Immer wieder wird Melatonin als Wundermittel gepriesen. Es gilt als Anti-Aging-Wunder, das jung, fit und schön hält. Es soll das Immunsystem stärken und sogar im Kampf gegen den Krebs helfen. Was ist dran an diesem vermeintlichen Wundermittel, dessen synthetisch hergestelltes Pendant Gesundheitsbewusste in den USA mittlerweile sogar im Supermarkt kaufen können?
Melatonin regelt den Schlaf-Wach-Rhythmus
Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, welches von der Zirbeldrüse des Gehirns produziert wird. Im menschlichen Körper hat dieses Hormon eine sehr wichtige Funktion, denn es regelt den Schlaf-Wach-Rhythmus. Wenn natürliches Licht, also Sonnenlicht, auf die Netzhaut des Auges trifft, wird die Melatonin-Produktion im Gehirn gedrosselt und man fühlt sich wach und ausgeschlafen. Ist es schummrig oder gar dunkel, wird die Produktion wieder gesteigert und man wird müde.
Entsprechend schnell oder langsam steigt dann auch der Melatonin-Spiegel im Blut. Den höchsten Wert erreicht das Hormon ungefähr drei Stunden nach Mitternacht und sinkt erst wieder in den frühen Morgenstunden. Im Alter sinkt die Produktion von Melatonin stetig ab, was ein Grund für die Schlaflosigkeit sein kann, unter der viele ältere Menschen leiden. In den ersten drei Monaten nach der Geburt ist der Melatonin Spiegel am höchsten, was das erhöhte Schlafbedürfnis der Neugeborenen erklärt.
Winter Blues und Jetlag - wenn der Rhythmus gestört wird
Im Winter, wenn es früh dunkel wird, sich das Sonnenlicht hinter einer dicken Wolkendecke versteckt und wir uns vermehrt in geschlossenen Räumen aufhalten, reagiert der Körper entsprechend und die Zirbeldrüse kurbelt die Produktion des Melatonins an. Tatsächlich hat der Körper das Gefühl, als würde die Nacht nie zu Ende gehen und die Folgen sind Müdigkeit, Lustlosigkeit und zum Teil sogar schwere depressive Störungen. Auch Schicht- oder Nachtarbeiter haben oft Probleme, zu einem geregelten Schlaf-Wach-Rhythmus zu finden. Schuld daran ist auch in diesem Fall das Melatonin. Wer viel unterwegs ist und dabei immer wieder in verschiedene Zeitzonen fliegen muss, hat mit dem so genannten Jetlag die gleichen Probleme. Bei Blinden ist die Produktion von Melatonin dauerhaft gestört.
Licht hilft dem Rhythmus auf die Sprünge
Was kann man unternehmen, um im Winter bessere Laune zu haben und sich nicht permanent schläfrig zu fühlen? Lässt sich das Melatonin überlisten? Natürlich - und zwar mit einem Spaziergang an der frischen Luft, der im Idealfall in den Mittagsstunden stattfindet. Selbst an bewölkten Tagen reicht das Sonnelicht in unseren Breitengraden aus, um das Melatonin in Schach zu halten.
Die Skandinavier zieht es gar ins Lichtstudio. Im hohen Norden gibt es sehr lange Winter, in denen sich die Sonne überhaupt nicht mehr sehen lässt und Tage, an denen es nicht einmal mehr hell wird. Es ist daher kein Wunder, dass die Selbstmordrate in Norwegen, Schweden und Finnland in den Wintermonaten sehr hoch ist. Um das zu verhindern, gegen die Skandinavier in so genannte Lichtstudios, in denen sie praktisch Licht tanken, um so die Produktion von Melatonin zu senken. Ein Besuch auf der Sonnenbank tut es aber manchmal auch.
Melatonin – die Produktion medikamentös beeinflussen
Und was ist mit der Anti-Aging-Wirkung und all den anderen Dingen, bei denen Melatonin Wunder wirken soll? Wer überlegt, das Melatonin in Form von Nahrungsergänzungsmitteln zu sich nehmen, sollte wissen, dass es bislang keine Langzeitstudien über die Verträglichkeit und die Wirksamkeit gibt.
In Deutschland ist derzeit nur ein einziges Präparat zugelassen, das gegen Schlafstörungen helfen soll. Dieses Medikament ist rezeptpflichtig und nur in Apotheken erhältlich. Vorsicht vor Medikamenten, die im Internet verkauft werden. Eine Selbstmedikation kann starke Nebenwirkungen haben und unter Umständen noch schläfriger und unkonzentrierter machen, als man es ohnehin schon ist. So wird aus dem vermeintlichen Jungbrunnen eine Schlaftablette.
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