17.08.2010

Ist “Dicksein” reine Erziehungssache?

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Nicht nur die Gene sind daran schuld, dass viele übergewichtige Kinder auch als Erwachsene noch zu viel Gewicht mit sich herumtragen. Viele Verhaltensweisen liegen in der Kindheit begründet. Jedoch kann man auch als Erwachsener "richtiges Essen" wieder lernen.

Das gesamte soziale Umfeld (Land, Kultur, Religion, Einkommen etc.) formt das Essverhalten in der Kindheit für ein ganzes Leben. Im Kindergarten, in der Schule, im Elternhaus, bei Freunden - überall schauen sich Kinder ab, wie und was gegessen wird und prägen daraus ihr eigenes Ernährungsverhalten.

Gut gemeinte Weisheiten von gestern und vorgestern

Sprüche wie “was auf den Tisch kommt, wird gegessen”, “nur wenn der Teller leer ist, scheint morgen die Sonne” oder “nichts wegwerfen, in Afrika hungern Menschen” verankern sich tief in unserem Unterbewusstsein. Somit beeinflussen sie unser Essverhalten und damit unser Gewicht als Erwachsene.

Eltern und Großeltern in der Nachkriegszeit hatten ihre Gründe, dafür zu sorgen, dass ohne Murren und Knurren gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Während das dick beschmierte Butterbrot und das “Teller leer essen” in Zeiten der Nahrungsknappheit noch sinnvoll waren, liefern diese Gewohnheiten in der heutigen Überflussgesellschaft zu viele Kalorien. Nahrung ist heutzutage für die meisten Menschen ständig und überall in ausreichender Menge verfügbar. Moderne Verfahren zur Kühlung und Haltbarmachung von Lebensmitteln verlängern die Haltbarkeit und damit die Verfügbarkeit von Speisen.

Die Ernährungssituation hat sich in Deutschland drastisch verändert. Dementsprechend muss auch das Ernährungsverhalten an die “neuen” Verhältnisse angepasst werden.

>> Adipositas: Ursachen und Behandlungsoptionen

Etwas Süßes als Trostpflaster

Gab es bei Ihnen zum Trost für erlittene Verletzungen oder Enttäuschungen auch immer ein Eis, ein Bonbon oder einen Besuch im Fast Food Restaurant? Oder wurden Sie gezwungen, jeden Tag einen Apfel und ein Stück Karotte zu essen, weil es doch “so gesund” ist? Oder war es der Löffel Lebertran?

Solche erzieherischen Maßnahmen verfehlen ihre gutgemeinte Wirkung. Viele Übergewichtige nehmen Süßigkeiten kaum als Lebensmittel, sondern viel mehr als Stimmungsaufheller wahr. Als Erwachsener werden damit emotionale Probleme bekämpft. Obst und Gemüse sind dagegen die verhassten Feinde.

Keine Zeit für das Familienessen

In der heutigen Zeit trägt das allgegenwärtige Zeitproblem wesentlich zur falschen Ernährungserziehung von Kindern bei. Fast Food Produkte für unterwegs, ein schneller Pizzaservice und der Schokoriegel gegen den kleinen Hunger helfen, den allzu stressigen Alltag zu entlasten und Zeit zu sparen.

Oftmals wird selbst in Familien kaum noch gemeinsam gespeist. Das Frühstücksbrot wird im Bus gegessen, Mittagessen gibt es in der Kantine und abends wird maximal noch eine Tiefkühl-Pizza in den Ofen geschoben und vor dem Fernseher gegessen.

So geht kostbare Zeit für den Erfahrungsaustausch und die Kommunikation innerhalb der Familie verloren. Informationen über die Herkunft und Zubereitung von Lebensmitteln sowie das Geschmackserlebnis verschiedener Gerichte können nicht mehr vermittelt werden.

(Wieder) Richtig essen lernen

Warum sollten sich Kinder anders ernähren, als sie es sich im Elternhaus Tag für Tag abgeschaut haben? Was in der Kindheit eingeprägt wurde, wird man im Erwachsenenalter nicht so schnell wieder los.

Es ist jedoch durchaus möglich, schrittweise das erlernte Verhalten abzulegen und ein neues, gesünderes Essverhalten zu trainieren.

* Der erste Schritt zur Veränderung ist das Erkennen der ungesunden Verhaltensmuster. Legen Sie zum Beispiel starre Essenszeiten ab, die es vielleicht bei Ihren Eltern noch gegeben hat. Lernen Sie dafür wieder, auf Ihr Hunger- und Sättigungsgefühl zu hören.

* Nehmen Sie sich Zeit zum Essen! Lernen Sie, zu genießen! Das bedeutet auch, dass Sie sich voll und ganz auf das Essen konzentrieren und nebenher laufende Tätigkeiten wie Fernsehen oder Lesen auf später verschieben.

