Wenn es um die Sexualität der Frau geht, begegnet uns immer öfter der geheimnisvolle "G-Punkt". Ein Begriff, mit dem so mancher Ekstase pur und ein Plus an Lust verbindet. Handelt es sich beim G-Punkt tatsächlich um den Schlüssel zu intensiven Glücksgefühlen?
Mit dem Thema G-Punkt ist es ein wenig wie mit den Ufos oder der Entdeckung von Leben auf fremden Planeten: Alle Jahre wieder verkünden Forscher, einen neuen Hinweis auf den G-Punkt der Frau gefunden zu haben. Doch ein wissenschaftlicher Beweis dieser magischen Lustzone fehlt bislang, und es gibt fast ebenso viele Menschen, die an der Existenz des G-Punkts zweifeln, wie es Menschen gibt, die sich ihrer sicher sind.
Fakt ist: Schon seit über 50 Jahren wird nach diesem geheimnisvollen Punkt gesucht. Und ein Ende der Suche ist nicht in Sicht. Dennoch: Berichte über den G-Punkt als Garant für ein tolles Liebesleben sind mit Vorsicht zu genießen. Bislang ist unklar, ob und welche Frauen das als "G-Punkt" bezeichnete Areal wirklich bei sich finden können.
Studien mit Zwillingen
Eine Studie am King´s College der Londoner Universität hat das Problem genetisch untersucht und kam zu dem Schluss, dass es den G-Punkt nicht geben kann. Die These: Wenn der G-Punkt ein anatomisches Phänomen wäre (wie etwa die besonders starke Nervenansammlung in der Vagina der Frau), so müsste er zumindest teilweise vererbbar sein. Daher befragten die Forscher ein- und zweieiige Zwillinge. Eineiige Zwillinge teilen 100 Prozent der Gene, zweieiige Zwillinge dagegen nur 50 Prozent. Wäre der G-Punkt vererbbar, hätten mehr eineiige als zweieiige Zwillingspaare übereinstimmend auf Fragen zu ihrem G-Punkt antworten müssen. Das war jedoch nicht der Fall.
Italienische Wissenschaftler sorgten 2008 für Aufsehen, weil sie behaupteten, einen Schnelltest für den G-Punkt entwickelt zu haben. Forscher der Universität L’Aquila untersuchten 20 Frauen, von denen ein Teil bereits vaginale Orgasmen gehabt hatte. Per Ultraschall wurde bei diesen Frauen im vorderen Vaginalbereich eine Verdickung entdeckt, die es bei den anderen Frauen nicht gab. Dies sollte nun der G-Punkt sein, der angeblich per Ultraschall schnell und einfach entdeckt werden könne.
Die große Suche geht weiter
Egal, was die Forschung sagt: allein dadurch, dass der G-Punkt so oft Thema ist, fragen sich Frauen und Paare, wie sie "ihn" finden und stimulieren können. Oder andersherum - ob bei Ihnen etwas nicht in Ordnung ist, wenn sie den G-Punkt nicht finden. Kein Wunder also, dass mittlerweile sogar G-Punkt-Aufspritzungen und G-Punkt-Stimulationskurse angeboten werden.
Doch viele Experten warnen davor, durch zu intensive Beschäftigung mit dem Thema G-Punkt falsche Erwartungen zu wecken. Oft wird im Zusammenhang mit ihm über besonders tollen Sex, multiple Orgasmen und weibliche Ejakulationen berichtet. Das baut unnötig Leistungsdruck auf. Wer seinen G-Punkt nicht findet, ist womöglich schnell enttäuscht und fühlt sich sexuell minderwertig. In diesem Fall sorgt der G-Punkt eher für Frust als für Lust.
Kein Garant für einen Orgasmus
Bleibt die Suche nach dem G-Punkt erfolglos, heißt das noch lange nicht, dass das Sexualleben nicht erfüllt ist. Frauen verfügen über eine Vielzahl erogener Zonen. Es lohnt sich, den eigenen Körper ausführlich zu erkunden. Ein Patentrezept für eine erfüllte, glückliche Sexualität gibt es ohnehin nicht – dafür ist die weibliche Sexualität viel zu komplex.
Dr. Frauke Höllering, Allgemeinärztin mit Schwerpunkt Psychosomatik und Sexualmedizin, sagt: "Die Existenz des G-Punkts ist bislang wissenschaftlich nicht erwiesen. Und es ist wenig sinnvoll, verzweifelt diesen ominösen Punkt zu suchen. Jeder sollte genießen, was ihm Spaß macht. Auch ohne G-Punkt können Paare ein sehr erfülltes Sexualleben haben."
» Lesen Sie weiter: Ernst Gräfenberg und der G-Punkt
fw, fr
|