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Nichts gewonnen?
Wir haben Tage gebraucht, um das zu verarbeiten. Es war einfach zu viel. Völlige Reizüberflutung, dieses Viertelfinale.
Der britische Dichter und Romantiker William Wordsworth hatte für solche Fälle ein prima Rezept parat: „Recollection in Tranquility“ – „Sacken lassen und später drüber nachdenken“.
Wenn dieser Wordsworth von seinen Spaziergängen zurückkam, vollkommen verzückt von all den herrlichen Wölkchen und Schäfchen und Osterglöckchen da draußen, dann brauchte der auch erstmal einen guten Moment oder zwei, um die ganze erinnerte Pracht in Ruhe durch seinen Gehirnfilter tropfen zu lassen (darf man sich so ähnlich wie Kaffeekochen vorstellen). Um von tiefster innerer Aufruhr wieder auf Dichter-Normalpuls zu kommen.
Und das nur wegen ein paar Blumen und ein bisschen Natur drumherum! Wir dagegen durften ein 4:0 im WM-Viertelfinale erleben. Vier zu Null! Und das nicht „gegen Aserbaidschan oder so“ (danke, Poldi), sondern gegen Argentinien! Das große Argentinien! Das mächtige Argentinien! Mit Messi im Kader und der Hand Gottes an der Außenlinie!
Verdammt, wären wir jetzt gern wie William. Denn wenn der lange genug nachgedacht hatte, nahm er einfach seine Gänsefeder, schmiedete ein paar Verse über das Erlebte, und wenn er die später vortrug, fielen die Frauen reihenweise in Ohnmacht.
Das kriegen wir leider nicht hin. Aber immerhin bleibt uns die Erinnerung an einen dieser seltenen Tage, an denen das Leben sich wunderbarer entwickelt als die kühnsten Träume. Wegen solcher Tage lieben wir Fußball!
Denn was kann es Schöneres geben, als ein schlechtes Spiel zu befürchten, ein gutes zu erhoffen – aber eine Sternstunde zu bekommen ?
Und danach: Überall fassungslose Menschen mit einem seligen Grinsen im Gesicht, sicher, gerade einen jener Momente erlebt zu haben, für die ihre Enkel sie einmal beneiden werden. Es muss nicht immer eine Mondlandung sein!
Doch wie groß die Freude auch ist: Kurz darauf schlägt wieder die große Stunde der Realisten und Auf-dem-Teppich-Bleiber, der Ergebnisorientierten und der Mahner. Wenige sind es nicht, und, zugegeben, meist sind sie männlich.
Jetzt sei erst einmal Halbfinale, sagen sie. Und dass man das erstmal für sich entscheiden müsse. Sonst sei alles Vorangegangene doch gar nichts wert.
Als Abschluss kommt dann immer ihr Lieblingssatz: „ES IST NOCH NICHTS GEWONNEN!“
Wenn wir so an Samstag zurückdenken: Warum eigentlich nicht?
Als Fans des FC St. Pauli werden unsere WM-Blogger Christoph Nagel und Michael Pahl normalerweise eher selten mit gedichtwürdigem Fußball verwöhnt. Vielleicht sind sie darum auch so aus dem Häuschen, wenn sie mal welchen erleben. So wie beim Erstliga-Aufstieg in der letzten Saison oder beim „Weltpokalsiegerbesieger“-Spiel gegen Bayern München vor ein paar Jahren. Von Erlebnissen wie diesen (und dem Warten darauf) erzählen sie auch in „FC St. Pauli. Das Buch. Der Verein und sein Viertel" (Verlag Hoffmann und Campe).
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