17.06.2018

Neue Form der Essstörung Orthorexie nervosa: Wenn gesund essen krank macht

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Wer sich krankhaft auf gesundes Essen konzentriert, läuft Gefahr, eine Orthorexie nervosa, also eine ernstzunehmende  Essstörung zu entwickeln.

Foto: iStock/Astarot

Wer sich krankhaft auf gesundes Essen konzentriert, läuft Gefahr, eine Orthorexie nervosa, also eine ernstzunehmende Essstörung zu entwickeln.

Wenn eine gesunde Ernährung zum Zwang wird, dann handelt es sich möglicherweise um die Essstörung Orthorexie nervosa. Aber was genau verbirgt sich dahinter? Erfahren Sie mehr zum Krankheitsbild, den Ursachen und Symptomen.

Viel Rohkost, vor allem Gemüse, Salat und Obst, 100% Bio-Qualität, kein Alkohol, kein Kaffee, kein Zucker und überhaupt, keinerlei verarbeitete Nahrungsmittel. Wenn Essen nur noch gesund sein darf und vermeintlich ungesundes Essen gemieden bzw. von einem schlechtem Gewissen begleitet wird, sprechen Experten mittlerweile von einer neuen Form der Essstörung: der Orthorexia nervosa.

Orthorexie nervosa: Die moderne Essstörung

Vielleicht kennen Sie das selbst: Sie haben begonnen, sich mit einer gesünderen Ernährung auseinander zu setzen oder machen vielleicht einfach eine neue Diät, die einen starken Fokus auf gesunde Lebensmittel setzt und plötzlich erscheinen Ihnen alle möglichen Nahrungsmittel und Produkte als ungesund, schlecht oder gar "böse"?

Angefangen von Süßigkeiten und Fast Food bis hin zu Weißmehlprodukten, Milch oder auch Fleisch. Das eine erzeugt Bluthochdruck, das andere kann Krebs fördern, der Blutzuckerspiegel wird aus dem Gleichgewicht gebracht und dick wird man auch noch. Was darf man da eigentlich noch essen?

Die Orthorexie geht in diese Richtung und zwar als Extrem. Der lateinische Begriff der Essstörung, mit dem ein "krankhaftes Gesundessen" gemeint ist, wurde Ende der 90er Jahre vom amerikanischen Mediziner Steven Bratman in Anlehnung an die Anorexie nervosa (Magersucht) geprägt. Bratman definiert die Orthorexia nervosa als übertriebenen Zwang ausschließlich gesundes Essen zu essen und "ungesundes" Essen strikt zu vermeiden. Während bei Magersucht der zwanghafte Fokus auf Kalorien und Gewicht liegt, so ist es bei Orthorexie der zwanghafte Fokus auf reine und gesunde Lebensmittel.

Von gesundem Essen zur Ersatzreligion: Wie kommt es zu einer Orthorexie?

Der zwanghafte Fokus, sich mit ausschließlich reinen und gesunden Lebensmitteln zu ernähren, kann bei manchen Menschen zu einer Art Ersatzreligion werden. Was zunächst mit einem losen Auseinandersetzen mit Ernährung, einer Diät oder auch Ernährungsumstellung beginnt, wird extrem, sobald man sich immer mehr "Verbote" auferlegt.

Vielleicht setzt man sich immer mehr mit Ernährungsthemen und Diäten auseinander und erhält mehr und mehr Informationen darüber, was gesund und ungesund sein soll. Sobald begonnen wird, sämtlichen Informationen Glauben zu schenken und sich ein Gerüst an "Geboten" daraus zu bauen, wie "Du darfst dies nicht …", "Du solltest das nicht …", "Das ist böse …". "Nur das ist gut …", wird das Verhalten krankhaft.

Betroffene sollen ein Gefühl von Unreinheit und Verschmutzung des Körpers verspüren, sobald sie vermeintlich ungesunde Nahrungsmittel zu sich nehmen. Gleichermaßen werden sie von extremen Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen geplagt, sobald sie "sündigen". Daher wird eine ungesunde Ernährung bei Orthorexie-Betroffnenen besser gleich tunlichst vermieden.

Angespornt werden soll das krankhafte Gesundessen zusätzlich von den Sozialen Medien, wie zum Beispiel Instagram. Hier entsteht oft das Bild, dass Nutzer sich vollkommen und zu 100% gesund ernähren, da sie ausschließlich diesen Teil ihres Essverhaltens in ihrem Profil präsentieren. Für andere kann dies jedoch ein Ansporn sein, es ihren Vorbildern gleich zu tun und sich ebenfalls 100% gesund zu ernähren.

