02.03.2017

"Slow Slim": Sanft Abnehmen Radikaldiäten verändern das Gehirn

Merke: Die Diät sollte Ihnen nicht den Verstand kosten.

Foto: iStock/Dmitry Fisher

Merke: Die Diät sollte Ihnen nicht den Verstand kosten.

Radikaldiäten können ein ständiges Hungergefühl hervorrufen. Was das mit der Steinzeit zu tun hat, verrät uns die Neurochirurgin Dr. Iris Zachenhofer.

bildderfrau.de: Hallo Frau Dr. Zachenhofer, Sie sind Psychiaterin und Neurochirurgin. Warum beschäftigen Sie sich mit Diäten, Abnehmplänen und Jojo-Effekten?

Iris Zachenhofer: Weil Abnehmen im Kopf beginnt und nur klappen kann, wenn wir auch die Funktionen unseres Gehirns berücksichtigen.

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In ihrem neuen Buch „Slow Slim“ warnen Sie und Ihre Kollegin, die Neurochirurgin Marion Reddy, deshalb auch vor Radikaldiäten. Was macht denn eine Radikaldiät aus?

Unter einer Radikaldiät verstehen wir eine Diät, bei der es in kurzer Zeit zu einer hohen Gewichtsabnahme kommt. Hauptgrund einer Radikaldiät ist die Gewichtsreduktion, im Gegensatz zu Fastenkuren, wo eher spirituelle oder religiöse Gründe eine Rolle spielen.

Richtig gefährlich wird es bei einer Gewichtsabnahme von mehr als zehn Prozent des Körpergewichts. Der Körper ist dann in einen extremen Alarmzustand versetzt und macht alles, um die verlorenen Kilos wieder zurückzubekommen. Das hat evolutionäre Ursachen, eine schnelle Gewichtsreduktion wäre in der Steinzeit lebensgefährlich gewesen.

Schutzmechanismen aus der Steinzeit

So sehr man sich also auch anstrengt, seine Abnehmziele zu erreichen – das Gehirn macht uns einen Strich durch die Rechnung. Wieso ist das so und was hat die Steinzeit damit zu tun?

Es wurden Studien durchgeführt, bei denen die Hormonspiegel der Versuchsteilnehmer vor und nach einer Radikaldiät bestimmt wurden: Dabei war das Hungerhormon Ghrelin nach der Diät um durchschnittlich 25 Prozent erhöht verglichen zu vor der Diät. Das Sättigungshormon Leptin hingegen war bei allen Versuchsteilnehmern massiv abgesunken. Dadurch hatten die Versuchsteilnehmer ein viel stärkeres Hungergefühl als vor der Diät. Das haben auch psychologische Tests untermauert.

Nach einer Radikaldiät kommt es auch zu einem Absinken des Glückshormons Serotonin. Dadurch sinkt unsere Stimmung in den Keller, unsere Lust nach Zucker und Tryptophan, der Vorstufe von Serotonin steigt dagegen an. Beides ist in Schokolade enthalten.

Andere Studien haben auch die Funktion des Belohnungssystems und des präfrontalen Cortex, unseres Vernunftshirns untersucht: Wenn Versuchsteilnehmer nach einer raschen Gewichtsreduktion im funktionellen MRT waren, sahen die Forscher, dass das Belohnungssystem beim Anblick von gutem Essen viel aktiver war, verglichen zu vor der Gewichtsabnahme. Das Vernunftshirn war aber viel weniger aktiv. Die Forscher konnten damit beweisen, dassnach einer Radikaldiät beim Anblick von Speisen die Lust am Essen viel höher ist und das vernünftige Denken viel schwächer ist als vor der Diät.

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Haben diese neurologischen Prozesse langfristige Folgen?

Diese neurologischen Veränderungen verschwinden nicht einfach von selbst. Die einzige Möglichkeit ist, die Neurochemie und Funktionen des Gehirns wieder zu stabilisieren und auf eine Art und Weise abzunehmen, die uns gut tut und Spaß macht und wo in keiner Sekunde das Gefühl der Enthaltsamkeit oder des Verzichts entsteht.

Sanftes Abnehmen für langfristige Erfolge

Sie schlagen also ein „sanftes“ Abnehmen vor, für das man sich etwa ein Jahr Zeit nehmen sollte. Was sind die Grundzüge dieses „sanften“ Abnehmens?

Unser Programm entspricht eher einem Spiel, bei dem man in jedem Monat etwas sehr spielerisch neu erlernt. Wir haben die einzelnen Monate, die man durchschreitet, daher auch „Levels“ bezeichnet, ähnlich wie in einem Computerspiel. Je weiter man kommt, umso einfacher und selbstverständlicher sind die ersten Levels.

Wir können unser Leben nicht von heute auf morgen verändern, egal wie hoch unsere Motivation ist. Jedes neue Verhalten muss solange geübt werden, bis es automatisch funktioniert. Dann ist es in den sogenannten „Basalganglien“ abgespeichert. Und um diese Veränderungen sanft zu erlernen, hat man in unserem „Slow Slim Spiel“ für jede Veränderung einen Monat Zeit.

Das Gehirn darf nie das Gefühl bekommen, dass ihm etwas vorenthalten wird oder dass es zu einer großen Veränderung kommt. Unser Gehirn möchte prinzipiell keine Veränderung unseres Lebensstils. Denn das benötigt zusätzliche Energie und es will gut mit der Energie haushalten.

Austricksen können wir das Gehirn nur, indem wir alle neuen Verhaltensweisen in Ruhe und ohne Druck üben. Dann werden die alten Gewohnheiten quasi überspielt. Denn löschen können wir sie nicht einfach so, auch wenn uns manche Fitnessgurus das immer weismachen wollen.

