20.10.2016

INTERVIEW Vegane Lebensführung: Von der Ernährung bis zur Kosmetik

Jess veröffentlicht seit 2013 auf ihrem YouTube-Kanal regelmäßig Videos über vegane Kosmetik, Rezepte und den veganen Lebenswandel.

Foto: JessVeganLifestyle

Jess veröffentlicht seit 2013 auf ihrem YouTube-Kanal regelmäßig Videos über vegane Kosmetik, Rezepte und den veganen Lebenswandel.

Jess von JessVeganLifestyle hat sich auf die Fahne geschrieben, offen und ehrlich mit ihren Youtube-Zuschauern umzugehen und für den veganen Lebenswandel zu begeistern.

In Zeiten, in denen man kaum noch zwischen versteckter Werbung, tatsächlicher Werbung und ehrlichen Meinungen unterscheiden kann, ist es erfrischend auf Vlogger wie Jess zu stoßen, die den YouTube-Kanal JessVeganLifestyle mit Leben füllt. Sie deklariert Werbung ganz klar als solche, lässt sich ihre Meinung nicht nehmen und stellt die Ehrlichkeit gegenüber ihren Zuschauern an oberste Stelle.

Alles dreht sich um den veganen Lebenswandel, dabei ist sie jedoch nicht dogmatisch oder belehrend, sondern möchte mit spannenden Informationen und Rezepten inspirieren. Ihre ständig wechselnden Haarfarben sorgen für eine gehörige Portion Farbe im Kanal. Wir haben Sie zum Gespräch getroffen.

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bildderfrau.de: In Deutschland hat der vegane Lebenswandel teilweise ein noch etwas eingestaubtes Image, während im Ausland Veganismus schon im coolen Mainstream angekommen ist. Warum, glaubst du, ist das so?

Jess: Ich denke, dass wir in Deutschland noch sehr festgefahren sind. Zu jeder Mahlzeit gehört ein gutes Stück Fleisch, ein Leben ohne Käse ist unvorstellbar und auch Eier sind Teil eines jeden guten Sonntagsfrühstücks.

Früher war Fleisch ein Luxusgut, welches Familien sich vielleicht einmal in der Woche leisten konnten. Seit Jahren werden die Produkte immer billiger, sind für jeden in Massen erhältlich und zum Hauptbestandteil jeder Mahlzeit geworden, die man dann noch mit etwas Gemüse und Sättigungsbeilagen ergänzt. Aus diesen Angewohnheiten auszubrechen scheint in Deutschland recht schwierig zu sein, wobei es doch so viel Spaß macht, Neues zu entdecken.

Was war bei dir der Auslöser vegan zu leben?

Ende 2012 scrollte ich durch meinen Facebook-Feed und sah unfassbar grausame und blutige Bilder vom Walfang in Japan, sodass mir wirklich der Appetit auf Fleisch vergangen ist. Mir wurde erstmals wieder wirklich bewusst, wo Fleisch eigentlich herkommt und mit wieviel Leid es verbunden ist. Leider verdrängen Menschen, wie auch ich, nur allzu gerne. Ich habe dann erstmal kein Fleisch, sondern nur noch die Beilagen gegessen und gemerkt, dass es mir eigentlich nicht fehlt.

Mit 15 Jahren habe ich bereits ein paar Monate vegetarisch gelebt und 2012 erneut beschlossen, es nochmals zu versuchen. Zwei Monate des vegetarischen Daseins vergingen, als ich, soweit ich weiß ebenfalls bei Facebook, auf vegane Ernährung aufmerksam wurde. Bis dahin dachte ich, wie viele, dass für Milch und Eier keine Tiere leiden müssten und diese Produkte ja immer zur Verfügung stünden. Ich hatte mich getäuscht und erfuhr aus lauter Langeweile in den Semesterferien, welches Leid die Milchproduktion eigentlich mit sich bringt und dass auch für Eier Tiere sterben müssen.

