03.11.2016

INTERVIEW Männlicher Narzissmus: "Wir leben in einer Zeit der Selbsterhöhung"

Männer entwickeln häufiger eine ausgeprägte Form von Narzissmus als Frauen.

Foto: istock/SrdjanPav

Männer entwickeln häufiger eine ausgeprägte Form von Narzissmus als Frauen.

Der Psychiater Raphael Bonelli hat das Buch „Männlicher Narzissmus: Das Drama, das um die Liebe kreist“ geschrieben. Wir baten ihn zum Interview.

 

bildderfrau.de: Würden Sie sich unseren Leserinnen kurz vorstellen und erläutern, was sie beruflich machen?

Raphael Bonelli: Gerne! Ich heiße Raphael Bonelli, bin Psychiater in Wien und unterrichte und forsche hier an der Sigmund Freud Universität. Ich bin verheiratet und wir erwarten gerade unser zweites Kind.

Ihr Forschungsfeld ist unter anderem das Phänomen des Narzissmus. Woher kommt eigentlich der Begriff Narzissmus und seit wann beschäftigen sich Wissenschaftler damit?

Seit etwa 100 Jahren ist Narzissmus in der Psychologie ein Thema. Der Name kommt von der altgriechischen Sagengestalt Narcissus, der sich in sein Spiegelbild verliebte und daran zugrunde ging.

Sehr deutlich zeigte Sigmund Freud, dass der Narzisst die Liebe von seinem Partner wegzieht und auf sich selbst richtet. Zuerst wurden Fälle bekannt, bei denen sich der (männliche) Patient selbst ausgesprochen erotisch empfand und sich sexuell selbst genügte.

Und wie äußert sich Narzissmus?

Narzissmus besteht aus drei Eigenschaften: Selbstüberhöhung, Fremdabwertung und mangelndes sich selber Kennen. Der Narzisst findet sich selbst großartig und ist ehrlich begeistert von sich. Gleichzeitig wertet er alle anderen ab und sieht niemanden auf gleicher Augenhöhe. Deswegen ist er auch unfähig, sich für höhere Werte und Ideale oder eine gute Sache selbstlos einzusetzen.

Was finden Sie an dem Phänomen Narzissmus so interessant, dass sie ihm ein Buch gewidmet haben?

Der Narzissmus nimmt immer mehr zu, meiner Meinung nach kann man das auch an einer zunehmenden Rücksichtslosigkeit sehen, etwa im Straßenverkehr.

Ich habe mich vorher mit Perfektionismus beschäftigt, der oft mit dem Narzissmus verwechselt wird: Perfektionisten sind damit beschäftigt, was andere über sie denken, sie haben Angst um sich selbst und ein geringes Selbstwertgefühl.

Der Narzisst tickt ganz anders: er liebt sich selbst über alles und kann im Notfall über Leichen gehen. Narzissten haben ein unglaubliches Charisma und eine starke Wirkung auf andere Personen – der Perfektionist gar nicht. Deswegen war für mich der Narzissmus das logische nächste Thema.

Sie schreiben, dass sich theoretisch jeder zum Narzissten entwickeln könnte – wieso entwickelt manch einer eine ausgeprägte Form des Narzissmus', ein anderer aber nicht?

Ja, so ist es: jeder hat narzisstische Teile, einen 100%igen Narzissten gibt es nicht. Diese kranken Anteile werden gefördert, wenn man von seiner Umgebung kritiklos in den Himmel gelobt wird. Faire, gut gemeinte Kritik zu bekommen und sich überlegen, was daran wahr ist, ist die beste Vorbeugung gegen Narzissmus.

„Männlicher Narzissmus: Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist“ – so lautet der Titel ihres aktuellen Buches. Egoismus, Selbstverliebtheit und auch Narzissmus sind wohl uns bekannte Phänomene – was genau aber ist männlicher Narzissmus und tritt dieser bei Männern häufiger auf als bei Frauen?

Ja, Narzissmus kommt bei Männern viel häufiger vor als bei Frauen, das ist eine Tatsache. Man kann allerdings nur vermuten, warum das so ist. Aber es gibt Hinweise: Männer sind aggressiver und deshalb oft rücksichtsloser als Frauen. Gleichzeitig zeigen sie in Studien deutlich weniger Einfühlungsvermögen. Das alles führt zu einer größeren Neigung zum Narzissmus, während Frauen eher zum Perfektionismus neigen.

Sich seiner Stärken bewusst zu sein und selbstbewusst aufzutreten, kann ja auch durchaus von Vorteil sein. Gibt es auch positiven Narzissmus?

Nein, es gibt keinen positiven Narzissmus. Auch wenn ich mich ein bisschen besser fühle als alle anderen und mich idealisiere, geht die gleiche Augenhöhe zwischen den Menschen verloren. Narzisstische Anteile haben wir alle in uns, und jeder muss gegen sie kämpfen. Sie stehen ganz im Gegensatz zum Gemeinschaftsgefühl.

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Der Vorgesetzte oder ein cholerischer Kollege werden heutzutage schnell als „Narzisst“ abgestempelt. Wird dieser Begriff inflationär gebraucht?

