06.07.2016

Reise durch Südostasien Faszinierendes Vietnam: Ein Land im Aufbruch

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Wohl kaum etwas prägt das Bild von Vietnam so sehr wie die Fischer bei Sonnenuntergang.

Foto: istock/Pentium2

Wohl kaum etwas prägt das Bild von Vietnam so sehr wie die Fischer bei Sonnenuntergang.

Die Seele Vietnames ist für Außenstehende schwer zu fassen. Sie steckt irgendwo zwischen Tradition, Sozialismus, Kriegstrauma und Zukunfts-Optimismus.

Bis vor zehn Jahren haben sich nur einige wenige Rucksacktouristen und Kulturinteressierte für den langgetreckten Küstenstaatinteressiert. Doch seit sich das Land wirtschaftlich und politisch geöffnet hat, boomt neben dem Tourismus der Ideenreichtum den Bewohner. Für ehemalige Thailand-Fans ist Vietnam schon länger die „unverbrauchte Version“ ihres einstiges Lieblingsurlaubslandes. Und es stimmt: Hier gibt es sie noch: endlos unberührten Strände, wilde Natur, alte Tempelanlagen und Menschen, die noch so ursprünglich Leben, wie viele Generationen vor ihnen. Doch wie lange noch?

Noch gibt es kein McDonald's in Hanoi

Die Hauptstadt Hanoi ist gerade erst 1000 Jahre alt geworden und noch immer fehlen von H&M- oder McDonald's-Fillialen jede Spur. Stattdessen gehen in den von schmalen Häusern gesäumten, engen Altstadtgassen Handwerker und Verkäufer ihren täglichen Geschäften nach, von denen viele nach wie vor die traditionellen spitzen Reishüte tragen. Hier geht es schnörkellos, chaotisch und authentisch zu und die freiliegenden Kabelmassen zwischen den Häusern lassen vermuten, dass die Stromversorgung auf unmoderne Weise vonstattenging.

Ein Stück außerhalb befindet sich die „Vietnam School of Fine Arts“, die angesehenste staatliche Kunsthochschule des Landes. In der großen Haupthalle hängen die Meisterwerke der Abschlussklasse. Die Bilder zeigen Reisbauern bei der Ernte, Reisbauern beim Essen im Feld, Kinder, die im Heu spielen. Friedliche Szenen aus Lackfarbe und Öl. „Wir stellen den Alltag der vietnamesischen Bevölkerung dar“, erklärt einer der Schüler. „Das war unsere Abschlussaufgabe.“ Die staatliche Vorgabe, ihre Nachwuchstalente eine altertümlich heile Welt malen zu lassen, wirkt nicht besonders kreativ, ist aber gewollt, erklärt Vu Kim Thu später, die selbst als freie Künstlerin in Vietnam lebt. Wer es trotz der schwierigen Aufnahmebedingungen auf die Schule schafft, werde nicht dazu angehalten, die Welt auf eigene künstlerische Weise zu interpretieren. Es gehe vielmehr darum, in perfekter Technik zu produzieren, was bereits tausendfach gemalt wurde. „Nur langsam und auch eher im Hintergrund entstehen Galerien, die auch mal Pop Art oder provokative Kunst zeigen“, sagt Vu Kim Thu. Das wissen natürlich auch die Schüler, die einfach zu Hause das malen, was sie wirklich fühlen.

Schlange stehen für „Onkel Ho“

Die romantische Sicht auf das einfache Landleben ist solch ein Teil, der tief in der vietnamesischen Seele verwurzelt ist. Trotz rasantem Städtewachstum sieht sich das Land noch immer als ein sozialistischer Arbeiter- und Bauernstaat. Die Zeiten, in denen fast 90 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft gelebt haben, sind seit einigen Jahren endgültig vorbei. Vielleicht hat es auch etwas dem nahezu religiösen Personenkult um „Onkel Ho“ zu. Der 1969 verstorbene kommunistische Revolutionsführer Ho Chi Minh ist selbst in bescheidenen, ländlichen Verhältnissen aufgewachsen und zog den einfachen Lebensstil selbst während seiner Präsidentschaftszeit weiter vor. Die Vietnamesen nehmen viele Stunden Wartezeit in Kauf, nur um einen Blick auf die einbalsamierte Leiche im absolut nicht bescheidenen Mausoleum erhaschen zu können. Selbst die Jugend, die sich längst mit den Vorzügen des westlichen Kapitalismus angefreundet hat, findet ihren Onkel Ho „voll okay“. Weil er von den ganzen Plakaten so väterlich und liebevoll auf sie herabschaut. Was soll man da auch gegen ihn sagen?

