16.11.2016

INTERVIEW Depressionen und Suizid: Markus Kavka macht Betroffenen Mut

Diana Pieper

Im Bar-TALK widmet sich Markus Kavka mit seinen Gästen schwierigen Themen wie Depression und Suizid und berichten offen über eigene Krisen, Erlebnisse und Strategien zur Bewältigung.

Foto: Marcus Höhn

Im Bar-TALK widmet sich Markus Kavka mit seinen Gästen schwierigen Themen wie Depression und Suizid und berichten offen über eigene Krisen, Erlebnisse und Strategien zur Bewältigung.

In seinem Bar-TALK spricht Markus Kavka mit betroffenen prominenten Gästen über Depressionen und Suizid mit dem Ziel das Tabu zu brechen.

bildderfrau.de: Lieber Herr Kavka, Sie sind seit den 90-er Jahren in der Medienbranche aktiv. Wir kennen Sie vor allem als Moderator, Sie sind aber auch Autor und DJ. Seit 2014 moderieren Sie die Sendung „Bar-TALK“, die vom erfolgreichen Regisseur Sven Haeusler umgesetzt wurde und auf YouTube ausgestrahlt wird. Worum genau geht es in dieser Sendung?

Markus Kavka: Im Bar-TALK sprechen wir mit Prominenten über die Themen Suizid und Depression, zum einen allgemein, vor allem aber auch aus dem persönlichen Blickwinkel der Prominenten, die über ihre privaten Erfahrungen und Erlebnisse bei diesen Themen berichten. Ziel dabei ist es, eine Öffentlichkeit für diese Tabuthemen zu generieren und vor allem junge Menschen dafür zu sensibilisieren.

„Bar-TALK“ wurde von dem Verein „Freunde fürs Leben“ ins Leben gerufen, der seit 2001 über die Themen Suizid und seelische Gesundheit aufklärt. Mit Ihnen hat der Verein einen prominenten Unterstützer gefunden. Was hat Sie dazu bewegt, an dem Projekt mitzuarbeiten?

Auch bei mir war es der persönliche Bezug zum Thema. Vor einiger Zeit nahm sich jemand in meinem Bekanntenkreis das Leben. Wir in seinem Umfeld waren damals verzweifelt und hilflos, weil wir nicht wussten, wie wir ihm helfen könnten bzw. an wen wir uns wenden könnten, um ihm zu helfen. Eine Einrichtung wie "Freunde fürs Leben" hätte uns seinerzeit bestimmt weitergeholfen, insofern war klar, dass ich den Verein unterstütze, als die Anfrage dazu kam.

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In „Bar-TALK“ interviewen Sie prominente Gäste wie den DJ Oliver Koletzki, den Musiker Bosse oder ganz aktuell die Schauspielerin Stephanie Stumph. Nach welchen Gesichtspunkten wählen Sie und der Verein Ihre Gäste aus?

Wichtig ist, dass die Prominenten einen persönlichen Bezug zum Thema haben und bereit sind, über diesen auch öffentlich zu sprechen. Wenn Prominente, die man für ihre Arbeit bewundert, dies tun, kann das auch ein Türöffner für Betroffene sein, die dies aus Scham oder Angst nicht tun.

Inwiefern ist es hilfreich, mit Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, über Depressionen, Suizid, und Versagensangst zu diskutieren?

Für viele ist es erst mal überraschend, dass auch erfolgreiche Popstars, Schauspieler und Moderatoren eine dunkle Seite haben, das würde man ja erst mal bei all dem Zuspruch und der Verehrung, die sie genießen, gar nicht denken. Die Erkenntnis, dass Prominente am Ende auch nur Menschen wie du und ich sind und ebenso ihre Probleme haben, kann Betroffenen dabei helfen, sich ebenfalls zu öffnen.

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Die Atmosphäre in „Bar-TALK“ wirkt sehr entspannt und unverkrampft. Sie treffen sich mit Ihren Gästen auf einen Drink am Tresen einer Berliner Bar. Merken Sie, dass dieses Umfeld es Ihren Gästen erleichtert, über persönliche und auch schwierige Themen zu sprechen?

Die Atmosphäre in dieser Bar ist auf jeden Fall eine ganz andere als beispielsweise in einem Fernsehstudio. Man sitzt am Tresen und unterhält sich, wie man es eben auch tut, wenn man mal zusammen einen trinken geht. Mein Eindruck war, dass die Gäste in diesem Set-Up sehr schnell vergessen haben, dass da auch eine Kamera ist, die alles aufnimmt – was für ein so ein Gespräch natürlich der Idealfall ist.

