30.11.2018

Naturkosmetik vs. Chemie Dermatologin erklärt, wie Naturkosmetik auch schaden kann

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Chemie ist nicht automatisch böse und Naturkosmetik tut nicht jeder Haut gut.

Foto: iStock (2) Collage BILD der FRAU

Chemie ist nicht automatisch böse und Naturkosmetik tut nicht jeder Haut gut.

Dr. Liv Kraemer ist Fachärztin für Dermatologie und kein Fan von Naturkosmetik. Als Wissenschaftlerin bricht sie eine Lanze für die "Chemie".

Der Kosmetik-Dschungel ist für Laien schlicht nicht durchdringbar. Doch nicht nur das Produkt- Überangebot macht Konsumentinnen zu schaffen, auch die einfache Entscheidung für oder gegen Naturkosmetik oder "chemische" Kosmetik fällt nicht leicht – und sollte auch nicht leichthin getroffen werden.

Viele assoziieren das Wort Natur automatisch mit etwas Positivem, wohingegen Chemie als künstlich verteufelt wird und eine Katastrophe darstellt. Was viele vergessen: Natur – das ist Chemie und Physik. Alles, was Menschen geschaffen haben, ist in irgendeiner Weise von der Natur abgeschaut oder inspiriert. Und: Auch aus der Ringelblume wird eine Creme, die irgendwie im Döschen landen muss. Hier kommen selbstverständlich chemische Prozesse zum Einsatz.

Dr. Liv Kraemer ist Fachärztin für Dermatologie und kein Fan von Naturkosmetik. BILD der FRAU hat sie erklärt, warum nicht?

Naturkosmetik oder Chemie? Was bedeutet "kontrollierte Naturkosmetik"?

Der Kriterienkatalog des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG), das damit erstmalig versuchte, Naturkosmetik zu definieren, gilt heute in Deutschland weitgehend immer noch als Grundlage für die Beurteilung von Naturkosmetika. Nach der darauf aufbauenden Richtlinie "Kontrollierte Naturkosmetik" der Arbeitsgruppe Naturkosmetik im BDIH (Bundesverband deutscher Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungsmittel und Körperpflegemittel e.V.) sind inzwischen mehr als tausend Produkte auf ihre Inhaltsstoffe und ihre Herstellung überprüft, zertifiziert und mit dem BDIH-Label ausgestattet.

Produkte mit dem Prüfzeichen "kontrollierte Naturkosmetik" verwenden natürliche Rohstoffe wie pflanzliche Öle, Fette und Wachse, Kräuterextrakte und Blütenwässer, oder ätherische Öle und Aromen aus kontrolliert biologischem Anbau oder Wildsammlung.


Neben der sorgfältigen Auswahl der eingesetzten pflanzlichen Rohstoffe spielen die ökologische Verträglichkeit jedes Produktes, also umwelt- und ressourcenschonende Herstellungsverfahren, die optimale Abbaubarkeit von Rohstoffen sowie der sparsame Einsatz recycelbarer Verpackungsmaterialien eine wichtige Rolle.

Die große Paraben-Diskussion

Die Zertifizierungen sagen allerdings noch nichts über die Hautverträglichkeit aus. Darüber können Haut-Experten wie Dr. Liv Kraemer auf der Basis ihrer täglichen Praxiserfahrung berichten.

"Die meisten Dermatologen sind wegen der darin enthaltenen ätherischen Öle gegen Naturkosmetik", erklärt sie. "Diese werden nämlich als Konservierungsmittel in der sogenannten 'Naturkosmetik' verwendet, die dann sehr oft allergische Reaktionen auslösen oder fördern. Dazu gehören zum Besipiel Ceylon-Zimt, Pfefferminze, Melisse, Eichmoss, Ringelblume, etc."

Besonders bitter: "Sobald die Patienten dann 'krank' werden, ist es plötzlich egal, ob die Grundlage Mineralöle enthalten."

Dr. Kraemer wünscht sich mehr Wissen als Basis für die Entscheidung, welche Kosmetikprodukte verwendet werden. Denn nur weil "Natur" auf der Packung steht, muss das der Haut noch lange nicht gut tun. Für die Expertin beginnt das schon bei Packungsaufschriften wie "frei von Parfüm", "frei von Parabenen", usw., die auf psychologischer Ebene Hautverträglichkeit suggerieren sollen.

"Um Parabene gibt es eine große Diskussion. Aber es gibt viele Parabene und man sollte nicht alle in den gleichen Topf werfen", sagt die Dermatologin. "Die renommierte Mayo Clinic zeigte, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen Parabenen und Krebs gibt. Auch die EU Kommission macht deutlich, die Parabene Propylparaben, Butylparaben, Methylparaben und Ethylparaben sind sicher."

Empfehlung der Expertin

Wer in puncto Inhaltsstoffe ganz sicher gehen möchte, dem empfiehlt Dr. Liv Kraemer deutsche und schweizerische Produkte. Sie unterliegen der Kosmetikverordnung und sind nicht nur sicher sondern auch effizient.

"Ich bin Wissenschaftlerin, für mich steht die Wissenschaft an erster Stelle", sagt Dr. Liv Kraemer. "Ich suche für mich und meine Patienten einzelne Inhaltsstoffe aus, von denen ich weiß, wie sie funktionieren, weil es genug Daten gibt, die über mehrere Jahre gesammelt wurden. Und ja, ich vermeide für mich und meine Patienten ätherische Öle direkt auf der Haut." Dr. Kraemers Motto lautet: Weniger ist mehr! "Lieber weniger Produkte, aber genau die richtigen Inhaltssstoffe auswählen."

Wer seine perfekte Pflege noch nicht gefunden hat oder sich unsicher ist, welche Inhaltsstoffe mit gutem Wissen verwenden werden können und ob Pflanzenmedizin sowie Naturkosmetik oder "chemische" Grundlage individuell besser sind, dem empfiehlt die Expertin den Besuch bei einem Dermatologe/in. Viele Menschen unterschätzen dieses Fachwissen – doch es ist der Schlüssel zu einer gesunden Haut.

Dr. Liv Kraemer ist Fachärztin für Dermatologie und Spezialistin im Bereich kosmetischer Dermatologie, insbesondere den sogenannten Cosmoceuticals und Nutroceuticals. Bei diesen handelt es sich um aktiv wirksame Skincare Produkte und den sogenannten “functional food” Produkten.

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