21.09.2016

INTERVIEW Michael Nast: "Frauen suchen nicht den Partner fürs Leben"

Michael Nast lebt, liebt und schreibt über seine Geburtsstadt Berlin.

Foto: Steffen Jänicke

Michael Nast lebt, liebt und schreibt über seine Geburtsstadt Berlin.

Michael Nast schreibt gerne über die Liebe. Wir haben ihn auf der Lesetour zu seinem neuen Buch "Generation beziehungsunfähig" zur Rede gestellt.

 

Würden Sie sich bitte kurz unseren Leser/innen vorstellen und uns erzählen, was Sie hauptberuflich machen?

Ich wurde vor 41 Jahren in Berlin geboren, habe 16 Jahre lang in Werbeagenturen als Art Director gearbeitet, schrieb aber neben diesem Beruf seit 2008 Kolumnen und Erzählungen, bevor ich mich 2014 endgültig entschied, nur noch als Kolumnist und Buchautor zu arbeiten. Inzwischen sind drei Bücher von mir erschienen, die Sammlungen meiner Kolumnen beinhalten. Momentan arbeite ich an einem Roman, der spätestens im Frühjahr 2018 erscheint.

In Ihrem neuen Buch „Generation beziehungsunfähig“ führen Sie den offenen Dialog mit Ihrer Generation über die Liebe, die Familie und das Leben fort, den Sie in Ihren vielgelesenen Online- und Print-Kolumnen begonnen haben. Wenn Sie nur fünf Adjektive hätten, wie würden Sie Ihre Generation beschreiben?

Mir fallen spontan sogar sechs ein:

  • Ichbezogen
  • perfektionistisch
  • selbstoptimierend
  • unverbindlich
  • hedonistisch
  • und – romantisch (im Sinne der Sehnsucht nach dem Unerfüllbaren).

Was macht Ihre Altersgenossen so interessant, dass Sie sich so intensiv mit dem Wünschen, Nöten und Sehnsüchten dieser Generation auseinandersetzen?

Ich schreibe ja über das Leben, das ich führe, die Dinge, die mich beschäftigen und betreffen. Dass diese Dinge so viele betreffen, habe ich gar nicht geahnt. Meine Texte waren praktisch klüger als ihr Autor, weil ich annahm, ich beschreibe mein degeneriertes Innenstadtumfeld in Berlin.

Aber die wirklich enorme Resonanz der Leser hat gezeigt, dass ich da eine Befindlichkeit beschreibe, die viele betrifft, von 15 bis Mitte 40. Manche nennen es sogar schon eine neue deutsche Befindlichkeit. Und das Buch wird bisher in sieben Sprachen übersetzt, z.B. auch in Südkorea, was ja ein vollkommen anderer Kulturkreis ist.

Wie wird man vom Art Director zum Chronist der Lebensgefühle einer Generation? Und können Sie sich mit so einer Bezeichnung anfreunden?

Ich habe nur Talent für Dinge, die mich interessieren, hat Karl Lagerfeld mal gesagt, und das trifft auch auch mich zu. Ich war in allen meinem Berufen leidenschaftlicher Autodidakt, aber letztendlich war mein größter Traum das Schreiben, dafür brenne ich am meisten.

Und wie gesagt, mein Ansatz ans Schreiben ist es, ein authentisches Abbild des Lebens zu schaffen, insofern kann ich sehr gut damit leben. Die Leser schreiben mir, dass meine Texte durch die hohe Identifikation für sie eine Hilfe sind, ihr eigenes Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das ist ein großes Kompliment.

„Generation beziehungsunfähig“ versteht sich nicht als Ratgeber in Liebesdingen, sondern funktioniert als vielseitige Momentaufnahme einer Generation im Wandel irgendwo zwischen großer Lebenslust, nachhaltiger Lebensführung, kurzen Bindungen und chronischer Smartphone-Abhängigkeit. Würden Sie dem zustimmen?

Ja, das trifft es genau.

Ist die Beziehungsunfähigkeit von der Sie im Buch sprechen nicht zuletzt auch der heutigen Tendenz zur ausgeprägten Selbstdarstellung über Social Media, den durch Facebook, Snapchat und Tinder veränderten Kommunikationsformen nicht nur zwischen Liebenden geschuldet?

