10.01.2017

Lebensmittelallergien im Fokus Dick durch Allergien?

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Auch Schalenfrüchte wie Nüsse sind mögliche Auslöser einer Nahrungsmittelunverträglichkeit.

Foto: iStock/grinvalds

Auch Schalenfrüchte wie Nüsse sind mögliche Auslöser einer Nahrungsmittelunverträglichkeit.

Ernährungswissenschaftler und Allergologen behaupten, 90 Prozent der Diäten würden an einer unerkannten Nahrungsmittelunverträglichkeit scheitern...

Diese Fachleute führen ebenso Beschwerden wie Migräne, Darmerkrankungen, Neurodermitis, Müdigkeit und Erschöpfungszustände auf unbehandelte Nahrungsmittelunverträglichkeiten zurück. Mit einem Bluttest werden die Unverträglichkeiten nachgewiesen und eine individuelle Diät erstellt. Damit soll dann nicht nur das Abnehmen endlich funktionieren, auch körperliche Beschwerden sollen verschwinden.

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Was ist eine Lebensmittelallergie?

Beginnen wir mit einigen wissenschaftlichen Grundlagen: Immunglobuline (kurz: Ig) sind Antikörper, welche zur Abwehr von körperfremden Erregern dienen. Sie werden nach Art ihres Aufbaus und ihrer Funktionen in fünf Klassen eingeteilt: IgG, IgA, IgM, IgD und IgE.

Die Nahrungsmittelallergie geht auf eine IgE-vermittelte Reaktion des Immunsystems zurück. Allergiker weisen einen erhöhten IgE-Blutspiegel gegenüber bestimmten Allergenen auf. Eine allergische Reaktion auf Lebensmittel tritt kurz nach dem Verzehr des Lebensmittels auf, d. h. bis zu etwa 2 Stunden.

Es kommt zu typischen Allergiereaktionen wie Atemnot, Heuschnupfen, geröteter Haut, Juckreiz, Quaddelbildung und Kreislaufbeschwerden. In schweren Fällen kann die Allergie auch zu einem allergischen Schock führen, der schnellstens ärztlich behandelt werden muss.

Was ist eine Lebensmittelunverträglichkeit?

Häufiger kommen Nahrungsmittelunverträglichkeiten vor, deren Ursachen noch nicht restlich geklärt sind. Es kommt dabei ohne eine messbare Reaktion des Immunsystems zu allergieähnlichen Symptomen. Während bei einer Lebensmittelallergie kleinste Mengen des Lebensmittels ausreichen, um allergische Reaktionen hervorzurufen, ist bei einer Unverträglichkeit meistens die aufgenommene Dosis entscheidend. Die Beschwerden können noch bis zu 72 Stunden nach dem Verzehr des Lebensmittels auftreten.

Die Auslöser

Als Auslöser von Nahrungsmittelunverträglichkeiten kennt man z. B. Acetylsalicylsäure, ein in Lebensmitteln natürlich vorkommender Aromastoff und verschiedene Zusatzstoffe. Auch Schalenfrüchte wie Cashewkerne, Haselnüsse, Mandeln, Paranüsse, Pistazien, Walnüsse und daraus hergestellte Erzeugnisse, sowie Schwefeloxid und Sulfite sind mögliche Auslöser einer Nahrungsmittelunverträglichkeit. Diese Stoffe müssen im Rahmen der EU-weiten Kennzeichnungsverordnung als Zutat auf verpackter Ware gekennzeichnet werden.

Unter die Kennzeichnungspflicht fallen auch die häufigsten Auslöser einer “echten” Allergie wie glutenhaltiges Getreide, Krebstiere, Eier, Fisch, Erdnüsse, Soja, Milch, Sellerie, Senf, Sesam und daraus hergestellte Produkte.

Die Diagnostik

Um eine Lebensmittelallergie zu diagnostizieren, werden allergologische Testverfahren eingesetzt, bei denen spezifische IgE-Antikörper im Blut nachgewiesen werden. Dieses Verfahren ist seit langem erprobt und wissenschaftlich belegt. Da bei einer Lebensmittelunverträglichkeit keine IgE-Antikörper beteiligt sind, können diese auch nicht zur Diagnose herangezogen werden.

Dagegen ist die detaillierte Aufnahme der Krankengeschichte bei der Feststellung einer Nahrungsmittelunverträglichkeit wichtig, weil diese oft mit Grunderkrankungen wie chronischer Urtikaria, Dermatitis oder bestimmten Asthmaformen einhergeht. Einziges wirksames Diagnoseverfahren ist eine so genannte Suchdiät, bei der Lebensmittel weg gelassen werden, die besonders häufig mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten assoziiert werden.

