02.02.2017

Inkontinenz Gute Heilungsschancen bei Blasenschwäche

Diana Pieper

Auch Schwimmen kann Blasenbeschwerden lindern.

Foto: Fotolia / tunedin

Auch Schwimmen kann Blasenbeschwerden lindern.

Leiden Sie an Blasenschwäche? Dann sind Sie damit nicht allein. Frauen leiden besonders häufig an Blasenbeschwerden. Oft kostet es die Betroffenen Überwindung, offen über ihre Probleme zu sprechen. Dabei schlagen konventionelle Therapieformen oft sehr gut und schnell an.

bildderfrau.de: Wie funktioniert eigentlich die menschliche Blase und was passiert bei einer Blasenschwäche?

Heike Behrbohm, Pressereferentin beim Bundesverband für Gesundheitsinformation und Verbraucherschutz e.V. in Bonn: Unsere Nieren produzieren kontinuierlich Urin, der über die Harnleiter in die Blase geleitet und dort gesammelt wird. Die Blase kann sich wie ein Ballon ausdehnen und hat ein Fassungsvermögen von etwa einem Liter. Ab etwa 300 bis 600 Milliliter Füllvolumen spüren wir einen starken Harndrang. Ein Verschlusssystem, unterstützt von der Beckenbodenmuskulatur, hält den Urin zurück.

Gehen wir zur Toilette, so entspannen sich der innere und äußere Schließmuskel, während sich der Blasenmuskel zusammenzieht und den Urin nach draußen treibt. An diesen komplizierten Abläufen des Sammelns und Abgebens von Urin ist neben dem Blasenmuskel, dem inneren und äußeren Blasenschließmuskel außerdem unser Nervensystem beteiligt. Ist dieser Kreislauf an einer Stelle gestört, so kann es zur Blasenschwäche Blasenschwäche kommen.

Viele Frauen leiden an Blasenschwäche. Diese kann sich jedoch unterschiedlich auswirken. Wie kann sich die Krankheit äußern?

Bei Frauen ist die Belastungsinkontinenz besonders häufig, die auf einer Schwäche des Blasenschließmuskels beruht. Unter Belastung wie Husten, Treppensteigen oder beim Sport hält dieser Muskel dem Druck im Bauchraum nicht stand und es geht ungewollt Urin verloren. Bei der Dranginkontinenz, die mit zunehmendem Alter an Bedeutung gewinnt, funktioniert der Informationsaustausch zwischen Gehirn und Blasenmuskel nicht einwandfrei. Die Blase ist überaktiv oder überempfindlich.

Bei der überaktiven Blase (Reizblase) zieht sich der Blasenmuskel immer wieder plötzlich krampfartig zusammen und löst einen starken Harndrang aus. Die Betroffenen schaffen es dann nicht immer rechtzeitig zur Toilette und verlieren ungewollt Urin. Bei der überempfindlichen Blase erhält das Gehirn das Signal „Blase voll“ zu früh und gibt der Blasenmuskulatur den Befehl zur Blasenentleerung, auch wenn die Blase kaum gefüllt ist. Die Betroffenen haben ständig das Gefühl, auf die Toilette zu müssen, geben dann aber nur wenige Tropfen Urin ab.

Eine weitere Form der Blasenschwäche ist die Überlaufkontinenz. Sie betrifft hauptsächlich Männer und kann sich entwickeln, wenn die Harnröhre aufgrund einer gutartigen Prostatavergrößerung durch Harnsteine oder Tumoren blockiert ist. Die Reflexinkontinenz ist selten. Sie betrifft Menschen, bei denen die Nervenbahnen zwischen Gehirn und Rückenmark unterbrochen sind, etwa durch Verletzungen im Rückenmark. Hier kommt es ohne Harndrang zu unfreiwilligem Urinverlust.

Frauen sind von Blasenschwäche häufiger betroffen

Woran liegt es, dass Frauen häufiger betroffen sind als Männer?

