31.10.2016

INTERVIEW Colleen Atwood: "Wie wir uns kleiden, sagt viel über uns aus"

Colleen Atwood bei der Premiere von The Huntsman: Winter's War.

Foto: imago

Colleen Atwood bei der Premiere von The Huntsman: Winter's War.

Colleen Atwood ist die preisgekrönte Kostümbildnerin, der wir die Designs vieler magischer Märchenfilme verdanken. Wir baten sie zum Interview.

 

bildderfrau.de: Für DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER haben Sie wieder einmal mit Regisseur Tim Burton gearbeitet – nach ihren unvergesslichen Kreationen für EDWARD MIT DEN SCHERENHÄNDEN und ALICE IM WUNDERLAND, um nur einige zu nennen. Worin bestand die besondere Herausforderung im Design ihrer jüngsten Kollaboration?

Colleen Atwood: Das Projekt ist interessant, weil die Handlung zwischen zwei Epochen wechselt. Der Protagonist Jake verbindet die zwei Welten miteinander. Deshalb war es mir wichtig, dem Design der Kinderkostüme und ihres Zuhauses eine zeitlose Qualität zu verleihen, obwohl sie ja eigentlich in einer bestimmten Zeit feststecken. Die Zuschauer sollten sich trotz dieser zeitlichen Spezifität mit ihnen identifizieren.

Und es ist immer interessant, Kostüme für Kinder zu kreieren, wobei es eine besondere Herausforderung ist, wenn Kinder den Großteil des Films bestreiten. Sie müssen dann die Kostüme den ganzen Tag anhaben während des Drehs. Das stellt bestimmte Herausforderungen an die Praktikabilität und Gemütlichkeit der Kostüme.

Es ist ja so, dass – wie ich schon zu jemanden gestern meinte – niemand ist es mehr gewohnt echte Schuhe zu tragen. Jeder wächst auf mit Turnschuhen, weshalb sie sich auch ständig beschweren. (lacht) Und Kinder können auch sehr manipulativ in dieser Sache sein. Denn wenn sie etwas nicht tragen möchten, sagen sie immer es würde ihnen wehtun und dann geraten alle in Panik. Das war also auch eine kleine Herausforderung. (lacht)

Und eine lustige Herausforderung war es auch, die Figur von Eva Green wie einen Vogel erscheinen zu lassen, ihr eine gewisse Vogelhaftigkeit zu verleihen – ohne dass es so wirkt, als hätte sie ein dummes Vogelkostüm an.

Reden wir etwas mehr über Eva Green: wie eng arbeiten sie in der Regel mit Schauspielerinnen zusammen, um ihr Aussehen für einen Film zu gestalten? Wie haben Sie den eindrucksvollen Look von Eva Green für Miss Peregrine, der sehr anders aussieht als ihre bisherigen Leinwand-Outfits?

Nun, Eva ist sehr kreativ, sehr künstlerisch orientiert. Ich zeigte ihr mein Konzept und sie mochte es sehr. Wir wollten ein dunkles Blau statt Schwarz verwenden für ihr Kostüm, und einen metallenen Stich: eine kleide, kunstvoll geformte Feder, die sich am Ende ihres Kragens versteckt und in dem sich das das Licht bricht.

Und sie hat auch etwas blau in ihren Haaren eingearbeitet. Ihre Augen sind zudem bemalt wie bei einem Falken. Es ist sicherlich kein zeitgenössisches Make-up. Und wir haben ihr eine etwas spitze, vogelähnliche Schulter gegeben, einen Federschwanz. Das mochte sie sehr.

Und als ich ihr das Kostüm gab, begann sie in einer leicht abgehackten Art sich zu bewegen. Letztlich wurde das Kostüm erst durch sie so richtig gut.

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Für wie wichtig erachten sie die Auswahl der Farben beim Design der Kostüme, um eine Geschichte visuell zu erzählen und um so Informationen ans Publikum zu geben über die Eigenart einer Leinwandfigur? Sie sind schließlich berühmt für das Zitat, dass bevor ein Schauspieler spricht, sein Kostüm schon viel über seine Figur verraten sollte…

Das stimmt schon. Aber in meinen Entscheidungen spielt Farbtheorie keine große Rolle. Ich nehme einfach etwas, wenn es sich für mich gut anfühlt. Es ist eine eigenartige Sache, aber ich denke nicht zuviel drüber nach.

Und da es sich bei diesem Film um einen Ensemble-Film handelt, wollte ich nicht, dass Eva Green zu sehr wie eine Hexe aussieht, trotz ihrer schwarzen Haare und ihres dunklen Kostüms. Ich wollte es sanfter gestalten. Das war ein guter Grund für die Wahl der Farbe blau.

Sie wollten ursprünglich Malerin werden, machten aber dann Karriere als Kostümbildnerin. Es wäre nun einfach zu sagen, Sie würden heute „mit Stoffen malen“. Aber worin besteht die eigentliche Faszination von Kleidern für Sie? Dienen sie lediglich dazu, Farben auf der Leinwand in einer sinnstiftenden Art zu arrangieren oder haben sie einen speziellen Reiz für Sie in ihren Stimmungen oder ihrer Funktionalität, Charakterzüge zu vermitteln?

Ich denke, dass Kostüme sehr gut die Menschlichkeit einer Figur ausdrücken und es sagt viel über einen Menschen aus, wie er sich kleidet. Ich mag diese Herausforderung, sich in die Figuren hineinzudenken. Und ich mag auch den künstlerischen Aspekt von Materialkunst und Textilkunst. Es macht Spaß, diese Elemente in meine Arbeit einfließen zu lassen. Es ist die Schwierigkeit, nicht nur schöne Sachen herzustellen, sondern Dinge, die glaubwürdig erscheinen.