Ja, da haben Sie recht. Ich habe deswegen einen Fall ins Buch aufgenommen, in dem eine Frau von ihrem furchtbar narzisstischen Mann berichtet, der sich dann schnell als Choleriker herausstellt. Er entschuldigt sich nach dem Anfall ganz zerknirscht.

„Narzissmus“ wird oft benutzt, um den anderen schlecht zu machen. In der Paartherapie empfehle ich den Ehepaaren zuallererst, ohne gegenseitige Diagnosen auszukommen, weil man so dem anderen viel besser zuhören kann.

Sie erwähnen auch die „Generation Ego“. Leben wir in einer Zeit der allgemeinen Selbstüberhöhung und welche Rolle spielen soziale Medien in diesem Kontext?

Wir leben ganz sicher in einer Zeit der Selbsterhöhung und auch des Anspruchsdenkens – auch ein Merkmal des Narzissmus. Die sozialen Medien tragen dazu bei, weil sie dem Narzissten eine Bühne geben. Es gibt amüsante Studien: wenn jemand mehr als 500 Facebook-„ Freunde“ hat, besteht die Gefahr, dass er eine narzisstische Störung bekommt. In Wirklichkeit kann ja niemand wirklich 500 echte Freunde haben.

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In diesem Zusammengang nennen Sie den erfolgreichen Fußballer Christiano Ronaldo – werden "moderne Narzissten" von uns, etwa durch ein gesteigertes mediales Interesse, kultiviert?

Jeder Mensch hat narzisstische Anteile, und die werden durch ständiges Loben immer mehr unterstützt. Fußballer sind durch die Bank sehr jung und haben noch wenig Lebenserfahrung – da kann der riesengroße Erfolg und die Aufmerksamkeit der anderen manch einem schon mal in den Kopf steigen. Bei Popstars besteht die gleiche Gefahr. Der Medienhype um eine Person ist aus psychologischer Sicht für den Betroffenen auf Dauer sicherlich schädlich.

Narzissmus spielt auch in der Kindererziehung eine Rolle. So hat sich beispielsweise der Begriff „Helikopter-Eltern“ eingebürgert. Dieser bezieht sich auf Eltern, die ihre Kinder mit Aufmerksamkeit und Lob überschütten – glauben Sie also, dass unsere Gesellschaft Narzissmus zu einem gewissen Teil fördert? Und welche Erziehungstipps können sie Eltern geben, die verhindern wollen, dass ihr Kind narzisstisch wird?

Ja, das ist mir sehr wichtig. Bis vor kurzem war man sich ganz sicher, dass man nicht genug loben kann. Lob stärkt das Selbstwertgefühl des Kindes, und je mehr davon, umso besser. Das ist ein Irrtum. Moderne Studien zeigen das eindeutig. Auch beim Loben gibt es, wie bei fast allem, ein Zuwenig und auch ein Zuviel. Eltern, die ihre Kinder überschätzen, sie deswegen permanent loben und über die anderen Kinder stellen, züchten Narzissten.

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Woran erkenne ich, dass mein Partner oder eine nahestehende Person offensichtlich narzisstisch ist und wie gehe ich damit um?

Erkennen ist leicht. Für mich ist das erste Kriterium diese spürbare selbstgefällige Selbstverliebtheit, die Sigmund Freud „ Libido sich selbst gegenüber“ genannt hat. Wie gesagt, wer sich selber überhöht und andere nieder macht, der hat eindeutig starke narzisstische Anteile. Damit umgehen ist nicht einfach.

Aber wie gesagt: niemand ist hundertprozentig narzisstisch, jeder hat auch gesunde Anteile. Wenn der Partner narzisstisch agiert, dann wäre es sehr hilfreich, wenn der andere ihm ein gut vorbereitetes, behutsames Feedback gibt.

Egozentrik und Arroganz sind keine gute Basis für eine harmonische Beziehung. Sind narzisstische Personen beziehungsunfähig? Können sie überhaupt jemand anderen lieben, als sich selbst?

Der Narzisst liebt nur sich selbst, die anderen benutzt er. Der Narzisst wertet andere ab, sie sind nichts wert in seinen Augen. Das macht ihn beziehungsunfähig. Aber bitte nicht vergessen: niemand ist 100% narzisstisch, und deswegen belastet der Narzissmus zwar eine Beziehung, er wird aber von den gesunden Anteilen des Menschen ausgeglichen. Die meisten Frauen von narzisstischen Männern sehen noch viel Liebenswertes an ihren Männern, das sind dann deren nicht-narzisstische Seiten.

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Sie beschreiben den männlichen Narzissmus anhand von realen Beispielen, die sie in ihrer Zeit als Psychiater gesammelt haben. An wen richtet sich ihr Buch?

Das Buch richtet sich an alle, die das Thema interessiert. Es ist kein Fachbuch. Da wir alle narzisstische Seiten haben, ist es gut, mehr darüber zu wissen. So können wir anders handeln. Die Handlungen sind entscheidend, nicht die Gefühle. Wer sich für Werte wie menschliche Solidarität entscheidet, der will immer weniger narzisstisch sein. Immer, wenn ein Mensch sich nicht narzisstisch verhält, verliert er den Wunsch, narzisstisch zu sein. Mit der Zeit ändert er sich dann.

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Vielen Dank für das Interview!

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