Der weibliche Beckenboden wird mehr beansprucht, da Frauen ein breiteres Becken haben und die Muskulatur stärkeren Belastungen ausgesetzt ist, vor allem durch Schwangerschaft und Geburt. Eine schwache Beckenbodenmuskulatur führt dazu, dass der äußere Blasenverschluss nicht mehr richtig funktioniert. Aufgrund ihrer kürzeren Harnröhre sind Frauen außerdem anfälliger für Blasenentzündungen. Diese können, wenn sie häufiger vorkommen, einer Dranginkontinenz Vorschub leisten.

>> So können ältere Frauen der Blasenschwäche entgegenwirken

Welche Risikofaktoren können eine Blasenschwäche zusätzlich begünstigen?

Der größte Risikofaktor für eine Blasenschwäche ist gleichzeitig nicht zu beeinflussen: das Alter. Die Festigkeit der Muskulatur von Scheide und Harntrakt nimmt mit den Jahren ab, die Gebärmutter kann sich senken. Das übt zusätzlich Druck auf den Beckenboden aus.

Weitere Risikofaktoren für eine Beckenboden- bzw. Blasenschwäche sind ein schwaches Bindegewebe, Übergewicht, häufiges schweres Heben und chronischer Husten, etwa durch jahrelanges Rauchen. Die Gefahr einer Dranginkontinenz wird durch häufige Blaseninfektionen erhöht.

Da in den Wechseljahren die Produktion von Östrogen nachlässt, werden die Schleimhäute der Blase und Harnwege schlechter durchblutet und ihre Schutzfunktion nimmt ab. Frauen in und nach den Wechseljahren neigen daher verstärkt zu Harnwegsinfektionen. Seelischer Stress und Blasensteine können ebenfalls eine Dranginkontinenz verursachen oder fördern.

Warum man bei Blasenschwäche zum Arzt sollte

Oft ignorieren Betroffene die Symptome oder schieben sie auf andere Ursachen. Wann ist es Zeit, zum Arzt zu gehen?

Spätestens dann, wenn der Gedanke an die nächste Toilette den Alltag bestimmt, wenn Frauen ihre Aktivitäten aus Angst vor peinlichen Zwischenfällen einschränken oder ohne Inkontinenzhilfsmittel nicht mehr das Haus verlassen, wird es Zeit, den Arzt aufzusuchen. Am besten ist es natürlich, es gar nicht so weit kommen zu lassen. Schon wer hin und wieder ungewollt ein paar Tropfen verliert, sollte sich nicht scheuen, sich einem Arzt anzuvertrauen.

Blasenschwäche kann sehr unangenehm sein. Nicht nur empfinden es viele Betroffene als störend, häufig die Toilette aufsuchen zu müssen, teilweise geht auch ein Kontrollverlust der Blasenfunktion einher. Sicherlich auch deswegen ist es vielen Betroffenen unangenehm, darüber zu sprechen. Dabei lässt sich Blasenschwäche in den meisten Fällen sehr erfolgreich behandeln. An wen sollten sich Betroffene wenden?

Der erste Ansprechpartner ist meist der Hausarzt. Vor allem ältere Patientinnen kennen diesen meist seit vielen Jahren und haben das notwendige Vertrauen. Ebenso gut ist es, den Frauenarzt auf das Problem anzusprechen.

Welche Vorbereitungen sollten vor dem Arztbesuch getroffen werden?

Der Arzt wird beim Erstgespräch einige Fragen stellen: Zu Grunderkrankungen, regelmäßig eingenommen Medikamenten und Geburten. Außerdem wird er wissen wollen, in welchen Situationen wieviel Urin verloren geht, ob Schmerzen auftreten, wie oft die Betroffene am Tag die Toilette aufsucht und ob die Blase vollständig entleert werden kann.

Sinnvoll ist es, eine Weile vor dem Arztbesuch auf solche Dinge zu achten und sich Notizen zu machen. Ein Trink- und Toilettenprotokoll, in das Getränkemengen und die Toilettenbesuche eingetragen werden, kann dabei helfen.

