21.03.2016

Reisebericht Die „weißen Heilerinnen“ und die Kraft Tansanias

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Foto: © Friederike Ostermeyer

Tansania – Heimat der Maasai. Kraftort und Wiege der Menschheit. Hier haben zwei Wiener Ärztinnen eine Krankenstation errichtet, die nicht nur Einheimische versorgt, sondern auch Gästen aus Europa Heilung bietet – seelisch und körperlich.

Als Christine Wallner vor acht Jahren den uralten Feigenbaum in Momella entdeckte, spürte sie sofort, dass dieser Platz zwischen Kilimandscharo und Mount Meru ein Kraftort ist. „Afrika hat mich gerufen, seitdem ich neun Jahre alt war“, erinnert sie die österreichische Ärztin heute. Doch es sollten noch viele Jahrzehnte vergehen, bis sie ihrer Bestimmung folgte.

Als sie ihr unglückliches Society-Leben in Wien aufgab, ihr großes Haus verkaufte, um mit dem Erlös das Hilfsprojekt „Africa Amini Alama“ (Ich glaube an Afrika) zu gründen, war sie bereits weit über 60 Jahre alt. Wenig später stieg Tochter Cornelia mit ein, die ebenfalls Ärztin und Heilpraktikerin ist. Heute kommen bis zu 200 Patienten täglich zur ihrer Krankenstation neben dem Kraftbaum, um sich mit dem Nötigsten versorgen zu lassen. Zwischen Luxus-Safari und Wild-Romantik herrscht in diesem Landstrich nach wie vor große Armut.

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Wo es an Medikamenten mangelt und die Menschen kaum Geld haben, sie zu bezahlen, braucht es neue Ideen und altes Wissen. Deshalb hat Tochter Cornelia Wallner-Frisee ein „Healing Center“ aufgebaut, in dem ausschließlich mit Naturheilverfahren wie Kräuterheilkunde, Akupunktur oder Homöopathie gearbeitet wird.

Damit dient die Einrichtung als Ergänzung zur schulmedizinischen Krankenstation. „Viele unserer Patienten leiden an Mangelerscheinungen oder Vergiftungen, verursacht durch aggressive Pestizide“, erklärt sie. „Nach der ersten schulmedizinischen Untersuchung zeigt sich oft, dass Heilkräuter und Medizin, die wir selbst aus Pflanzen herstellen bei diesen Problemen meist sehr schnell helfen.“ Dadurch können viele Menschen auch ohne die teuren und selten verfügbaren Medikamente gesund werden.

Seelische Blockaden erkennen

Ein Mann, vielleicht Ende 40 betritt das Behandlungszimmer. Sein Knie ist angeschwollen, das Gesicht schmerzverzehrt, die Haltung verspannt. „Ich kann kaum laufen“, klagt er. Zunächst tastet die Ärztin seinen Körper ab, dann setzt sie ihm eine Akupunkturnadel in das linke Ohr und zwei auf den linken Oberarm. „Wird der Schmerz weniger?“ Vorsichtig läuft der Mann ein paar Schritte, dann hellt sich sein Gesicht auf. „Ja, besser“, sagt er.

Nachdem Cornelia Wallner-Frisee seinen Blutdruck gemessen hat, schaut sie ihren Patienten eindringlich an: „Wie steht es mit deiner Familie? Gibt es Probleme oder Kummer?“ Plötzlich sprudelt aus ihm heraus. Er erzählt von seinem Bruder, der seine Belastungen ständig auf ihn herabwälzt, dass er sich Sorgen um seine Frau macht, der es ebenfalls nicht gut geht. Die Schwester, die Nichte – sie alle erwarten, dass er ihre Ängste auffängt.

„Stell dir mal vor“, fragt die Ärztin weiter „ihr fahrt zusammen in den Urlaub, würdest du all ihre Koffer tragen?“ „Natürlich nicht.“ „Das machst du aber, kein Wunder, dass du innerlich zusammenbrichst. Du musst ihnen klar machen, dass du zwar für sie da bist, aber dass ihre Probleme nicht deine sind. Dein Blutdruck ist so hoch, dass du das nicht mehr lange mitmachen kannst“.