Sie sind nicht schuld, aber sie unterstützen es natürlich sehr. Es sind Selbstdarstellungswerkzeuge. Es kommt immer auf das Maß an, aber wir lernen gerade, mit diesen Werkzeugen umzugehen. Das generelle Problem, was ich sehe, ist, dass da ausschließlich eine Fassade gepflegt und kultiviert wird, und viele verwechseln diese Fassade mit ihrer Identität.

Aber irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man erkennt, dass diese Kunstfigur, die man da geschaffen hat, für die man gehalten werden will, nichts mit einem selbst zu tun hat. Die Beziehungsunfähigkeit, von der ich in dem Buch spreche, ist die, dass viele die Beziehung zu sich selbst verloren haben.

Wieviel Schuld trägt Ihres Erachtens das Internet und die fortschreitende Globalisierung mit seiner überbordenden Fülle an Optionen und Menschen an der Beziehungsunfähigkeit dieser Generation? Erleben wir zuviel, sehen wir zuviel und lernen wir zuviele Menschen kennen, so dass wir uns nicht mehr auf die Bindung nur zu einer Person konzentrieren können?

Auch hier geht es um das Maß. Der Vorteil ist natürlich, dass man über das Internet Menschen kennen lernen kann, die man im realen Leben nie kennen gelernt hätte. Dating Apps sind Anfänge, eine Chance, aber das ist gekippt. Das Virtuelle ist dabei, die Wirklichkeit zu ersetzen.

Der Mensch scheitert an zu vielen Möglichkeiten. Das führt dazu, dass viele im Zwischenmenschlichen als Konsumenten agieren, sie konsumieren Menschen, und Konsum ist kein nachhaltiges Gefühl. Und durch das Perfektionsstreben, in dem viele gefangen sind, haben sie im Kopf, dass es irgendwo noch jemanden gibt, der besser zu einem passt. Man bleibt im Unverbindlichen.

Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann hat in seinem Buch „Liebe als Passion“ (1982) nachgewiesen, wie Menschen Liebe sich erst semantisch aneignen müssen, dass sie die jeweiligen Regeln, Codes und Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Gesellschaft verinnerlichen müssen, um dem Liebesgefühl Ausdruck verleihen zu können und Erwiderung dieser Gefühle von einem Gegenüber herbeizuführen. Denken Sie die heutige Generation ist besser in der Kommunikation ihrer Gefühle durch mehr Kommunikationsmöglichkeiten geworden oder doch verwirrter?

Die Kommunikation ist schneller geworden, effizienter, aber es gibt eben Dinge, bei denen Effizienz nicht vorteilhaft ist. Die neuen Kommunikationsformen sind ja eine Kommunikation aus der Distanz. Sie lösen die Begegnungen, auf die es ja eigentlich ankommt, ab. Wenn man aus der Distanz kommuniziert, bleibt man im Unverbindlichen.

Gerade die junge Generation hält eine WhatsApp-Konversation für wertvoller als ein Gespräch. In der Liebe kommt noch dazu, dass man Projektionsflächen vom anderen aufbaut, bevor man sich überhaupt kennen lernt. Manche Leute chatten drei Wochen miteinander, bevor sie überhaupt telefonieren oder sich treffen. Da kann es nur zu Enttäuschungen kommen, den der idealisierten Version eines Menschen kann niemand gerecht werden.

Ist ein Happy-End für Singles heute überhaupt noch die Ehe? Lügen uns die romantischen Komödien aus Hollywood nur an? Was ist Glück für einen Single?

Die Ehe ist ja eine religiöse Institution, und in den USA spielt die Religion ja eine größere Rolle als hier. Darum steht am Ende dieser Filme oft auch die Hochzeit. Die Ehe ist ein Auslaufmodell, weil sie ja auch aus wirtschaftlichen Gründen keine Vorteile hat. Mir erzählen Frauen in den Zwanzigern, dass sie eher in Lebensabschnittspartnern denken als an den einen Partner fürs Leben.

Ein Freund meinte einmal zu mir, dass man sich bei einer Frau nicht fragen sollte, ob man sich ein Leben lang gut mit ihr versteht, sondern, ob man sich auch noch mit ihr verstehen wird, wenn man ein gemeinsames Kind und getrennt ist. Das ist die neue Wirklichkeit.

Sie sind bekannt für Ihre Faszination für Berlin. Was macht die Stadt in Ihren Augen so besonders? Und was halten Sie von der medialen Positionierung der Hauptstadt irgendwo zwischen den Proleten von „Berlin – Tag und Nacht“ und den humorlosen Politikern der Bundesregierung?