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Daraufhin beschloss ich im November 2012 erstmal zuhause nur noch vegan zu essen und vielleicht außerhalb Ausnahmen zu machen. Dazu kam es allerdings nie, da ich es wirklich durchziehen wollte. Wenige Wochen später fragte ich mich auch, was mit Kosmetik sei und ob tierische Inhaltsstoffe enthalten waren. Nach vielen Recherchen fand ich dann auch einige Marken, die tierversuchsfrei sind und ebenfalls vegane Produkte anbieten, sodass ich alte Kosmetik aussortiere und verschenkte und danach nur noch vegane Produkte kaufte.

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Was wird dir am häufigsten gesagt, wenn du erzählst, dass du Veganerin bist?

Meistens fangen die Leute an sich zu rechtfertigen – sie könnten das nicht, dann kann man gar nichts mehr essen, sie brauchen ihr Stück Fleisch oder sie beteuern, dass sie nur ganz selten Fleisch und wenn dann vom Bio-Bauern essen. Oft wird auch Verständnis für Vegetarismus aufgebracht, Veganismus sei aber viel zu extrem, da für Milch und Eier schließlich keine Tiere leiden würden.

Oder sie machen sich darüber lustig, dass Veganismus unsinnig sei, sich nichts dadurch ändern würde und man letztlich einen Vitamin- und Eiweißmangel bekäme. Manchmal kommt es jedoch auch vor, dass meine Mitmenschen echtes Interesse für meine Beweggründe zeigen und mir einige Fragen stellen, die ich dann natürlich gerne und offen beantworte.

Bei der ersten Umstellung auf vegan, was hat sich körperlich für dich verändert?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht sehr darauf geachtet habe, da meine Beweggründe ethischer Natur waren. Im Nachhinein kann ich jedoch sagen, dass meine Verdauung besser geworden ist, ich weniger Heißhunger habe und ich nach den Mahlzeiten fitter und nicht so träge wie zuvor bin.

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Gibt es ein Lebensmittel oder ein Gericht, das du vermisst?

Ich muss sagen, dass das einzige vermutlich das hartgekochte Ei ist, da es dafür noch keinen entsprechenden Ersatz in veganer Form gibt. Ansonsten vermisse ich lediglich ab und zu gewisse Süßigkeiten, die ich in meiner Kindheit sehr gerne gegessen habe. Da aber die Auswahl an veganen Süßigkeiten immer größer wird, rückt das mehr und mehr in den Hintergrund.

Veganes Leben bedeutet ja nicht nur eins zu eins nicht-vegane Lebensmittel nachzubauen bzw. zu imitieren mit Fleischersatzprodukten oder ähnlichen. Aber gibt es ein Ersatzprodukt, das du nicht missen möchtest?

Das ist bei mir recht eindeutig Tofu – insbesondere Räuchertofu. Dieser eignet sich wunderbar als Speck-Ersatz in Spaghetti Carbonara, gebraten auf Sandwiches oder je nach Produkt auch als Antipasti in Salaten. Generell ist auch normaler Tofu unfassbar vielseitig, obwohl es leider bei vielen einen schlechten Ruf hat.

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Was hat dich in deinen Jahren der Recherche am meisten überrascht, dass es nicht vegan ist bzw. im regulären Handel nicht als vegane Version erhältlich ist?

Ich denke das ist das Bienenwachs, welches bei unglaublich vielen Kosmetikprodukten als auch Süßigkeiten eingesetzt wird. Bei Kosmetikprodukten wie Wimperntusche sorgt es für Haltbarkeit, bei den meisten Süßigkeiten wie Lakritz oder anderen gummiartigen Süßigkeiten als Überzugsmittel für Glanz. Zusätzlich wird bei diesen Süßigkeiten auch Caranubawachs verwendet, welches pflanzlich ist. Ich habe mich seither gefragt, wieso man Süßigkeiten wirklich mit Bienenwachs überziehen muss, damit sie stärker glänzen und wieso man dies einfach nicht nur durch Caranubawachs erreichen kann?