Die Heilkraft der Berührung

Die Menschen hier sprechen kaum über ihre Gefühle. Die Männer als Familienoberhaupt dürfen keine Schwäche zeigen. Und auch die Frauen schlucken ihr Leid runter. Das führt zu seelischen Blockaden, die sich schließlich durch körperliche Schmerzen zeigen, erklärt sie später. Liebevolle Berührungen untereinander werden zu wenig ausgetauscht. Schon gar nicht in der Öffentlichkeit.

Dabei hat schon die kleinste Streicheleinheit heilsame Kräfte. Doch zu ihren weißen Heilerinnen, wie sie genannt werden, die ja kulturell nicht zu ihnen gehören, sind sie erstaunlich offen. „Dadurch kann ich viel bewegen.“ Langsam, aber nur ganz langsam setzt ein Umdenken ein. Cornelia ist sich bewusst, dass sie nur ein Anstoß dazu geben kann.

Altes Wissen der Maasai

Im „Healing Center“ kommen nicht nur Methoden zum Einsatz, die in Europa geläufig sind. Die Ärztin greift auch auf Heilwissen der hier lebenden Volksstämme Maasai und Meru zurück. Seketek ist beispielsweise ein hochwirksamer Sud aus über 40 Kräutern, der den Körper entgiftet, ihn mit wichtigen Mineralien und Vitaminen versorgt und Malaria heilt. Die Zutaten dafür gibt es gratis in der Natur.

Weil mit altem Wissen gearbeitet und auch geforscht wird, gerät es nicht in Vergessenheit. „Viele Maasai halten immer noch daran fest, deshalb werden sie auch seltener krank. Weil sie wissen, dass ihr Land ein Kraftort ist. Aber der nur wirkt, solange man mit der Natur im Einklang lebt.“

Wir alle brauchen Heilung

Kommen Europäer nach Momella, bekommen auch sie die Wirkung des Kraftortes schnell zu spüren. So wie Christine Wallner unter ihrem Feigenbaum die Energie verliehen bekam, mit über 60 Jahren noch ein neues Projekt ins Leben zu rufen, merken Besucher, dass hier ebenfalls etwas mit ihnen passiert. Deshalb bieten Christine Wallner und ihre Tochter Gästen aus aller Welt Heilung an, besonders was seelische Blockaden, innere Neuausrichtung oder körperliche Entgiftung betrifft.

„Nicht jeder will das laute Tourismus-Karussell mitmachen, sondern braucht einen Platz, um neue Kraft zu tanken, alte Muster zu zertrümmern, um aus den Scherben etwas Neues zu erschaffen. Dabei möchte ich helfen“, sagt Christine Wallner. Für ihre Gäste stehen liebevoll eingerichtete Lodges bereit, von luxuriös bis ganz einfach. Die Erlöse aus den Unterkünften fließen direkt in das Projekt, wo sie wiederum der medizinischen Versorgung der Einheimischen zugute kommen.

„Ich glaube, dass es wieder mehr Menschen nach Afrika zieht, weil wir auch auf der Suche nach unserem Ursprung sind. Für manche ist das solch ein tiefgreifend Erlebnis, dass sie schon bei ihrer Ankunft weinen müssen, weil sich plötzlich irgendetwas löst. Wir alle brauchen Heilung.“

Ob man nun nach Momella kommt, um Impulse für neue Lebenswege zu suchen, sich durch die Massai-Medizin entgiften zu lassen oder einfach nur die wundervolle Natur zu erleben – eine Lektion wird jeder Gast mit nach Hause nehmen: im Hier und Jetzt sein. Jeden Tag zulassen. Egal, was morgen kommt. Etwas, bei dem uns die Einheimischen weit voraus sind.

Das Hilfsprojekt „Africa Amini Alama“ bietet professionelle Retreats an, die speziell für Gäste aus Industrieländern zugeschnitten sind. Mit den Einnahmen wird nicht nur die Krankenstation, sondern auch Schulen, Ausbildungswerkstätten und ein Waisenhaus finanziert. Dr. Christine Wallner hat über ihren Lebensweg und ihre Arbeit in Tansania eine bewegende Biografie geschrieben. Mama Alama: Die weiße Heilerin. Ich habe mein Leben in Afrika gefunden. ISBN: 978328005539. Infos und Buchung unter africaaminilife.com/de/heilung-erholung/

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