19.06.2012

Auch 28 Monate nach dem Erdbeben leidet ganz Haiti unter den Folgen. Doch immer mehr Mütter nehmen das Schicksal ihrer Familien selbst in die Hand, um der Armut und Hoffnungslosigkeit zu entkommen. BILD der FRAU hat sie besucht.

Auch 28 Monate nach dem Erdbeben leidet ganz Haiti unter den Folgen. Doch immer mehr Mütter nehmen das Schicksal ihrer Familien selbst in die Hand, um der Armut und Hoffnungslosigkeit zu entkommen. BILD der FRAU hat sie besucht.

null
Marie-Lourde wünscht sich ein besseres Leben für ihre Tochter - und arbeitet hart dafür. © CARE / Evelyn Hockstein

Goudougoudougoudou! Für die schlimmsten Sekunden ihres Lebens haben die Haitianer einen eigenen Ausdruck erschaffen. 35 Sekunden bebte am 12. Januar 2010 die Erde. 35 Sekunden, die mehr als 220.000 Menschen das Leben kosteten und zwei Millionen obdachlos machten. Goudougoudougoudou! Ein schrecklicher, verzweifelter Laut. Als würde die Erde um Hilfe schreien.

Wir fahren durch die Hauptstadt Port-au-Prince. Holpern durch Schlaglöcher vorbei an zusammengestürzten Häusern, die wie Mahnmale am Straßenrand stehen. Je ärmer die Stadtviertel, desto weniger wurde wieder aufgebaut. Überall die blau glänzenden Planen von Zelten. Unter ihnen finden die Menschen Zuflucht, die alles verloren haben. Ihr Haus, ihren Besitz und oft auch die Menschen, die sie geliebt haben.


"Tagsüber ist es zu heiß in den Zelten, nachts regnet es rein"
Auch Jesula, 24, wohnt mit Mann und zwei Kindern in einem solchen Camp. So wie 500.000 andere Obdachlose lebt sie auf engstem Raum. Im Inneren hält sie es bei 35 Grad nicht aus. "Tagsüber ist es zu heiß, und nachts regnet es rein." Sie zuckt mit den Schultern: "Aber Hauptsache, wir leben." Schon bald, das hofft sie, werden ihre Kinder wieder in einem richtigen Haus schlafen. Auch sie würde sich dann sicherer fühlen.


In Sparclubs sammeln die Frauen Geld und geben sich kleine Kredite. © CARE / Evelyn Hockstein

"Immer wieder dringen Männer in Zelte ein und vergewaltigen Frauen. Das Schlimmste daran: Die Frauen schämen sich auch noch dafür und gehen nicht zur Polizei", erzählt Yverose, 38. Die sechsfache Mutter ist als freiwillige Sicherheitskraft bei der haitianischen Frauengruppe 'Kampf gegen Gewalt' aktiv. Auch heute patrouilliert sie durch ein Camp. Sie spricht mit den Frauen, die vor ihren Zelten kochen und Wäsche schrubben, gibt ihnen ein Gefühl der Sicherheit. Und ermuntert sie, bei Übergriffen Anzeige zu erstatten. "Viele Männer sind frustriert, weil sie keinen Job haben," sagt Yverose. "Sie lassen ihre Wut an den Frauen aus. Dabei würde Haiti ohne uns Frauen untergehen."


Haitis starke Frauen kämpfen – für sich, ihre Familie, für eine gemeinsame Zukunft. "Die Haitianerinnen sind wie die Säulen in einem Tempel. Auf sie ist Verlass, sie stützen und halten alles zusammen", sagt die Deutsche Anne-Rose, 55, die seit 32 Jahren in Haiti lebt.


