22.11.2016

DEUTSCHE HERZSTIFTUNG Herz unter Stress: Was können wir tun bei Herzstillstand?

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in Deutschland.

Foto: iStock/patrickheagney

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in Deutschland.

Der plötzliche Herztod gehört zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Wie wir selbst bei Herzstillstand helfen können...

 

Guten Tag Frau Doktor Werzmirzowsky, würden Sie sich bitte kurz unseren Leserinnen und Lesern vorstellen und uns erzählen, was Sie beruflich machen?

Dr. Judith Werzmirzowsky: Ich arbeite als Fachärztin in der Kardioanästhesie und Intensivmedizin in der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie des Universitätsklinikums Münster und bin regelmäßig als Notärztin aktiv. Außerdem bringe ich mich auf Veranstaltungen und Trainings zur Laien-Reanimation ein.

In diesem Monat finden die „Herzwochen“ der Deutschen Herzstiftung statt, dieses Jahr unter dem Motto „Herz unter Stress“. Warum steht das Herz im Mittelpunkt?

Zum einen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache in Deutschland, sodass das Herz praktisch ohnehin im Mittelpunkt unserer Gesellschaft steht. Wir wissen, dass es viele Risikofaktoren gibt, zum Beispiel Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes mellitus, aber auch psychosoziale Belastungen wie Stress, die wir beeinflussen können – wenn wir sie rechtzeitig erkennen und behandeln. Zum anderen ist das Herz ein emotional besetztes Zentralorgan, mit dem wir Gefühle und unsere Seele verbinden.

Der plötzliche Herztod gehört zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Was passiert dabei im Körper?

Völlig unerwartet setzt der Herzschlag aus, oder es entsteht eine zu schnelle Herzaktion. Beides führt dann zu einem Kreislaufstillstand. Das Herz ist nicht mehr in der Lage, das mit Sauerstoff beladene Blut in den Körper und in die lebenswichtigen Organe wie das Gehirn zu pumpen. Innerhalb weniger Sekunden wird der Betroffene bewusstlos und atmet nicht mehr oder nicht mehr normal.

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Sind eigentlich hauptsächlich ältere oder kranke Menschen von einem plötzlichen Herzstillstand betroffen?

Das Risiko, einen plötzlichen Herzstillstand zu erleiden, ist zwar für ältere oder vorerkrankte Menschen größer. Der plötzliche Herztod kann jedoch jeden zu jeder Zeit treffen.

Der plötzliche Herztod wird auch „Blitztod“ genannt. Schnelle Hilfe ist überlebenswichtig. Um wieviel Prozent erhöht sich die Überlebenschance, wenn sofort Wiederbelebungsmaßnahmen ergriffen werden?

Die Überlebensrate kann durch ganz einfache Maßnahmen verdoppelt bis verdreifacht werden. Vereinfacht kann man sagen: Je schneller geholfen wird, umso größer ist die Überlebenschance.

Stellen wir uns nun mal eine Notfallsituation vor – bis die Rettungskräfte eintreffen, zählt jede Sekunde. Was sind Anzeichen für einen Herzstillstand?

Der Betroffene ist bewusstlos. Er reagiert nicht auf laute Ansprache oder Berührung und er atmet nicht oder nicht normal.

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Welche Maßnahmen kann ich jetzt selbst ergreifen und in welcher Reihenfolge?

Dem Betroffenen zu helfen ist ganz einfach – und anhand der drei Worte „Prüfen – Rufen – Drücken“ gut zu merken. Als erstes sollte die Person angesprochen und an den Schultern gerüttelt werden. Reagiert sie nicht und atmet nicht oder nicht normal, rufen Sie den Notruf über die Telefonnummer 112 oder bitten einen anderen Helfer, dies zu übernehmen. Drehen Sie den Betroffenen auf den Rücken und legen ihn auf eine feste Unterlage.

