17.08.2010

Übergewicht - werden die Weichen schon vor der Geburt gestellt?

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Ursachenforschung bei Übergewicht betreibt die Wissenschaft auf vielen Gebieten. Neuere Untersuchungen konzentrieren sich auf die Schwangerschaft und die möglichen Folgen auf den späteren Gewichtsverlauf des Kindes.

Pränatale Prägung

Verändert sich in einer bestimmten Phase der Schwangerschaft die Nährstoffzufuhr der Mutter, hat dies auch Auswirkungen auf das ungeborene Kind. So kann sich sowohl die Struktur als auch Funktion von Genen, Zellen, Geweben und Organen verändern.

Überversorgung während der Schwangerschaft

Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass Neugeborene, die mit einem sehr hohen Geburtsgewicht (> 4.500 g) zur Welt kommen, einem deutlich erhöhten Risiko ausgesetzt sind, übergewichtig zu werden. Dies trifft vor allem dann zu, wenn das hohe Geburtsgewicht durch eine zu hohe Energiezufuhr der Mutter in der Schwangerschaft bedingt ist.

Neugeborene mit einem normalen Körpergewicht (2.500 - 4.499 g) haben als Erwachsene im Schnitt einen niedrigeren BMI (Body Mass Index: Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts).

Ein wesentlicher Grund für ein hohes Geburtsgewicht ist ein zu hohes Gewicht der Mutter während der Schwangerschaft. Viele Schwangere wiegen jedoch bereits vor der Schwangerschaft zu viel.

Übergewicht regt die Insulinproduktion an. Da Insulin neben seiner blutzuckersenkenden Wirkung auch als Wachstumshormon fungiert, führt eine hohe Insulinkonzentration zu einem gesteigerten Wachstum des Fetus und somit zu einem erhöhten Geburtsgewicht.

Ein weiterer Grund ist auch eine häufig nicht entdeckte Glucoseintoleranz der Schwangeren. Diese kann durch einen Test beim Gynäkologen diagnostiziert und entsprechend behandelt und kontrolliert werden.

Die genauen Faktoren, die dazu führen, dass ein Baby mit einem hohen Geburtsgewicht auch ein übergewichtiger Erwachsener wird, sind bis heute nicht klar.

Vermutet wird zum Beispiel, dass eine energetische Überversorgung des Fetus zu einer Veränderung des Hypothalamus führt, welcher unter anderem für die Appetitregulation des Kindes verantwortlich ist.

Trotzdem sollte eine Frau, die bereits vor ihrer Schwangerschaft übergewichtig war, während der Schwangerschaft keinesfalls eine Diät durchführen. Die allgemeinen Empfehlungen gehen lediglich dahin, dass die Gewichtszunahme während der Schwangerschaft moderat sein sollte.

Gewichtszunahme während der Schwangerschaft

BMI vor der Schwangerschaft:

empfohlene maximale Gewichtszunahme

in der Schwangerschaft (in kg):


Untergewicht (BMI < 19,8)

12,5 - 18


Normalgewicht (BMI 19,8-26,0)

11,5 - 16


Übergewicht (BMI > 26,0-29,0)

7 - 11,5

Unterversorgung während der Schwangerschaft

Erstaunlich scheint die Tatsache, dass auch Neugeborene mit niedrigem Geburtsgewicht (<2.500 g) ein erhöhtes Risiko haben, an Übergewicht zu erkranken.

Ein wesentlicher Grund für ein geringes Geburtsgewicht kann die Unterversorgung des Fetus durch eine schlecht arbeitende Plazenta, zum Beispiel durch Rauchen oder Alkoholkonsum der Mutter sein.

Auch hier ist der genaue Grund für die spätere Entwicklung von Übergewicht nicht bis ins letzte geklärt. Die Wissenschaftler verfolgen im Wesentlichen zwei Thesen.

So wird zum einen vermutet, dass die fetale Minderversorgung Auswirkungen auf den Stoffwechsel des Ungeborenen hat und es zu rascher und reichlicher Energiespeicherung neigt.

Zum anderen könnte es auch sein, dass die schnelle Gewichtszunahme nach der Geburt ein Grund für die Entwicklung von Übergewicht ist. So ist es wahrscheinlich ratsamer, das Untergewicht des Säuglings langsam auszugleichen, anstatt auf eine sehr schnelle und starke Gewichtszunahme zu setzen.

Erwachsene, die mit einem sehr niedrigen Geburtsgewicht zur Welt kamen, haben im Vergleich zu Menschen mit einem normalen oder hohen Geburtsgewicht häufig eine abdominale Fettverteilung. Das bedeutet, dass das Fett vor allem am Bauch sitzt. Das Risiko für z. B. Herz-Kreislauferkrankungen ist bei dieser Fettverteilung sehr hoch.

Fazit

Heute ist klar, dass die Phase der Schwangerschaft einen wesentlichen Einfluss auf das ganze Leben und im Besonderen auf Gesundheit und Krankheit des Kindes hat. Sowohl ein sehr geringes Geburtsgewicht durch eine Unterversorgung an Nährstoffen im Mutterleib als auch ein sehr hohes Geburtsgewicht durch eine Überversorgung führen häufig zu Übergewicht des Erwachsenen und damit verbunden zu einem erhöhten Krankheitsrisiko.

Werdende Mütter sollten sich von Anfang an nach bestem Wissen ernähren und auf eine ausgewogene Kost achten.

Für alle, die sich beim Abnehmen schwer tun, können diese neuen Erkenntnisse auch bedeuten, dass bei Vorliegen der oben genannten Bedingungen durchaus eine gewisse Veranlagung zu Übergewicht bereits im Mutterleib angelegt wurde.

Trotzdem ist der Kampf gegen die Pfunde nicht aussichtslos. Mit einer gesunden Ernährung und ausreichend Bewegung können auch zu Übergewicht neigende Kinder zu normalgewichtigen Erwachsenen werden.


Quellen:

1. Frauenklinik Uni Jena: Optimale Gewichtszunahme während der Schwangerschaft
2. Pharmazeutische Zeitung, D. Knopf: „Angeboren, aber nicht vererbt" Berlin 2003
3. Ernährungs-Umschau: „Metabolische Prägung" 12/2003
4. Ernährungs-Umschau: Pränatale Prägung des Stoffwechsels 07/2008

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