Danaika und Rachelle sind traumatisiert. © CARE / Evelyn Hockstein

Danaika,12: "Ich habe jede Nacht Albträume"
Anne-Roses Haus hielt dem Beben stand, Marie-Lourde, 46, hatte weniger Glück. Doch dank der Hilfsorganisation 'Care' wurde ihr Haus vor zwei Monaten wieder aufgebaut. Neben den verschlissenen Polstermöbeln steht ein altes elektrisches Klavier, das Marie-Lourde aus ihrem Haus retten konnte. Spielen kann sie darauf nicht – es gibt keinen Strom. Das Baumaterial hat die vierfache Mutter selbst die Hangstraße hochgeschleppt. "Nur den Zement habe ich nicht geschafft." Sie erzählt, dass sie nebenbei auch noch ihren Schulabschluss nachgeholt hat. "Damit ich meinen Kindern irgendwann ein besseres Leben bieten kann."

Viele Kinder in Haiti sind bis heute schwer traumatisiert. "Ich dachte, dass ich sterben muss", erzählt Danaika, 12, die beim Beben unter Ziegelsteinen begraben wurde. Vor dem Erdbeben war sie die Beste im Unterricht, jetzt schaut sie teilnahmslos auf die Tafel. Dank Spenden konnte die Schule wieder eröffnen, doch ein normaler Schulalltag ist bis heute nicht möglich. "Ich habe jede Nacht Albträume", sagt Danaika. Auch ihre Freundin Rachelle, 12, wacht oft schweißgebadet auf: "Ich habe Angst, dass die Wände wieder zusammenfallen."


"Gemeinsam können wir Frauen viel mehr bewirken"
Wir fahren nach Léogâne, 35 Kilometer von Haitis Hauptstadt entfernt. Hier lag das Epizentrum des Bebens, fast alle Häuser wurden zerstört. Marie Denise, 33, verkauft am Straßenrand Früchte. Viel verdient sie damit nicht: "Aber besser, als nutzlos herumzusitzen", sagt sie. Ihr Traum: ein richtiger Essensstand mit einem kleinen Grill. "Vielleicht kann ich damit genug verdienen, um irgendwann unser Haus zu reparieren", hofft die Mutter von drei Kindern. Sie zeigt auf die Grundmauern ihres ehemaligen Heims.


Yverose und Marrie patrouillieren durch die Zelt-Camps, um Frauen vor Gewalt zu schützen. © CARE / Evelyn Hockstein

Gleich daneben steht eine mit Planen bespannte Hütte, seit zwei Jahren ihr Zuhause. "Doch ich spare, was ich kann, damit wir bald weiterbauen können", sagt Marie Denise. Sie ist Mitglied einer besonderen Initiative: einer Spargruppe für Frauen!


Heute ist ihr wöchentliches Tre ffen. Die Frauen sitzen im Freien und singen zur Begrüßung: "Herr, steh uns bei, um der Armut zu entfliehen". Dann holen sie die Geldkassette heraus. Marie Denise zahlt wie jedes der 30 Mitglieder mindestens 50 Gourdes (ca. 1,05 Euro) ein.


Aus dem Ersparten werden kleine Kredite unter den Mitgliedern vergeben. "Wir Frauen haben verstanden, dass wir gemeinsam viel mehr bewirken können", sagt Marie Denise. Bald wird auch sie einen Kredit beantragen. Danach, das hofft sie ganz fest, wird das Leben ihrer Familie jeden Tag ein bisschen besser werden.



So sah es auf Haiti vor dem verherenden Erdbeben aus. © CARE / Evelyn Hockstein

Info: Spenden für Haiti
Der karibische Inselstaat Haiti hat rund 9,7 Millionen Einwohner. Am 12. Januar starben mehr als 220. 000 Menschen bei dem Erdbeben, das 7,0 auf der Richterskala anzeigte. Zwei Millionen wurden obdachlos, ein Viertel von ihnen wohnt noch immer in Zeltstädten. 80 Prozent der Menschen leben in Armut.


Wer Haitis Bevölkerung beim Wiederaufbau unterstützen will, kann u.a. für die Hilfsorganisation 'Care' (www.care.de) spenden:


CARE e.V. Sparkasse Köln-Bonn
Kontonummer: 4 40 40
Bankleitzahl: 370 501 98
www.care.de



Lesen Sie auch auf bildderfrau.de:
» Mehr aus unserer Rubrik Familie & Leben
»

Marion & Samuel Koch: "Er will immer so stark sein!"

Kommentare einblenden