Knien Sie sich neben ihn, legen Sie den Handballen einer Hand in die Mitte des Brustkorbes und verschränken Sie die Finger der anderen Hand mit den Fingern der unten liegenden Hand. Strecken Sie die Arme durch und drücken Sie fest etwa 5 cm tief und schnell 100-120 mal pro Minute auf den Brustkorb. Das entspricht übrigens dem Rhythmus des bekannten Bee-Gees-Lieds „Stayin‘ Alive“. Wenn möglich, wechseln Sie sich mit anderen Helfern ab.

Hören Sie mit den Maßnahmen nicht auf, bis der Rettungsdienst eintrifft. Ein Beatmen empfehlen wir nur Personen, die darin geschult sind. Das Wichtigste ist die eben beschriebene Herzdruckmassage.

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In einer Notsituation zählt jede Minute. Die Initiative „Ein Leben retten 100 Pro Reanimation“ will in diesem Zusammenhang Aufklärung leisten. Inwiefern besteht hier Aufklärungsbedarf?

Vom abgesetzten Notruf bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes dauert es durchschnittlich nur etwa 8 Minuten, was in Europa schon ein Spitzenwert ist. Das Überleben eines Herzstillstandes ist jedoch sehr unwahrscheinlich, wenn nicht innerhalb von 5 Minuten von Umstehenden mit der Herzdruckmassage begonnen wurde. Bereits nach drei bis fünf Minuten kann das Gehirn infolge mangelnder Sauerstoffzufuhr irreparable Schäden erleiden.

Pro Minute, in der nicht gehandelt wird, verringert sich die Überlebenswahrscheinlichkeit des Betroffenen um etwa 10 Prozent. Die Rate der Laien-Reanimation ist zwar in den letzten Jahren in Deutschland gestiegen, aber trotzdem mit etwa 30 Prozent noch zu gering.

Viele Menschen haben in einer Notsituation Angst, Fehler zu machen oder rechnen mit rechtlichen Konsequenzen. Wie begründet ist diese Angst?

Sie können nichts falsch machen, denn selbst wenn das Herz doch noch schlägt, wird die Herzdruckmassage nicht schaden. Auch wenn Sie ungeübt sind, können und sollen Sie eine Herzdruckmassage durchführen und – sofern vorhanden – einen automatischen Defibrillator anwenden. Durch Ihr Handeln haben Sie weder strafrechtliche noch zivilrechtliche Konsequenzen zu befürchten. Im Gegenteil: Wer nichts tut, kann unter Umständen wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden.

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Ein Leben retten 100 Pro Reanimation“ konnte durch ihre Aufklärungsarbeit die Bereitschaft in der Bevölkerung, Wiederbelebungsmaßnahmen zu ergreifen, schon auf über 30 Prozent anheben. Trotzdem schneiden andere Länder, wie Skandinavien oder Holland, weitaus besser ab. Woran liegt das?

In Dänemark beispielsweise ist das Thema Erste Hilfe und Reanimation bereits seit 2005 in den Schulunterricht integriert. Durch viel Öffentlichkeitsarbeit und das Anbieten von Erste-Hilfe-Kursen wird der Bevölkerung bewusst gemacht, wie wichtig die Laien-Reanimation ist.

Was muss Ihrer Meinung nach noch passieren, damit Deutschland im internationalen Vergleich aufholt?

Die Laien-Reanimation sollte auch in Deutschland selbstverständlich werden. Der Schulausschuss der Kultusministerkonferenz hat bereits 2014 beschlossen, zwei Unterrichtsstunden pro Schuljahr ab der 7. Jahrgangsstufe zum Thema Reanimation einzuführen. Dies muss noch in den Landesministerien umgesetzt werden. Helfen könnten auch regelmäßige Erste-Hilfe-Kurse am Arbeitsplatz.

Durch viel Öffentlichkeitsarbeit, wie sie die Initiative „Ein Leben retten – 100 Pro Reanimation“ leistet, sollte die Bevölkerung weiter für das Thema sensibilisiert und damit Berührungsängste vermindert werden. Alle Menschen in Deutschland sollten sich bewusst machen, dass wirklich jeder Leben retten kann.

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