>> Bei Blasenschwäche gut auf erstes Arztgespräch vorbereiten

Wie man Blasenschwäche effektiv vorbeugt

Welche Behandlungsmethoden gibt es?

Bei der Belastungsinkontinenz ist eine Beckenbodenschwäche die häufigste Ursache. Physikalische Methoden zur Stärkung des Beckenbodens stehen daher bei der Behandlung ganz oben. Unter der Anleitung von Physiotherapeuten lernen die Betroffenen, ihren Beckenbodenmuskel zu spüren und mit entsprechenden Übungen zu kräftigen.

Mit dem Biofeedback-Verfahren werden die Muskelspannungen an einem Monitor sichtbar gemacht. Mit etwas Übung können Beckenbodenübungen auch zuhause durchgeführt werden. Tritt durch Übungen allein keine Besserung ein, kann die Beckenbodenmuskulatur mithilfe von Elektrostimulation zur Anspannung angeregt werden.

Ist ein Hormonmangel in den Wechseljahren die Ursache, so sind östrogenhaltige Vaginalzäpfchen eine Option. Wenn keine Besserung eintritt oder bei stark ausgeprägter Inkontinenz kommt mitunter eine Operation infrage. Das kann zum Beispiel eine Straffung des Bindegewebes oder eine Harnröhrenunterspritzung sein, welche die Verschlussfähigkeit der Blase verbessert.

Bei Dranginkontinenz ist es ebenfalls sinnvoll, die Beckenbodenmuskulatur zu stärken, denn sie hat durch den starken Harndrang viel auszuhalten. Eine wichtige Maßnahme ist außerdem ein Blasentraining, bei dem der Abstand zwischen den Toilettengängen schrittweise verlängert wird. So gewöhnt sich die Blase wieder an größere Füllmengen.

Für Frauen höheren Alters oder bei Demenz ist eher ein Toilettentraining sinnvoll, bei dem Toilettengänge zu festen Zeiten verhindern sollen, dass es zum ungewollten Urinverlust kommt. Manche Patientinnen brauchen hierfür die Hilfe eines Angehörigen oder einer Pflegeperson. Darüber hinaus gibt es Wirkstoffe (Anticholinergika), die bei Dranginkontinenz eingesetzt werden können. Sie entspannen die dauerhaft verkrampfte Blasenmuskulatur und erhöhen das Fassungsvermögen der Blase.

Neben der medizinischen Therapie können Betroffene auch einige Kniffe in ihren Alltag einbauen. Worauf ist etwa im Bereich der Ernährung zu achten?

Eine leichte, ausgewogene Kost trägt dazu bei, überschüssige Pfunde abzubauen und entlastet damit auch den Beckenbodenmuskel. Zudem sorgen Ballaststoffe in Form von Vollkornprodukten, Obst und Gemüse sowie ausreichend Flüssigkeit dafür, dass es nicht zu Verstopfung kommt, die beim Stuhlgang den Beckenboden belasten würde.

Einige Nahrungsmittel sind harntreibend, wie zum Beispiel Spargel, Ananas oder Blumenkohl. Das gilt es zu beachten, wenn eine längere Unternehmung ansteht, bei der der nächste Toilettenbesuch schwierig werden könnte.

Warum Sport und Trinken bei Blasenschwäche so wichtig ist

Um ihre Blase nicht zu belasten, verzichten viele darauf, zu trinken. Dabei ist es auch bei einer Blasenschwäche ungemein wichtig, viel zu trinken. Warum?

Wenn die Nieren nicht ausreichend mit Flüssigkeit versorgt werden, produzieren sie einen hoch konzentrierten Urin, der die Blase reizt und den Harndrang noch verstärkt. Zudem steigt das Risiko für Harnwegsinfektionen, wenn Nieren und Blase zu wenig gespült werden. Empfohlen wird meist eine Trinkmenge von 1,5 bis 2 Litern am Tag.