Eigentlich ist das Image der Stadt ja das Bild einer Kreativmetropole, Berlin wird hochgejubelt, die Stadt soll etwas sein, dem sie gar nicht gerecht wird. Das Weltstädtische kommt mit den Zugezogenen. Ich bin ja hier geboren und aufgewachsen. Die Berliner Mentalität ist je eher kleinstädtisch.

Das wirkliche Berlin findet man eher in Steglitz oder Köpenick, aber nicht in Mitte oder Prenzlauer Berg. Berlin ist eine Ansammlung von Kleinstädten. Das sieht man gerade an den Politikern, die wie Provinzpolitiker aussehen und auch so reden. Da spürt man schon den Impuls, selbst in die Politik zu gehen, um etwas zu bewirken. Die Latte hängt hier ja nicht hoch.

Vor kurzem erschien auch das Hörbuch zu „Generation beziehungsunfähig“. Wie war es mit Irina von Bentheim und David Nathan, den Synchronsprechern von Sarah Jessica Parker aus „Sex and the City“ und Johnny Depp, zusammen zu arbeiten? Schließt die Zusammenarbeit mit „Carrie Bradshaw“ sowas wie einen Kreis für Sie, zumal sie gerne als männliche Berliner Variante der fiktionalen New Yorker Sex-Kolumnistin bezeichnet werden?

Ich denke in vielen Dingen sehr filmisch, was man ja auch an meinem Schreibstil erkennen kann. Als wir das Hörbuch geplant haben, hatte ich die Idee, das mit Synchronsprechern zu machen, weil ich das cool fand. Die beiden waren auch meine Favoriten, da hatte ich wirklich Glück, dass das geklappt hat.

Und es klingt in den Dialogen dann auch wirklich, als würde ich mit Johnny Depp oder Sarah Jessica Parker in einer Bar sitzen und über die Liebe und das Leben philosophieren. War auch ein wenig surreal. Bei den Aufnahmen haben wir sehr viel gelacht. Und zur männlichen Version von Carrie Bradshaw hat mich ja die Presse gemacht. Daher hatte ich tatsächlich den Einfall, das mit dem Hörbuch sozusagen abzurunden.

Sie schwärmen für die Romane Dostojewksis. Welcher ist Ihr Lieblingsroman und welche Vorbilder haben Sie selbst als Kolumnist und Buchautor?

Die großen Romane sind alle lesenswert, alles, was nach dem dem Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ erschienen ist, in dem er seinen Stil gefunden hat. Mein Lieblinge sind „Schuld und Sühne“, „Der Idiot“ und die „Brüder Karamasow“. Autoren, die mich geprägt haben sind Antonio Tabucchi, Raymond Carver, Milan Kundera, die Essays von William Somerset Maugham und die Kolumnen von Alexander Osang.

Wer sollte „Generation beziehungsunfähig“ unbedingt lesen? An wen richtet es sich?

Ich sage lieber, an wen es sich nicht richtet. Leute, die einen Ratgeber suchen, werden die falschen Erwartungen haben, und wenn jemand mit Ironie nicht umgehen kann, wird er mit dem Humor in dem Buch nicht klarkommen.

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Danke für die Auseinandersetzung mit der "Generation beziehungsunfähig", Herr Nast!

Michael Nast ist auf nationaler Lesetour in folgenden Städten:

21. Oktober 2016 Berlin, UdK Konzertsaal • 23. Oktober 2016 Leipzig, Felsenkeller • 26. Oktober 2016 Hamburg, Universität - Audimax • 1. November 2016 Köln, Stadthalle Mülheim • 2. November 2016 Magdeburg, Altes Theater • 3. November 2016 Dresden, Staatsschauspiel • 7. November 2016 Zirndorf, erlebe wigner! • 8. November 2016 München, Das Schloss • 9. November 2016 Stuttgart, Kulturhaus Arena • 12. November 2016 Schwedt, Uckermärkische Bühnen • 17. November 2016 Duisburg, Rheinhausen-Halle • 18. November 2016 Mainz, Bürgerhaus Finthen • 19. November 2016 Cottbus, Filmtheater Weltspiegel • 24. November 2016 Lüneburg, Vamos! Kulturhalle • 30. November 2016 Kleve, Stadthalle Kleve .

Mehr über Michael Nast erfahren Sie auf seiner Webseite: michaelnast.com.

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