Wir können zum Beispiel nicht von einem Tag auf den anderen unsere Schlafgewohnheiten ändern, so sehr wir das vielleicht auch möchten. Das benötigt einfach Zeit. Zeit ist überhaupt einer der wichtigsten Faktoren in unserem Programm. Es gibt ja auch schon Studien, die zeigen, dass Zeit für die Menschen so etwas wie ein neues Statussymbol wird, noch vor Handys oder neuem Tablet.

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Abnehmen wird durch viele Faktoren beeinflusst

Eine wichtige Essenz ihres Buches lautet „Übergewicht kommt nicht nur vom Essen“. Wie meinen Sie das?

Es gibt einige äußere Faktoren, die unser Gewicht stark beeinflussen können: Durch Stress zum Beispiel kommt es zur Ausschüttung von Stresshormonen, die den Appetit steigern, das Abnehmen hemmen und dafür die Fettablagerung im Gesicht und am Bauch begünstigen. Wenn wir zu wenig schlafen, sinken die Stresshormone auch nicht ausreichend ab. Dann ist das Abnehmen auch deutlich erschwert.

Welche Rolle spielt Sport?

Wir orientieren uns in unserem Slow Slim Spiel daran, wie Kinder Bewegung machen: Kinder machen nur Bewegung, die ihnen Spaß macht, man muss sie nicht antreiben oder damit drohen, dass es ungesund ist sich nicht zu bewegen.

Ich glaube, dass Sport nur auf einer emotionalen Ebene funktioniert, indem wir entdecken oder wiederentdecken, welche Art von Bewegung uns Freude bereitet. Die meisten von uns waren als Kind sehr aktiv, sind Rad gefahren oder auf Bäume geklettert. Dieses „innere Kind“ gilt es in uns wieder zu entdecken, denn durch Schulen, sitzende Tätigkeiten und so weiter haben wir es vergessen. Es ist aber noch in uns.

Wir empfehlen lustige Bewegungen, Spaziergänge in der Natur, Eis laufen, Schlitten fahren, Schwimmen, Wasserrutschen herunter rutschen, auf Luftmatratzen paddeln, Blumen pflücken, Ballspiele oder Federball spielen . Einfache, naturverbundene Bewegungen, Bewegungen, die wir schon können und wofür wir uns nicht extra irgendwo anmelden oder einschreiben müssen. Es ist zusätzlich auch bewiesen, dass Bewegung im Freien viel glücklicher macht als in Hallen.

Inwiefern ist die Jahreszeit für's Abnehmen ausschlaggebend?

Im Sommer bilden wir durch die Sonne mehr von dem Glückshormon Serotonin, das unsere Stimmung verbessert. Gleichzeitig ist es auch viel einfacher, sich gesund zu ernähren, da es reifes, regionales Obst und Gemüse in Hülle und Fülle gibt. Es ist wahrscheinlich einfacher, im Sommer abzunehmen, aber das bedeutet ja nicht, dass es über den Winter nicht ebenso klappen kann.

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Das Auge isst mit – inwiefern ist das wichtig?

Das Glückshormon Dopamin wird sehr stark durch sehr süßes und fettes Essen gebildet. Am stärksten wird es aber gar nicht durch das eigentliche Essen gebildet, sondern durch die Vorfreude darauf. Je schöner wir Nahrung dekorieren und zubereiten, je mehr wir uns dafür Zeit nehmen vor dem eigentlichen Essen, umso mehr Glückshormone bilden wir schon vor dem ersten Bissen.

Abnehm-Mythen

Welches sind die größten Abnehm-Mythen?

Dass man dauerhaft schnell abnehmen kann. Das klappt niemals. Das Gehirn hat etwas dagegen. Die Menschheit hätte nicht so lange überleben können, wenn der Körper bei einem drohenden Gewichtsverlust nicht alle Register ziehen würde, um sofort wieder zuzunehmen.

Ein weiterer Mythos ist, dass man abnehmen kann, wenn man sich quält. Auch das funktioniert nicht lange, denn das Belohnungssystem in unserem Gehirn möchte Genuss und lässt sich dauerhaft nicht unterdrücken.

Aber ganz ohne Verzicht geht es doch auch nicht, oder?

Wir plädieren dafür, bestimmte Nahrungsmittel durch bessere zu ersetzen: Durch bessere Qualität und mehr Regionalität. Süßigkeiten können durch Selbstgebackenes ersetzt werden. Und in unserem Programm trainiert man auch, wieder mehr zu genießen: Sich Zeit nehmen, gemeinsam mit Freunden oder der Familie in einem schönen Ambiente zu essen und seine Speisen liebevoll zuzubereiten.

Ein Verzichtgefühl sollte dabei auf keinen Fall aufkommen, ganz im Gegenteil!

Wiegen oder nicht Wiegen?

Wir empfehlen tägliches Wiegen, mit dem Hintergrund, einerseits die Wirkung von verschiedenen Nahrungsmitteln auf unseren Körper kennen zu lernen. Anderseits aber auch, um schnell einmal gegenregulieren zu können, wenn das Gewicht nach einer Schlemmerei angestiegen ist.

In Studien kam es bei Versuchsteilnehmern ohne bewusste und geplante Änderung des Essverhaltens nur durch das tägliche Wiegen innerhalb eines Jahrs zu einer durchschnittlichen Abnahme von 10 Prozent des Körpergewichts. Bewusst haben die Teilnehmer ihre Nahrung nicht verändert, unbewusst aber auf jeden Fall.

Wer sollte Ihr Buch lesen?

Unser Buch ist für jeden interessant. Natürlich für Menschen, die mit viel Genuss abnehmen möchten, aber auch für alle, die sich für die Funktionsweise des Gehirns interessieren.

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