Bei Herz-, Kreislauf- und Nierenerkrankungen muss diese Menge allerdings begrenzt werden. Bei Fieber, Durchfall oder Anstrengung ist der Flüssigkeitsbedarf wiederum höher. Sinnvoll ist es, die empfohlene Trinkmenge über den Tag geschickt zu verteilen und abends nicht mehr zu viel zu trinken, um nächtliche Toilettengänge zu vermeiden. Achtung: Kaffee, Tee sowie alkoholische und Sprudelgetränke sind harntreibend.

>> Nierenbeckenentzündung – Symptome ernst nehmen!

Hilft es, Sport zu treiben?

Sport hilft, das Körpergewicht zu halten und wirkt somit einer Belastungsinkontinenz entgegen. Sportarten, die viel mit Springen und Aufprallbewegungen verbunden sind, eignen sich bei Inkontinenz nicht – etwa Tennis, Joggen, Squash oder Fußball. Beckenbodenfreundlich sind hingegen Schwimmen, Walking, Wandern und Radfahren in der Ebene.

Wer es etwas temperamentvoller mag, kann auch Bauchtanz oder Zumba in der gemäßigten Variante ausprobieren. Beckenbodengymnastik, spezielle Aqua-Fitness und Pilates, unter kompetenter fachlicher Anleitung regelmäßig durchgeführt, stärken die Beckenbodenmuskulatur und können somit eine Blasenschwäche nicht nur in Schach halten, sondern sogar lindern. Beckenbodenübungen für zuhause eignen sich prinzipiell für jeden. Ungeübte oder Frauen mit Bewegungseinschränkungen sollten sich zuvor anleiten lassen.

Einige Betroffene trauen sich nicht, schwimmen zu gehen. Dabei ist Schwimmen eigentlich sogar sehr hilfreich für die Blase. Warum?

Schwimmen erfordert eine gute Spannung in der Körpermitte und aktiviert die Muskulatur im Bereich von Rumpf und Becken. Zudem führt die Beinbewegung zu einem ständigen Wechsel von Anspannung und Entspannung im Beckenbereich. Davon profitiert wahrscheinlich auch die Beckenbodenmuskulatur.

Wer nicht mehr zügig schwimmen und die Spannung im Rumpfbereich nicht halten kann, sollte besser auf Aquajogging oder Aquagymnastik zurückgreifen. Wichtig ist es, sich nach dem Schwimmen sofort trocken anzuziehen und die Füße warm zu halten, um Harnwegsinfektionen zu verhindern. Übrigens gibt es heutzutage eine reiche Auswahl an Inkontinenz-Bademode, die Sicherheit gibt und sich optisch nicht von herkömmlicher Bademode unterscheidet.

Welche weiteren Tipps zur Vorbeugung gibt es, die sich leicht in den Alltag integrieren lassen?

Vor allem bei stressbedingter Dranginkontinenz ist es wichtig, Entspannungsphasen in den Alltag einzubauen. Entspannungstechniken wie autogenes Training oder Tai Chi sind besonders hilfreich. Um Harnwegsinfektionen zu vermeiden, kommt es auf ein gutes Immunsystem an, aber auch auf die richtige Intim- und Toilettenhygiene.

Der Beckenboden sollte trainiert, aber nicht unnötig belastet werden, etwa durch falsches oder zu schweres Heben. So ist es besser, die Einkäufe auf kleinere Taschen zu verteilen und mehrmals zu gehen anstatt eine schwere Kiste aus dem Auto zu hieven. Wichtig ist es, möglichst aufrecht zu gehen und Gegenstände nah am Körper zu tragen.

Viele Informationen und praktische Tipps, eine Liste mit Fragen zur Vorbereitung auf den Arztbesuch, ein Trink- und Miktionsprotokoll zum Herunterladen sowie Beckenbodenübungen zum Nachmachen finden Betroffene unter www.frauen-blasenschwaeche.de.

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Diana Pieper

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