20.01.2017

Unverträglichkeiten als Trend Nahrungsmittelintoleranz: Sind wir nur eingebildete Kranke?

Milch, Mehl, Nüsse: Manch einer kriegt schon beim Anblick dieser Lebensmittel einen Blähbauch. Alles nur Einbildung?

Foto: istock/KucherAV

Milch, Mehl, Nüsse: Manch einer kriegt schon beim Anblick dieser Lebensmittel einen Blähbauch. Alles nur Einbildung?

Sind Nahrungsmittelintoleranzen zu einem hippen Accessoire geworden? Oder sind wir einer besseren Ernährung und Lebensweise auf der Spur?

Ob im Restaurant oder im Supermarkt, überall hört man es: Laktoseintolerant, glutensensitiv, Nussallergie, vegan, vegetarisch... Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Nun kann man sich die Frage stellen: Gibt es all diese Allergien wirklich, oder bilden wir uns das nur ein?

Essen als Ersatzreligion

Dazu gab es eine Diskussionsrunde des Tagesspiegels, das sogenannte Trendfrühstück: "Vegan, laktosefrei, glutenfrei – Wird die Beschäftigung mit Ernährung zur Ersatzreligion?" Die Frage traf einen Nerv, denn so voll ist das Trendfrühstück selten. Der allgemeine Wortlaut lautete, dass wir aufgrund der großen Auswahl an Lebensmitteln, die uns zur Verfügung stehen, uns selbst Zwänge auferlegen.

Diese sollen die Komplexität mindern. Setzten früher die Familie und die Religion die Leitplanken, übernimmt heute oft die Ernährung die Leitplanken-Funktion. Gleichzeitig wird die Ernährung aber zu einer Art Unterscheidungsmerkmal: "Ich esse kein Gluten, das unterscheidet mich von dir."

Die Ernährung muss aber nicht mit einem gesundheitlich begründeten Verzicht einher gehen, sondern kann genauso in Nachhaltigkeitsgedanken begründet liegen.

Nicht immer bedarf es eines ärztlichen Attests, warum bestimmte Sachen nicht verzehrt werden. Nicht immer muss eine Krankheit zugrunde liegen, denn auch andere Überzeugungen können Auslöser für eine bestimmte Form der Ernährung sein. So wird die Ernährung zu einer Art Wertkonzept.

Wenn das Essen krank macht

Prinzipiell ist es jedem selbst überlassen, wie er oder sie sich ernährt, wenn aber soziale Kontakte aufgrund von selbst auferlegten Zwängen leiden, können die Weichen auf Essstörungen gestellt sein. Essstörungen sind nicht nur Bulimie oder Magersucht, sondern auch die Orthorexie. Geht es bei Bulimie und Magersucht um das "Wieviel", entscheidet bei der Orthorexie die Qualität. Hier scheiden sich aber die Meinungen: Ist Orthorexie nur eine Marotte, oder bereits die Vorstufe von Magersucht oder einer zwanghaften Essstörung?

Werden Freundschaften vernachlässigt, weil am verabredeten Ort das Essen nicht den engen Richtlinien entspricht oder ist eine Ausnahme von der Regel ohne heftige Gewissensbisse nicht mehr möglich, liegt eine zwanghafte Störung nahe.

Intoleranz, Sensibilität, Allergie - alles eins?

Die Begriffe Nahrungsmittelunverträglichkeitoder auch Intoleranz, eine Lebensmittelsensibilität und einer Allergie werden nahezu austauschbar verwendet.

Nun gibt es aber auch noch diejenigen, bei denen eine Unverträglichkeit oder auch Intoleranz vorliegt, zum Beispiel in Form der Zöliakie. Im Vergleich zu Allergien werden vom Körper bei einer Unverträglichkeit keine Antikörper produziert. Stattdessen ist der Körper nicht dazu in der Lage, die Proteine oder den Milchzucker aufzuspalten.

Bei der Laktoseintoleranz kann die Milch nicht aufgespalten werden, der Milchzucker bleibt stattdessen im Magen, in dem er anfängt zu Gären und Gas zu bilden. Das Ergebnis: Ein zum Teil schmerzhafter Blähbauch und Verdauungsstörungen. Das mag zwar nicht lebensbedrohlich sein, schränkt aber die Lebensqualität ein. Ein weiterer Aspekt, der derzeit diskutiert wird, ist der Zusammenhang zwischen Lebensmittelunverträglichkeiten und Mangelerscheinungen: Reagiert der Körper mit einer entzündlichen Reaktion auf bestimmte Inhaltsstoffe oder Lebensmittel, können die Darmzotten die Nährstoffe nicht mehr optimal aufnehmen.

Die Menge, die man von dem unverträglichen Lebensmittel verzehrt, entscheidet über die Heftigkeit der Symptome. Eine Ausnahme bilden Zöliakie und Sprue, die erblich bedingte Krankheiten sind und als tatsächliche Glutenunverträglichkeit bezeichnet werden. Diejenigen, die einen Blähbauch bekommen und bei denen lediglich das Wohlbefinden ein wenig beeinträchtigt ist, leiden eher an einer Glutensensibilität.