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Als Blogger und Vlogger sich selbst treu zu bleiben, wenn große Firmen mit dem Geld winken, kann schwierig sein und du beziehst dazu auch klare Stellung. Warum hast du beschlossen so offen und ehrlich mit deinen Abonnenten umzugehen, anstatt dich an deiner Reichweite zu bereichern?

Ich habe mit der Veröffentlichung von YouTube-Videos begonnen, um Leuten eine Einstiegshilfe in den Veganismus, insbesondere vegane Kosmetik, zu bieten. Da der Dschungel an verfügbaren Produkten sehr undurchsichtig ist und die meisten Blogger nur auf große Marken anstatt Tierversuchsfreiheit und pflanzliche Inhaltsstoffe setzen, habe ich beschlossen das Blatt einmal zu wenden. Meiner Meinung nach liegt der Grundbaustein eines YouTube-Kanals darin auf Zuschauer einzugehen, sie zu schätzen und stets ehrlich mit ihnen zu sein.

Ohne treue Zuschauer und deren ehrliches Feedback sind die Videos bedeutungslos. Daher war mir von Beginn an klar, alle Kooperationen stets offen zu kennzeichnen und auch nur Kooperationen mit Firmen auszuwählen, hinter denen ich 100%ig stehen kann (besonders im Punkt Tierversuche und vegane Inhaltsstoffen). Zusätzlich soll eine Zusammenarbeit auch den Zuschauer bereichern – durch neuen Input und ehrlichen Empfehlungen von Produkten, die mir wirklich gefallen.

Gerade deine Videos zum Arztbesuch und zur Darmgesundheit sind extrem persönlich und geben sehr enge Einblicke in deine Gesundheit. Das finde ich sehr mutig, da man im Netz schnell angefeindet werden kann, wenn man zu viel Angriffsfläche bietet. Warum machst du das trotzdem und gibst so viel von dir Preis?

Ich möchte viele Dinge, die mich beschäftigen, auf meinem Kanal thematisieren, da ich mir immer wünsche meine Zuschauer zu inspirieren und vielleicht auf neue Ideen zu bringen. Und dies sind auch oft Themen, die jeden beschäftigen sollten, obwohl fast niemand darüber redet – wie beispielsweise Darmgesundheit. Ich möchte meine Erfahrungen und neuen Kenntnisse mitteilen in der Hoffnung, dass meine Zuschauer vielleicht auch etwas für sich mitnehmen können.

Das Feedback meiner Zuschauer zeigt auch, dass sie es sehr schätzen, dass ich selbst vermeintliche Tabu-Themen anspreche. Negatives Feedback kommt dabei fast nie. Das Video zum Arztbesuch war mir auch wichtig um zu zeigen, dass vegane Ernährung durchaus gesund ist, ich wollte aber ebenfalls darauf aufmerksam machen, dass es gewisse Vitamine gibt, auf die man ein besonderes Augenmerk legen sollte.

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Gibt es für dich überhaupt etwas wie Tabuthemen?

Ich würde fast sagen, nein. Das kommt aber sicher auch auf die Definition an. Ich thematisiere auch gerne Dinge wie Verhütung, Menstruation oder Darmgesundheit, da diese Sachen einfach zum Leben dazu gehören und es für mich keinen Grund gibt sie zu verschweigen, da schließlich jeder damit in Berührung kommt. Der erste Eindruck für viele ist da sicherlich schockierend, da fast keiner über solche Dinge redet. Im Endeffekt denke ich doch, dass gerade diese Leute froh sind, dass endlich mal einer offen darüber redet und einem vielleicht noch einen nützlichen Rat mit auf den Weg geben kann.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Das ist eine schwierige Frage, da ich – abgesehen von meinen Videos und Beiträgen – wenig vorausplane. Jedoch würde ich in Zukunft gerne reisen, mehr von der Welt sehen und einfach mit dem, was ich tue glücklich sein und andere weiterhin inspirieren. In welcher Form dies allerdings sein wird, steht noch in den Sternen.

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