(seit 20.10. Auf DVD und Blu-ray erhältlich)

Sie haben Kostüme für sehr phantastische Produktionen wie ALICE IM WUNDERLAND: HINTER DEN SPIEGELN und DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER geschaffen, aber auch für historische Dramen wie DIE GEISHA und für zeitgenössische Filme wie PHILADELPHIA. Welches Genres zieht Sie am meisten an und spornt Sie dazu an, ihre beste Arbeit zu machen? Welche sind besonders schwierig?

Nun, es handelt sich bei den genannten Filmen um verschiedene Herausforderungen. Größe und Umfang einer Produktion wie DIE GEISHA oder von PHANTASTISCHE TIERWESEN UND WO SIE ZU FINDEN SIND, der im Dezember in die Kinos kommt, waren schon recht hart und schwierig.

Zum anderen war es auch sehr schwierig, für PHILADELPHIA Kleidung zu designen, das die Figuren lebensecht erscheinen ließ. Ich mag es aber gerne verschiedene Sachen zu machen. So bleibt die Arbeit für mich frisch. Man bleibt in keiner Nische stecken und muss jeden Tag dasselbe entwerfen.

Sie haben auch die Kostüme für die aktuellen Fernseh-Superhelden Arrow, The Flash und Supergirl entworfen. Das sind ikonische Kostüme, die vielen Menschen bereits in der ein oder anderen Form bekannt sind und bereits fest verankert sind in der globalen Populärlkultur. Wie schaffen Sie es da, dass Ihre Design frisch wirken und nicht zu albern?

(lacht) Bei diesen Figuren ist es so, dass es den Machern dieser Sendungen und den Comic-Fans sehr wichtig ist, dass ihre Helden so wirken, als seien sie Menschen von der Straße. Es ist die reizvolle Vorstellung, dass man an ihnen auf der Straße vorbei läuft und sie selbst in ihren Superheldenkostümen nicht direkt wahrnehmen würde, wenn man nicht zweimal hinschaut.

Und ich mag die urbane Einfachheit ihres Wesens – im Unterschied zu dem extrem technischen Zeug, den man in einigen der großen Marvel-Filme findet. Ich habe versucht, mich davon fernzuhalten. Unterstützt wurde ich dabei in der großartigen Zusammenarbeit mit David Nutter, der bei zwei dieser Serien Regie führt, und dem wunderbar visionären Produzenten Greg Berlanti.

Viele lieben es, Ihre Arbeit auf Social Media Accounts zu sammeln, vor allem auf Pinterest. Wie ist Ihre Beziehung zu den neuen Medien? Schauen Sie überhaupt da mal rein, ziehen Sie Inspiration daraus oder ist das etwas, was komplett ohne Ihr Einwirken abläuft?

Ich beteilige mich nicht aktiv in Pinterest oder ähnlichen Plattformen. Neulich nutzte ich aber Pinterest, um mit meinem Gärter Design-Ideen für den Garten zu sammeln. (lacht) Für mein Kostümdesign nutze ich es aber nicht so sehr. Manchmal stolpere ich darüber durch Zufall, wenn ich nach bestimmten suche.

Ich nutze also Social Media nicht, aber doch das Internet für die Recherche. Ich suche dann nach Fotos und nutze häufig Bildsammlungen. Ich bin da schon etwas altmodisch: ich liebe Bücher. Und ich mag den zufälligen Fund von Bildern, nach denen man nicht sucht – ob nun online oder in einem Buch.

Ihre Looks sind stets sehr einzigartig und direkt wiedererkennbar. Wie sieht Ihr kreativer Prozess in der Regel aus? Machen Sie sich schon Gedanken über die Kostüme wenn Sie das Drehbuch lesen oder im Fall von PHANTASTISCHE TIERWESEN UND WO SIE ZU FINDEN SIND wenn Sie die Buchvorlage lesen? Oder fängt die Ideenfindung erst an, nachdem Sie mit dem Regisseur gesprochen und seine Vision verstanden haben?

Für mich ist der erste Schritt das Drehbuch, die Geschichte selbst und mein Verständnis davon. Und der nächste Schritt ist das Gespräch darüber, was für ein Verständnis des Regisseur hat. Wenn man sich dann auf eine grobe Richtung für das Design geeinigt hat, gehe ich los und suche nach Bildern, die unserer Vorstellung nahe kommen, auch wenn sie nicht wirklich das darstellen, was im Drehbuch steht. Parallel dazu schaue ich mich auch nach Stoffen und Materialien um, die mich inspirieren. Es ist also ein mehrgleisiges Unterfangen, bevor ich überhaupt richtig anfange mit dem Design.

Schauen Sie sich auch die Arbeit zeitgenössischer Designer an, um sich inspirieren zu lassen?

Das tue ich in der Tat. Ich kaufe mir immer die Buch-Ausgaben ihrer Kollektionen und schaue mir an, was alle so machen. Ich finde viele der Fabrikationen, die die Mode-Welt nutzt, sehr interessant, zumal sie oft eigens für sie kreierte Stoffe und Materialien nutzen.

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Vielen lieben Dank für Ihre Zeit, Ms. Atwood. Es war eine Freude mit Ihnen zu sprechen, zumal wir Ihre Kreationen schon seit Jahrzehnten im Kino bewundern.

Colleen Atwoods Kostüme für Alice im Wunderland 2: Hinter den Spiegeln

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