Idyllische Reisfelder mit Event-Farmen in Zentralvietnam

Unterdessen beginnen die Menschen auf dem Land langsam zu erkennen, wie sich ihre Lebensweise touristisch attraktiv vermarkten lässt. So befindet sich nahe der Küste Zentralvietnams inmitten der bilderbuch-idyllischen Reisfeldern vor Hoi An eine ebenso malerische kleine Farm, die sich fest in der Hand einiger pfiffigen Bäuerinnen befinden, deren Männer lieber im Hintergrund wirken. Sie kamen vor einigen Jahren auf die Idee, ihren Betrieb „Water Wheel“ zu taufen, komplett auf bio umzustellen und aus dem Landleben ein Event für großstadtgenervte Touristen zu machen. „Farming with the Farmers with the methods from 300 years ago“ wirbt ein großes Schild am Wegesrand. Darüber prangt das Trip Advisor-Logo samt „Zertifikat für Exzellenz“. Empfangen werden die Besucher von Hin, der fröhlichen 27-Jährigen Bauerntochter, die mittlerweile fast perfektes Englisch beherrscht und einen Witz nach dem anderen reißt. Zusammen mit ihrer ebenso amüsanten Tante Tho erklärt sie den Gästen, wie die Vietnamesen ihre Felder bestellen, lässt sie Kräuter und Gemüse anpflanzen und klatscht begeistert in die Hände, wenn einer ihrer Gäste den Dreh raus hat. Im anschließenden Kochkurs wird gelernt, was man mit den geernteten Erträgen alles anstellen kann. Keine Spur vom mühseligen Landleben. Die kleine Event-Farm gehört mittlerweile zu den erfolgreichsten Touristen-Hotspots der Umgebung und vermutlich dauert es nicht mehr lange, bis auch andere Bauern mit ihren ganz eigenen Ideen nachziehen.

Der große Ansturm der Luxus-Resorts

Von der Farm-Idylle muss man keine 20 Minuten entlang der Küste Richtung der nächst größten Metropole Da Nang fahren, um den großen Aufbruch unmittelbar zu spüren. Der fast 100 Kilometer lange Strandabschnitt gehört zu den schönsten des Landes und war bis vor zehn Jahren nahezu unbebaut. Jetzt reiht sich Baustelle an Baustelle, vor denen großflächige Plakate ankündigen, welche Luxusressorts internationaler Hotelketten demnächst eröffnen werden. Das Marriot ist schon da, das Hyatt Regency ebenfalls. Auch die pastellfarbene Wellness-Anlage Fusion Maya, deren Grundriss der „Verbotenen Stadt“ nachempfunden ist, gehört mit ihren sechs Jahren Bestehen bereits zu den Urgesteinen. Auf den Speisekarten stehen Pizza, Pommes oder Spagetti, nebst einer Auswahl an speziell gluten- und laktosefreien Gerichten. Infinitypools und sanfte Beleuchtung sorgen für einen Blick auf den Strand, der direkt aus dem Katalog stammen könnte. Wunderschön, doch austauschbar und schon gar nicht typisch Vietnam.

Saigon: Wo Kolonialgeschichte auf Moderne trifft

Während die großen Hotels die schönsten Strandabschnitte des Landes aufkaufen und kleine, einheimische Unternehmer sich überlegen, mit welchen Ideen sie Touristen anlocken können, zeigt sich in Saigon, das tief im Süden des Landes liegt, wie rasant die Veränderungen voranschreiten. Der Weg vom Flughafen in die Innenstadt führt vorbei an Bio-Supermärkten und Plakaten, die für das Tragen von Motorradhelmen werben. Für ein asiatisches Land halten sich sogar erstaunlich viele daran. 2014 kam schließlich die erste lang ersehnte McDonald's-Filliale, nur um kurze Zeit später zwei weitere zu eröffnen. Einer der wenigen Orte, an denen ganz bewusst alles so bleiben soll wie es war, ist das Luxus-Hotel Majestic im Zentrum der Stadt. Das legendäre Jugenstil-Gebäude wurde 1925 von den Franzosen erbaut, ausgestattet mit filigranen Buntglasfenstern, eleganten Tapeten und original Pariser Mobiliar. Nichts davon wurde in den vergangenen 80 Jahren verändert oder ausgetauscht, nur aufwändig restauriert. Die Gäste sollen das einmalige Gefühl der Belle Epoque hautnah spüren, wenn ihnen die Portiers mit ihren goldbeknöpften Uniformen die schmiedeeiserne Eingangstür offnen. Sie sollen sich fühlen wie der Literat Graham Green, der oben auf der Dachterrasse bei unzähligen Cocktails über Saigon und die Liebe nachdachte. Doch genau dort, wo Green einst den Sonnenuntergang über den Mekong bewunderte, wird heute ein komplett neuer Stadtteil aus dem Boden gestampft. Davor wieder große Schilder, deren aufwändige Grafiken illustrieren, was kommen wird: 20-Geschosser aus Glas, Stahl und Beton. Drumherum ein bisschen Grün mit vermutlich genug Platz für den vierten McDonald's.

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