredet bin, der andere Protagonist kommt aber erst gegen zehn Uhr ans Set, dann ärgert mich das ungemein, weil es einfach respektlos ist. In dem Fall muss ich mir etwas Gutes tun und mich beispielsweise mit einer Wurstsemmel belohnen. (lacht) Nein, im Ernst, für mich ist es wichtig, immer ein wenig Abstand zu den Personen zu haben, mit denen ich drehe. Ich brauche meinen eigenen Rückzugsort, um auch mal zu entspannen und runterzukommen.

Was ist Ihr generelles Erfolgsrezept? Sie kommen ja bei den Leuten prinzipiell sehr gut an.

Das maße ich mir nicht an, zu beurteilen. (lacht) Ich bleibe einfach immer so, wie ich auch in Wirklichkeit bin. Ich nehme mein Gegenüber grundsätzlich ernst und schauspielere nicht.

Köchen sagt man nach, dass sie gern mal cholerisch werden in der Küche. Wie haben Sie damals Ihre Küche geführt? Welche Regeln waren Ihnen wichtig?

Wenn man Erfolg in der Küche haben will, schreit man nicht rum. Die Küche funktioniert nämlich wie ein Uhrwerk, mit kurzen Ansagen dreht sich alles reibungslos weiter. Zudem war mir der Zusammenhalt im Team stets sehr wichtig. Wir haben beispielsweise immer gemeinsam gegessen und selbst diejenigen, die keinen Hunger hatten, saßen mit am Tisch. Ein guter Umgang miteinander hat für mich Priorität und so habe ich es auch mit der Bezahlung gehalten. Von Ausnutzung halte ich nichts, meine Mitarbeiter wurden übertariflich vergütet, um sich in ihrer Freizeit nicht sorgen zu müssen. Der Job als Koch ist extrem hart, da müssen wir uns nichts vormachen und er erfordert auch eine gewisse Bereitschaft, sich zu quälen, wenn man Erfolg haben will.

Warum haben Sie sich damals für den Koch-Beruf entschieden? Dieser ist ja nicht gerade gut bezahlt, wenn man sich nicht gerade einen Namen macht...

Da muss ich direkt mal ein bisschen ausholen, um es ganzheitlich zu erläutern. Ich komme aus einer Familie mit vier Kindern, in der gutes Essen schon immer eine wichtige Rolle gespielt hat. Meine Mutter war leidenschaftliche Köchin und hat mir diese Passion wohl mit in die Wiege gelegt. Während meines Mathematik- und Philosophie-Studiums in Hamburg habe ich mir meine Finanzen mit einem Nebenjob als Koch aufgebessert. Immer, wenn ich dann abends irgendwo in der Kneipe gekocht habe, war der Laden gerappelt voll, sodass mein Essen wohl geschmeckt haben muss. Als ich schließlich in meinen Examensvorbereitungen steckte, lud ich meine damalige Freundin in ein Restaurant ein und war von dem Geschmack des Essens so begeistert, dass ich am nächsten Tag dorthin zurückgekehrt bin und sie um einen Ausbildungsplatz bei ihnen gebeten habe. Ich habe dort auf dem Teller die Unendlichkeit der Kochkunst gesehen und genau das war mein entscheidendes Schlüsselerlebnis, um Koch zu werden.

Inwieweit leben Sie Ihre Kochpassion noch immer aus?

Oh, die lebe ich noch immer tagtäglich aus. (lacht) Gestern habe ich beispielsweise gerade erst ein hervorragendes Johannisbeergelee aus Früchten aus meinem Garten gekocht. Kochen ist nicht nur eine manuelle Tätigkeit. Das Kochen und Schmecken funktioniert vor allem im Kopf und genau das ist das Faszinierende für mich an dieser Passion.

Was macht für Sie den größten Reiz aus, mit Lebensmitteln zu arbeiten?

Das Produkt ist der Star. Und aus guten Produkten ist es unglaublich reizvoll für mich, Gutes zubereiten. Daher finde ich es jedes Mal wieder faszinierend, mit hochwertigen Produkten unterschiedliche Möglichkeiten auszuprobieren. Das ist für mich ein Hochgenuss.

Was kocht ein Christian Rach, wenn er seine Frau zuhause verwöhnen will?

Da gibt es eigentlich keinen besonderen Plan, das entscheide ich ganz spontan. Meistens gehen wir zusammen auf dem Markt etwas Saisonales einkaufen, denn das sind die besten Produkte. Und das bereite ich dann für uns zu. Dazu ein kaltes Glas Weißwein und schon ist das Essen für uns perfekt.

Welches Gericht essen Sie am liebsten und warum?

Also ich hasse Milchreis und Kapern. Ich liebe einen superfrischen Fisch, ich liebe Gemüse pur und ich liebe auch selbstgemachte Nudeln in allen Varianten.

Und was ist Ihre größte Sünde in puncto Essen?

Mit Kirschen gefüllte Schnapspralinen und selbstgemachter Eierlikör!

Lieber Herr Rach, vielen Dank für die vielen persönlichen Einblicke und Anekdoten! Für Ihre weiteren Projekte viel Erfolg!

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