06.07.2017

Bei stechenden Kopfschmerzen Ohr-Piercing gegen Migräne: genial oder gefährlich?

Autsch – das tut schon beim Hinschauen weh! Aber hilft das sogenannte Daith Piercing wirklich bei Kopfschmerzen?

Foto: iStock/lowk

Autsch – das tut schon beim Hinschauen weh! Aber hilft das sogenannte Daith Piercing wirklich bei Kopfschmerzen?

Um ihre starken Kopfschmerzen loszuwerden, hat sich eine Australierin ein Ohr-Piercing stechen lassen. Angeblich waren die migräneartigen Attacken danach weg. Aber kann das wirklich sein? Was Experten dazu sagen.

Wer häufiger unter rasenden Kopfschmerzen oder gar Migräne leidet, weiß, wie groß die Not sein kann, wenn so gar nichts helfen will. Und wie dankbar alle Möglichkeiten aufgegriffen werden, die Linderung versprechen.

So auch eine Akupunktur der besonderen Art: Schon seit geraumer Zeit schwören immer wieder Betroffene darauf, sich ein sogenanntes "Daith Piercing" stechen zu lassen – es wird durch die innerste Wölbung der Ohrmuschel, direkt neben dem Gehörgang, gestochen.

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Australierin schwört auf Daith Piercing gegen Migräne

Gerade hat eine junge Australierin auf dem Online-Portal "womenshealth" ihre Geschichte publik gemacht – dort erzählt sie, wie sie jahrelang unter heftigen Migräneattacken litt, aber nichts ihr Leiden lindern konnte; wie sie schließlich bei vier Schmerztabletten am Tag angelangt war und sich in ihrer Not auf Internet-Recherche begab; wie sie dort auf die Daith-Piercing-Methode stieß, sich einen solchen Ohrring stechen ließ – und seitdem nahezu schmerzfrei ist.

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Allerdings betont sie am Ende des Artikels, dass sie nur für sich sprechen kann – einen Versuch wäre diese Methode aber auf jeden Fall wert, findet sie.

DMKG und VPP raten von Piercing gegen Migräne ab

Bei der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG) ist man da anderer Meinung. Dort heißt es in einer Stellungnahme: "Wenn man im Internet oder bei Facebook nach alternativen Methoden zur Behandlung der Migräne sucht, findet man neuerdings Tausende von Links, die Piercings als Therapie der Migräne ("Daith Piercing") empfehlen. (...) Das Piercing wird im Bereich des Ohrknorpels an einem der Akupunkturpunkte, die zur Migränebehandlung genutzt werden, gesetzt. Das Verfahren beruht auf keiner nachvollziehbaren pathophysiologischen Grundlage."

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Vor allem aber geht die Fachgesellschaft auf die gesundheitlichen Risiken ein: "...insbesondere im Bereich des Ohrknorpels ist das Risiko einer verzögerten Wundheilung oder einer nachfolgenden Infektion im Vergleich zu Piercings an gut durchblutetem Gewebe deutlich höher. (...) Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft rät daher Migräne- und Clusterpatienten von Ohr-Piercings zur Behandlung dringend ab..."

Auch der Verband Professioneller Piercer (VPP) hat eine Stellungnahme zum Thema Piercing gegen Migräne herausgegeben – mit folgendem Wortlaut: "Wir vertreten einstimmig die Auffassung, dass eine kurzfristige Verbesserung von Beschwerden im besten Falle durch einen Placeboeffekt ausgelöst werden kann und nicht von Dauer sein wird. Akupunkturpunkte durch ein Piercing dauerhaft zu stimulieren, erscheint uns als wenig erfolgversprechend..."

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Darum glauben manche Patienten an die Wirkung von Daith Piercing

Wie kommt es dann, dass Patienten immer wieder vom positiven Effekt des Daith Piercings in Bezug auf Kopfschmerzen berichten? Dr. Stefanie Förderreuther, Präsidentin der DMKG, hat bildderfrau.de eine Erklärung gegeben: "Der wechselhafte Verlauf einer Migräne suggeriert immer wieder die Wirksamkeit von sogenannten Therapieverfahren, die jedoch letztlich einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand halten. Das liegt unter anderem auch daran, dass Placeboeffekte bei der Migräne eine erhebliche Rolle spielen können."

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Und das rät Stefanie Förderreuther Menschen mit massiven Kopfschmerzen: "Patienten mit mehr als zwei bis drei Attacken pro Monat sollten eine vorbeugende Therapie anwenden und sich hierzu bei ihrem Hausarzt oder Neurologen beraten lassen. Neben Medikamenten, wie zum Beispiel Beta-Rezeptorenblockern und bestimmten Substanzen aus der Gruppe der Antikonvulsiva, können auch regelmäßiger Ausdauersport (mind. dreimal pro Woche 30 Min.), Entspannungstechniken oder Bio-Feedback zum Einsatz kommen."

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