* Haben Sie einmal richtig Heißhunger auf ein bestimmtes Lebensmittel, dann gönnen Sie es sich! Genießen Sie z. B. einen Riegel Ihrer Lieblingsschokolade und kosten Sie ihn richtig aus. Am besten mit geschlossenen Augen und allen Sinnen. So reicht Ihnen dann eine kleine Menge und Sie benötigen nicht die ganze Tafel. Greifen Sie in diesem Moment zu anderen gesünderen oder kalorienärmeren Lebensmitteln als Alternative, wird Ihr Appetit nicht befriedigt. In der Regel suchen Sie dann weiter nach einem anderen Ersatz und landen letztendlich doch bei Chips oder Schokolade. So summieren sich am Ende dann meistens mehr Kalorien, als wenn Sie direkt in Maßen Ihrem Appetit gefolgt wären.

* Wenn Sie satt sind, hören Sie auf zu essen! Dies gilt auch dann, wenn Ihr Teller noch nicht leer ist! Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie schon satt sind, legen Sie nach jedem Bissen Ihr Besteck zur Seite und kauen gründlich und genüsslich. Hören Sie auf Ihren Bauch! Mit der Zeit werden Sie Ihr Hunger- und Sättigungsgefühl wieder entdecken.

* Die meisten Lebensmittel lassen sich im Kühlschrank durchaus einige Tage lagern und verderben nicht sofort. Sie können sie also mit gutem Gewissen wegpacken und am nächsten Tag essen.

Selbst Vorbild sein

Ernähren Sie sich mit Genuss gesund, wird ihr Kind das vermutlich als Erwachsener auch tun. Sind Ihre Essgewohnheiten und Ihr Essverhalten ungesund, wird auch Ihr Kind mit großer Wahrscheinlichkeit ihrem Beispiel folgen.

Wenn Sie nun feststellen, dass sich bei Ihnen zu Hause bereits ungünstige Essgewohnheiten eingeschlichen haben, dann sollten Sie diese so schnell wie möglich ändern.
Seien Sie Vorbild! Das tut Ihnen und Ihrer Familie gut.

* Lassen Sie Ihr Kind den Zeitpunkt und die Menge des Essens mitbestimmen! Sonst verlernt es, auf das eigene Körpergefühl zu hören und kann als Erwachsener nur noch schwer entscheiden, wann es hungrig oder satt ist.

* Gleichen Sie fehlende Aufmerksamkeit und Zuwendung nicht mit Süßigkeiten aus! Ihr Kind wird ansonsten ein schlechtes Gefühl wie Langeweile oder Einsamkeit immer mit Essen verknüpfen. In diesem Fall spricht man von “oraler Kompensation” und deren Folge: dem Kummerspeck. Unternehmen Sie lieber etwas gemeinsam oder erfüllen Sie zur Belohnung einen Wunsch, der nichts mit Essen zu tun hat.

* Verbote sind in der Ernährungserziehung von Kindern nicht angebracht. Sie verstärken lediglich das Verlangen nach dem “Verbotenen”. Auch Naschen muss erlaubt sein. Dies ist in Ordnung, solange die Menge angemessen ist und die Süßigkeit nicht als Ersatz für eine richtige Mahlzeit dienen muss.

* Gesunde Ernährung macht Spaß und bedeutet Genuss! Kochen Sie daher regelmäßig mit der Familie zusammen. Seien Sie selbst mit ihrer Ernährung ein gutes Vorbild! Lassen Sie Ihre Kinder beim Einkauf, der Vorbereitung der Zutaten, beim Decken des Tisches und beim Dekorieren helfen. So wird das Essen wieder zur gemeinsamen Familienzeit.

Fazit

Ja, Dicksein kann anerzogen sein.

Schritt für Schritt mit Geduld und Durchhaltevermögen können jedoch alte Verhaltensmuster abgelegt und eine neue, gesündere Lebensweise erlernt werden.

Zu einem gesunden Lebensstil gehört nicht nur die Ernährung, sondern auch ausreichend Bewegung. Um messbar das Gewicht zu reduzieren empfehlen die Adipositas Richtlinien 2007 einen zusätzlichen Kalorienverbrauch von 2.500 kcal pro Woche.

Wenn Sie selbst Kinder haben, schauen Sie sich das Essverhalten Ihrer Familie einmal genau an. Je jünger Ihre Kinder sind, desto schneller können Sie sie an neue Verhaltensmuster gewöhnen.


Quellen:

1. Pudel/ Westenhöfer: Ernährungspsychologie; 3 unveränderte Auflage; Hogrefe Verlag 2003
2. G. Brüggemann, S. Hinderberger, N. Ströbele: Warum Diäten scheitern; Gräfe und Unzer München 2006
3. Prof. Dr. M. Hamm: Kann denn Essen Sünde sein? Mosaik Verlag 2001

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