Den Auftakt der zweiten Staffel von „Bar-TALK“, die seit Oktober bei YouTube zu sehen ist, bildet die Folge mit der Schauspielerin Stephanie Stumph, der Tochter des Schauspielers Wolfgang Stumph. Es fällt auf, dass Sie nicht einfach nur die klassische Moderatorenrolle besetzen. Stephanie Stumph und Sie spielen sich vielmehr die Bälle gegenseitig zu. Das Ganze wirkt so wie ein Gespräch unter alten Bekannten, nicht wie eine einseitige Fragerunde. Fällt es Ihnen eigentlich schwer, sich zu solchen Themen zu äußern?

Anfänglich fiel es mir schon schwer, zumal ich ja auch einen sehr traurigen privaten Bezug dazu hatte. Schwierig war auch, nicht in eine Art Betroffenheitsmodus zu verfallen, weil damit niemanden geholfen wäre. Trotz der Schwere des Themas wollen wir grundsätzlich positiv sein und Mut machen. In vielen Gesprächen wurde ja sogar auch mal gelacht – das ist auch wichtig.

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Und welche Erfahrungen haben Sie in diesem Zusammenhang mit Ihren Gästen gemacht?

Ich war jedes Mal aufs Neue überrascht, wie tiefgründig, aufrichtig und verbindlich die Gespräche am Ende waren. Als Journalist habe ich bestimmt an die 1.000 Interviews geführt, von denen naturgemäß viele eher an der Oberfläche blieben, schließlich will man als Künstler in erster Linie die neue Platte oder die Tour bewerben bzw. vor allem unterhaltsam und gut gelaunt rüberkommen. Im Bar-TALK haben alle Protagonisten diese Fassade fallen lassen.

In „Bar-TALK“ integrieren Sie auch besondere Elemente, wie das „Assoziationsspiel“. Was genau steckt dahinter und inwiefern hilft es Ihnen dabei, Zugang zu Ihren Gästen zu finden?

Spiele dieser Art sind immer hilfreich, um die Gäste aufzulockern, gerade wenn der Hauptinhalt des Gesprächs eher ernsterer Natur ist. Am Ende wollen wir auch ein möglichst komplettes Bild der Prominenten zeigen, der Zuschauer soll sie so gut wie möglich kennenlernen, um sich besser mit ihnen identifizieren zu können.

Gab es auch mal Momente, in denen es brenzlig wurde?

Brenzlig im klassischen Sinne wurde es nicht. Es hat auch kein Gast jemals eine Interviewfrage als zu intim bzw. privat empfunden und sie deswegen nicht beantwortet oder das Gespräch gar abgebrochen. Es gab aber durchaus Situationen, die so intensiv und berührend waren, dass alle Beteiligten am Set erst mal schlucken mussten.

Ein großes Ziel von „Freunde fürs Leben“ und dem Projekt „Bar-TALK“ ist die Enttabuisierung. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass Themen wie Depressionen und Suizid in unserer Gesellschaft immer noch große Tabus sind?

Zunächst mal sind das natürlich nicht die klassischen Spaß-Themen, über die man sich einfach mal so unterhält. Depressionen werden zudem in weiten Teilen unserer Gesellschaft immer noch nicht als Krankheit akzeptiert, sondern als Schwäche und/oder Macke empfunden. Unser Umgang mit Suizid ist sicherlich noch geprägt durch die christliche Auffassung, dass Selbstmord eine Sünde ist, obwohl sich in der Bibel kein ausdrückliches Selbstmord-Verbot findet. In unserer Gesellschaft gilt Suizid als ein sinnloser Akt, dabei ist die Wahrheit viel komplexer.

Jedes Jahr begehen etwa 10.000 Menschen in Deutschland Suizid, darunter sind etwa 600 Jugendliche. Worin besteht im Umgang mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung besteht wohl darin, erst mal einen Zugang zu diesen jungen Menschen zu finden. Viele von ihnen ziehen sich aus Unsicherheit zurück, viele fühlen sich auch allein gelassen. Andere lehnen jede Art von Bevormundung ab, weswegen man mit altklugen Ratschlägen oder gar Sanktionen genau das Gegenteil von dem erreicht, was man erreichen will. Vielmehr sollte der Umgang mit gefährdeten jungen Menschen stets von Respekt und Verständnis geprägt sein.

Auch die Angehörigen von Menschen, die unter Depressionen leiden, sind oft betroffen. Was raten Sie Ihnen?

Auch sie sollten möglichst zeitnah professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, denn nur wer physisch und psychisch stabil ist, kann für suizidgefährdete Menschen eine Hilfe und Stütze sein.

„Bar-TALK“ gibt es seit etwa zwei Jahren. Wie viele Zuschauer haben Sie ungefähr und wie ist die Resonanz?

Bis jetzt hatten wir etwa 45.000 Views – was für dieses Thema eine enorme Resonanz ist. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv, die Leute sind einfach wahnsinnig dankbar, dass wir uns dieses Themas annehmen, zumal auf so eine Art und Weise. Das bestärkt uns natürlich darin, unsere Arbeit im Rahmen unserer Möglichkeiten unbedingt fortzuführen.

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