Im Unterschied zu Intoleranzen, bei denen die Menge des aufgenommenen Lebensmittels ausschlaggebend ist, erfolgt eine allergische Reaktion unabhängig von aufgenommenen Menge. Der Körper wird immer auf ein Allergen reagieren. Allergien sind überdies eine Reaktion des Immunsystems, das ist eine Intoleranz nicht. Bei Allergien reagiert der Körper meist auf bestimmte Proteine, während es bei einer Laktoseintoleranz etwa der Milchzucker ist, der Probleme bereitet.

So vermeiden Sie einen Blähbauch:

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Das sind blähende Lebensmittel

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Hatten wir schon immer diese Probleme?

Nun mag man sich fragen, wie die Menschen vor 50 Jahren gelebt haben und ob sie diese Zipperlein nie hatten. Getreide hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert, so ist Weizen mittlerweile eine Zucht, die fast ausschließtlich aus dem Klebeeiweiß besteht. Auch die Zubereitung von Speisen unterscheidet sich maßgeblich zu der von vor 50 Jahren. Auch unsere Ansprüche an Ernährung haben sich verändert. Essen iust nicht mehr nur dazu da satt zu machen. Wir möchten mit Ernährung unser Wohlbefinden steuern und unserer Gesundheit Gutes tun. Anders sind auch aktuelle Trendwellen um sogenannte Superfood nicht zu erklären.

Auch die Zeit, die Lebensmitteln gegeben wird, hat sich verändert. Ist der Anspruch heute oft, dass es schnell gehen muss, steht dies im Widerspruch zu Lebensmitteln, die Zeit brauchen. Nehmen wir zum Beispiel ein Sauerteigbrot. Echtes Sauerteigbrot braucht nur wenige Zutaten, aber viel Zeit. Zeit kostet und ist daher ein Faktor, an dem gern gespart wird. Doch wie Paul Seelhorst, der Veranstalter der Paleo Convention erklärte: "Echtes Sauerteigbrot ist meist unproblematisch, da durch den natürlichen Fermentierungsprozess die Proteine im Mehl aufgebrochen werden und somit besser verdaulich sind." Sind unsere Glutensensibilitäten und andere Empfindlichkeiten hausgemacht, weil wir unseren Lebensmitteln, und uns, keine Zeit mehr geben?

Gesellschaftliche Wahrnehmung

Sind wir eine Gesellschaft voller Hypochonder? Müssen wir uns mehr Hobbies suchen, um nicht vor Langeweile noch mehr Scheinkrankheiten zu entwickeln? Ist man nur noch hipp, wenn man irgendetwas vom Speiseplan streicht? Schaut man sich eine aktuelle Umfrage von Statista im Auftrag der Techniker Krankenkasse an, könnte durchaus der Eindruck entstehen: In den vergangenen drei Jahren hat sich die Zahl der Laktoseintoleranten verdoppelt.

Ganz so einfach ist es aber auch nicht. Es gibt ja tatsächlich das Krankheitsbild der Glutenunverträglichkeit. Jeder hat auch das Recht auf Wohlbefinden und einer Selbstbestimmung bei der Auswahl des Ernährungsweges. Das macht einen nicht zum Scheinkranken. Vielmehr handelt es sich um eine bewusste Entscheidung zugunsten des Wohlbefindens oder der Nachhaltigkeit. Trotzdem gibt es oft die Reaktion, dass falls jemand auf etwas verzichten möchte, und sei es "nur" Fleisch, zunächst mit den Augen gerollt wird. Man macht sozusagen Umstände.

Anders wird das zum Beispiel in Skandinavien gelebt, wo einem im Restaurant viel häufiger die Optionen auf glutenfreie, vegane, vegetarische oder laktosefreie Kost gegeben wird. Auch Supermärkte sind mit "Spezialnährung" besser aufgestellt. Sucht man in deutschen Supermärkten in den untersten, hintersten Regalen nach einer winzig-kleinen Auswahl diätischer Lebensmittel, gibt es in Schweden ganze Regalwände.

Ein wenig anders wird reagiert, wenn man beweisen kann, dass eine Unverträglichkeit oder Allergie vorliegt, allen voran die oftmals kritische Erdnuss-Allergie. Aber steht nur jemandem mit ärztlichen Attest eine Selbstbestimmung des Ernährungsweges zu?

Warum führt die Selbstbestimmung bei der Ernährung zu Anfeindungen?

Wir genießen sehr viele Freiheiten. Lebensmittel aus weit entfernten sind im lokalen Supermarkt verfügbar. Anstatt alles in Hülle und Fülle zu genießen, legen wir uns selbst Regeln auf. Auch der Anspruch an Lebensmittel ist gewachsen. Nur satt werden reicht nicht mehr, sie müssen uns gesund, wenn nicht sogar gesünder machen.

Außerdem möchte jeden seinen Weg gehen und sich unter anderem über die Ernährung individuell abheben. Das Thema "Essen" ist emotional geworden. Schaut man sich nur einmal die Kommentare unter veganen Rezepten oder Kochbüchern an, liest man viel Angst heraus. Doch wovor? Weil jemand anderes sich dazu entschlossen hat etwas wegzulassen?

Beim Trendfrühstück kam die Frage auf: "Ist eine rigide Auseinandersetzung mit Essen wirklich problematisch? Oder brauchen wir nicht ein rigides Umdenken, um unsere aktuellen Probleme anzugehen?" Die Frage blieb offen.

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