Schnell stellt sich die Frage: Zöliakie, Laktose- oder Fruktoseintoleranz – haben sich Nahrungsmittelintoleranzen zur hippen Volkskrankheit entwickelt?

Typisches Anzeichen: Wie macht sich eine Orthorexie bemerkbar?

Wenn die Ernährung von strikten Regeln geprägt ist, eine extreme Einteilung in "gesund" und "ungesund" vorgenommen wird, die Liste an verbotenen "ungesunden" Lebensmitteln immer länger wird, lieber ganz auf Essen verzichtet wird anstatt etwas Ungesundes zu sich zu nehmen und nicht einmal kleine "Ausnahmen" erlaubt werden, kann dies bereits in die Richtung einer Orthorexie gehen.

Auch eine zwanghafte Beschäftigung mit gesundem Essen, die sich auf andere Lebensbereiche, wie Beziehung, Familie, Sozialleben oder Arbeit auswirkt kann aus Steve Bratmans Sicht für ein krankhaftes Gesundessen sprechen. Zu den Anzeichen für eine Orthorexie kommen außerdem die Verbindung zwischen innerem Frieden bzw. Selbstwert, der von einer gesunden Ernährung abhängig gemacht wird, sowie die Verurteilung anderer, wenn sie sich nicht nach gesunden Maßstäben ernähren.

Aber was sind eigentlich Zwangsstörungen? Erfahren Sie mehr über die "versteckten Krankheiten", an denen hierzulande mehr als zwei Millionen Menschen leiden.

Orthorexia nervosa: Die Diagnose ist nicht ganz unumstritten

Orthorexia nervosa ist zwar bei zahlreichen Experten, Medizinern und Psychologen bekannt. Es handelt sich dabei jedoch um keine offizielle Diagnose und tatsächlich ist das zwanghafte Gesundessen umstritten, da es bisher nur sehr wenige Studien und eindeutige Belege gibt.

Wenn Essen jedoch zum Mittelpunkt des Lebens wird, sich sämtliche Gedanken darum kreisen, es zwanghaft wird und gar zu sozialer Isolation führt, kann wahrscheinlich dennoch von einer Störung gesprochen werden.

Was lässt sich gegen Orthorexie unternehmen?

Vor der Frage, was gegen zwanghaftes Gesundessen hilft, sollte die Frage gestellt werden, inwieweit der Betroffene überhaupt ein Krankheitsbild darin erkennt. Schließlich ist es ja erstrebenswert sich gesund zu ernähren. Betroffene sollen sich als Vorreiter und Vorbild einer gesunden Ernährung sehen. Für sich selbst gesehen, machen sie alles richtig.

Wenn Sie jemanden kennen, bei dem Gesundessen zu einer extremen Fixierung, einem Zwang geworden ist, dann können Sie möglicherweise damit helfen, das Bewusstsein desjenigen für sein Essverhalten zu schärfen. Ohne denjenigen zu zwingen, sich "ungesünder" ernähren zu müssen, hilft es gegebenenfalls, ihn darauf hinzuweisen, milder und entspannter mit sich und seinem Essverhalten umzugehen.

Eine für die Psyche weit angenehmere Variante wäre die hier: Auf den eigenen Körper hören, keine Kalorien zählen, keine strengen Verbote, kein Verzicht – das ist das Ziel beim Abnehmen durch Achtsamkeit.

Fazit: Gesunde Ernährung erlaubt auch Ausnahmen

Sich mit gesunder Ernährung und naturbelassenen Lebensmitteln zu befassen ist das eine, einen Zwang daraus zu machen das andere. Denn krankhaftes Gesundessen, wie das bei Orthorexie der Fall ist, ist im ganzheitlichem Sinne nicht gesund, vor allem, wenn es zu einer Obsession und sozialer Isolation führt. Gesundes Essen beinhaltet nämlich nicht nur, gesunde Lebensmittel zu essen, sondern auch ein gesundes Essverhalten.

Eine gesunde und ausgewogene Ernährungsumstellung ist oft wirksamer, als sich zwanghaft Diäten aufzuerlegen. Praktische Tipps für den langfristigen Erfolg finden Sie in unserer "Natürlich Nadine"- Ernährungs-Kolumne. Sie glauben, eine Essstörung zu entwickeln und leiden unter Depressionen? Werfen Sie einen Blick auf unsere Themenseite.

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