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Erreicht der Patient durch diese Diät Beschwerdefreiheit, wird er mit einzelnen Lebensmitteln erneut konfrontiert und die körperliche Reaktion beobachtet. Dieses Verfahren ist sehr aufwändig und sollte je nach Ausmaß der Beschwerden nur unter medizinischer Aufsicht durchgeführt werden.

IgG-Testverfahren

Einige Heilpraktiker, Ernährungswissenschaftler und auch immer mehr Ärzte werben für den so genannten IgG-Test, um eine Nahrungsmittelunverträglichkeit festzustellen. Dabei werden IgG-Antikörper nachgewiesen, die jedoch hauptsächlich als Gedächtniszellen des Körpers funktionieren. Erhöhte Werte zeigen dementsprechend lediglich, dass es Kontakt zwischen einem bestimmten Lebensmittel und dem Immunsystem gegeben hat. Daher fällt der IgG-Test besonders bei häufig verzehrten Lebensmitteln positiv aus.

Dies ist jedoch kein Hinweis auf eine Unverträglichkeit oder eine Allergie! Der IgG-Test wird im Gegensatz zum medizinisch anerkannten IgE-Test nicht von den Krankenkassen übernommen. Er ist sehr teuer und kann zu fatalen Fehldiagnosen führen.

Also: Dick durch Nahrungsmittelunverträglichkeiten?

Wie eingangs erwähnt, glauben einige Experten, dass Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu Übergewicht führen. Ihre Begründung: Die Darmschleimhaut könne auf Grund verschiedener Ursachen durchlässig werden. In diesem Fall könnten Nahrungsbestandteile ins Blut übergehen. Das Immunsystem erkenne diese nicht und bilde IgG, die sich an dem "Fremdstoff" anheften und ihn so für weiße Blutkörperchen kenntlich machten. Die weißen Blutkörperchen nähmen den “Fremdstoff” auf und könnten ihn nicht verdauen.

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Werde langfristig solche "unverträgliche" Nahrung aufgenommen, könnten die Fremdstoffe nicht mehr abgebaut werden. Stattdessen lagerten sie sich im Körper an und führten zu Wasser- und Fettansammlungen.

Nein!

Es klingt wirklich viel versprechend: “Verschiedenste Beschwerden und auch Übergewicht sind die Folgen von unerkannten Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Sie müssen nur bestimmte Lebensmittel weg lassen und werden sowohl die überflüssigen Pfunde als auch die Beschwerden gleichzeitig los”.

Leider steht hinter dieser Aussage kein wissenschaftlicher Beweis. Bisher ist nämlich kein Zusammenhang zwischen IgG und Fettstoffwechsel gefunden. Ein poröser Darm lässt auch verträgliche Nahrungsmittel durch. Außerdem werden die angeblichen Unverträglichkeiten mit dem IgG-Test nachgewiesen, welcher dazu aber gar nicht in der Lage ist. Die Patienten erhalten als Auswertung trotzdem Listen mit häufig Dutzenden von Nahrungsmitteln, auf die sie angeblich unverträglich reagieren.

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Bei der Durchsicht dieser Listen stellt sich dann die bange Frage: “Was darf ich denn überhaupt noch essen?” Bei einer derartig eingeschränkten Lebensmittelauswahl ist natürlich auch eine Gewichtsabnahme wahrscheinlich. Diese ist dann allerdings weder sinnvoll noch ausreichend begründet und kann wiederum einen Nährstoffmangel zur Folge haben.

Fazit

IgG-Tests auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten kosten zwischen 260 und 455 Euro und werden in der Regel nicht von den Krankenkassen übernommen. Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind nach heutigem Wissensstand nicht durch IgG- Tests zu diagnostizieren. Anbieter dieser Tests dürften vor allem ihren finanziellen Gewinn im Auge haben.

Die Gründe für Übergewicht sind vielfältig und reichen von genetischen und krankheitsbedingten Gründen bis hin zu Ursachen in Lebensstil und Ernährung. Nahrungsmittelunverträglichkeiten dürften bei der Entstehung von Übergewicht - wenn überhaupt – nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Allergien und Intoleranzen


Quellen:

1. Presseinformation des Ärzteverband Deutscher Allergologen e. V. (ÄDA), der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie e. V. (DGAKI). der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin e. V. (GPA): “Falscher Test schockt Allergiepatienten” 09/2007
2. Ernährungsumschau: “Lebensmittelallergien” 03/2007
3. Pressemitteilung der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik e. V.: “IgG- Test hilft bei der Erkennung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten” 01/2007
4. Pharmazeutische Zeitung: “Bluttests sollen Diät erleichtern” 2002

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